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Verjüngt: Kaia Gerber präsentiert Longchamp im September in New York. Bild: AP

Longchamp wird 70 : Die halbe Welt in der Tasche

Vor 70 Jahren wurde die Marke Longchamp gegründet. Philippe Cassegrain, der damals elf Jahre alt war, erzählt von den Anfängen – und der Zukunft.

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          Die Anfänge waren bescheiden. Der Vater von Philippe Cassegrain hatte einen Tabakladen geerbt. „Darin hätte er sein Leben lang stehen können, aber dafür war er viel zu umtriebig“, sagt Philippe Cassegrain. Also verkaufte er in seinem kleinen Laden mitten in Paris nicht nur Tabakwaren, die nach dem Krieg sehr begehrt waren, weil die amerikanischen Soldaten so gerne rauchten. Er dachte weiter. „Mein Vater war ein guter Verkäufer“, erzählt Cassegrain. „Alle Pfeifen, die er verkaufte, sahen unterschiedlich aus.“ In der Betriebswirtschaftslehre von heute hieße es „unique selling proposition“, damals sprach Jean Cassegrain einfach von „quelque chose de spécial“. Um seine Pfeifen besonders zu machen, ummantelte er sie mit Leder; so hatten sie einen guten Griff, und so machte man auf den Boulevards etwas her, denn damals war Rauchen in der Öffentlichkeit noch eine Art Statussymbol. Wie nebenbei schuf er die Grundlage für eine Luxusmarke, die in diesem Jahr ihr 70. Jubiläum feiert. Das Kerngeschäft: Leder.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Wenn Philippe Cassegrain von seinem Vater erzählt, dann lässt schon das Ambiente erahnen, welchen Weg diese Familie in sieben Jahrzehnten zurückgelegt hat. Der Einundachtzigjährige empfängt in einem der vielen herrschaftlichen Räume der großen Zentrale des Konzerns in der Rue Saint-Honoré. Seine Kinder haben längst übernommen: Sophie Delafontaine ist Kreativ-Direktorin und entwirft nicht nur Schuhe und Taschen, sondern inzwischen auch eine ganze Modekollektion; Jean Cassegrain, der Älteste der Geschwister, ist Geschäftsführer; und Olivier Cassegrain verantwortet von New York aus das Amerika-Geschäft.

          Philippe Cassegrain als Kleinkind.

          Ihr Vater schaut zwar öfters mal vorbei im Büro, muss er aber gar nicht mehr. Die Kinder haben durch die Ausweitung der Produktpalette, durch mehr eigene Läden und durch stärkeres Marketing den Jahresumsatz auf weit mehr als eine halbe Milliarde Euro hochgetrieben – und das als Familienunternehmen in einem Umfeld, das von großen Luxuskonzernen wie Kering und LVMH dominiert wird.

          In Deutschland fällt es der Familie leicht zu expandieren, weil eine zufällige Werbeträgerin Angela Merkel heißt: Die Longchamp-Taschen der Bundeskanzlerin, die sie selbst im Berliner Laden kauft, sind zu einer Art Symbol für ihren so unprätentiösen wie soliden Stil geworden.

          Hongkong, Singapur und Malaysia

          Wie es in Familienunternehmen so ist: Man beginnt sehr früh. Philippe Cassegrain musste, kaum dass er als Elf- oder Zwölfjähriger mittags aus der Schule kam, seiner Mutter im Laden helfen. „Wir vier Geschwister haben dann Zigarettenetuis oder Passhüllen hergestellt. Ich hatte eine kleine Maschine zum Vergolden, für den Namens-Schriftzug.“

          Der Vater war viel unterwegs, reiste schon damals um die Welt, um seine Zigarettenetuis und die in alter Sattlertechnik mit Leder bezogenen Pfeifen zu verkaufen und Materialien wie Eidechsen- oder Krokodilleder zu kaufen. „Und er brachte zum Beispiel aus Japan kleine Souvenirs mit, die ihm als Ideengeber für eigene Artikel dienten“, sagt Cassegrain.

          2018: Philippe Cassegrain mit seinen Kindern Olivier, Sophie und Jean (v.l.n.r.)

          Der Erfolg der Produkte – bald kamen Aktentaschen, Schreibunterlagen, Visitenkartentaschen und andere Kleinlederwaren hinzu – rührte natürlich auch vom Ruf der Stadt Paris her. Nach dem überstandenden Krieg glänzte ihr Name vor allem in Amerika heller als je zuvor.

          Philippe Cassegrain als junger Geschäftsmann.

          „Von meinem Vater habe ich vor allem gelernt, viel zu arbeiten“, sagt Philippe Cassegrain. Er reiste viel, mit dem Dampfschiff nach Afrika, mit dem Kreuzfahrtschiff nach Amerika, und 1954, mit gerade einmal 17 Jahren, allein nach Hongkong, Singapur, Malaysia, im Koffer die Musterteile. Er stellte sie all den Händlern vor, die ihm sein Vater auf einer Liste penibel aufgeführt hatte.

          „Eine Idee bringt weitere Ideen hervor“

          Natürlich sollte der Sohn ins Unternehmen eintreten. Aber eine weitere wichtige Aufgabe verdankte er dem Zufall. In der großen Halle des Terminals 1 am Flughafen Orly hatte der Vater ein großes Geschäft eröffnet, als Pionier des Airport-Luxushandels. „Eigentlich sollte meine jüngere Schwester Brigitte den Laden verantworten. Aber sie war noch zu jung für den Führerschein. Also musste ich mich darum kümmern“, erzählt er. Schließlich hatte er schon eine Vespa, mit der er auch Kunden in Paris belieferte.

          „Schon um sieben Uhr morgens ging es in Orly mit dem Verkaufen los“, sagt Cassegrain. Das Geschäft war ein Erfolg, denn es gab nun Direktflüge zwischen New York und Paris: „Die Leute warteten auf ihre Flüge, es gab nicht viele Geschäfte, und unsere Koffer waren modern.“

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          1972 folgte Philippe Cassegrain auf seinen Vater. Er baute das Geschäft aus, verstand sich aber nicht nur als Business-Mann. Er zeichnete gerne und gut und erfand die Tasche Pliage, den Dauer-Bestseller. „Eine Idee bringt weitere Ideen hervor“, sagt Cassegrain bescheiden. Das soll wohl heißen, dass er nur auf dem aufbaute, was sein Vater geschaffen hatte.

          Und was denkt er über das Geschäft heute? „Lange waren wir einfach ein Lederwarenhersteller“, sagt er. „Heute geht alles in Richtung Mode. Das ist ein großer Schritt, auch wegen der großen Marken, mit denen wir konkurrieren müssen.“

          Und wie geht es weiter? Ein Enkel, so erzählt er, arbeitet für Carrefour, ein weiterer für die Axa-Versicherung, eine Enkelin bei Chanel. „Ihre Eltern sind nicht so streng mit ihnen, wie mein Vater es mit mir war“, sagt er und lacht. Aber solche auswärtigen Erfahrungen könnten ja wiederum nur helfen. „Ich hoffe, dass die Firma in der Familie bleibt.“

          Geburtsstunde des Flughafenhandels: Longchamp-Geschäft in Orly in den Fünfzigern.

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