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Longchamp : Der Trick mit dem Knick

Ein Mann und sein Werk: Jean Cassegrain vor den Taschen seines Hauses in der Filiale in München. Bild: Andreas Müller

Mit Tabakpfeifen begann es, mit Handtaschen machte Longchamp große Geschäfte. Drei Generationen und 30 Millionen verkaufter Taschen später hat das Pariser Familienunternehmen große Pläne.

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          Tabak galt einst als „braunes Gold“. Die Gewinnspannen waren riesig, und der Umsatz blühte. Als Jean Cassegrain Senior Ende der dreißiger Jahre den kleinen Laden für Zigaretten und Zigarren seines Vaters in der Rue Poissonnière im Herzen von Paris übernahm, merkte er sehr schnell, dass das große Geschäft nicht mit den nikotinreichen, fermentierten und kleingehäckselten Laubblättern aus Amerika zu machen war, sondern mit Pfeifen. Cassegrain setzte auf erstklassige Stücke und beste Materialien: Baumheide aus Saint-Claude; Meerschaum aus Tansania; Hölzer von Kirsch- oder Olivenbäumen. Vor allem aber verkaufte er lederummantelte Pfeifenköpfe. Edelexemplare für gutbetuchte Raucher. Seine Stücke fanden reißenden Absatz. Cassegrain verdiente in seinem „Au Sultan“ genannten Laden ein kleines Vermögen und hegte große Pläne.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Er gründete einen Betrieb, nannte ihn nach der Rennbahn Longchamp draußen im Westen der französischen Hauptstadt, setzte erst auf Lederpfeifen und dann auf Koffer sowie Taschen. Er kaufte alte Fabriken, richtete sie neu aus und produzierte selbst, was er verkaufte. Ein gewagtes Unterfangen, das sich auszahlte. In den sechziger Jahren war Longchamp in mehr als hundert Ländern vertreten. Heute lenkt der Enkel eines der letzten familiengeführten Luxusunternehmen der Welt.

          Aus dem Geschäft mit teuren Tabakpfeifen erwuchs ein Imperium für Taschen; anstelle der Edelraucher bedienen die Cassegrains heute Damen von Welt und mit Geld. Künstlerinnen, Schauspielerinnen und Bundeskanzlerinnen, von der Haus- bis zur preisbewussten Karrierefrau. Die Erlöse im Hause Longchamp haben in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten mit durchschnittlich 13 Prozent im Jahr zugelegt. Die Marke setzt auf Wachstum und nimmt nun auch wieder Männer ins Visier.

          Dabei wird der rund 100 Milliarden Euro große Weltmarkt für Taschen aller Art von Konzernen wie Kering oder Louis Vuitton beherrscht. Longchamp ist eine der wenigen Ausnahmen. Klein und fein mit einem großen Hit. Allein vom Taschenmodell namens „Le Pliage“ verkauft das Familienunternehmen jedes Jahr weit mehr als eine Million Exemplare.

          Zusammenfaltbar wie ein Stadtplan

          Die erste Nylontasche des Hauses war Anfang der siebziger Jahre von Philippe Cassegrain, dem Sohn des Gründers, für eine seiner vielen Handelsreisen entworfen worden. Sie war praktisch und stabil, zusammenfaltbar, strapazierfähig und hatte ihre Anhänger. Zwanzig Jahre später wurde daraus das Modell „Le Pliage“. Man konnte es dank der raffinierten Knickführung wie einen Stadtplan zusammenfalten. Origami für Handtaschen. Das sorgte im Markt für einige Furore und viele Käufer.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Modelle in Gelb, Grün, Rot, Hell- und Dunkelbraun. Kate Moss besitzt nicht nur eine kleine Sammlung verschiedener Farben und Formen der „La Pliage“, sie ist auch ihre eigene Designerin. Der Künstler Jeremy Scott entwirft kunterbunte Sondermodelle. Das Museu Tèxtil i d’Indumentària in Barcelona nahm die Tasche in den Designbestand auf. Eine Tasche für alle Fälle. Sie ist nicht preiswert, aber auch nicht teuer; sie wirkt schlicht, sie ist ein Stück für alle Schichten und jede Altersklasse. Eine Tasche wie ein Statement.

          Das Modell wurde die Basis für den Erfolg des Hauses Longchamp. Jean Cassegrain Junior ist heute dort der Herr der Zahlen und Geschäfte. Die liefen in den vergangenen fünf Jahren überaus gut. Kein Wunder: Longchamp hat in allen wichtigen Metropolen dieser Welt neue Läden eröffnet.

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