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London Fashion Week : In der Mode ist das Königreich vereinigt

Bild: Helmut Fricke

Während Großbritannien um die Unabhängigkeit Schottlands streitet, blüht und grünt die Londoner Modewoche. Niemand zweifelt an diesem Ort, weil alle einig sind: hier verkauft es sich ausgezeichnet.

          4 Min.

          Ein alter Tunnel hinter der Waterloo Station. Am Eingang das Schild: „Offizielle Graffiti-Fläche“. Der Tunnel ist nicht grau wie Beton, sondern leuchtet von innen in allen Farben, die es in der Sprühdose so gibt. Es stinkt nach frischer Farbe, nach Urin. Je tiefer man hineinspaziert, desto lauter dröhnt der Bass. „Tickets? Ach, gehen Sie einfach durch.“ Kein Türsteher eines Underground-Clubs winkt die Besucher durch, sondern eine PR-Frau auf High Heels mit iPad in der Hand. Es ist nicht Samstagnacht, sondern Sonntagvormittag. Und es ist Londoner Modewoche.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Schuhdesignerin Sophia Webster präsentiert in dem stillgelegten Tunnel ihre bunten Entwürfe fürs Frühjahr. Muss das in einem Rave-Schuppen sein? Kommt London, die Stadt, die neben New York, Mailand und Paris eine Rolle in der Mode spielen soll, doch vielleicht nie über die Pubertät hinaus?

          Da stehen im Schwarzlicht bei dröhnender Musik vor leuchtenden Graffitiwänden Models in locker gestrickten Leibchen, in Bikinis, mit weißgeschminkten Gesichtern. Solche Einfälle haben Modestudenten im dritten Semester. Nur spielt Sophia Webster mit diesem Image. Sie ist nicht irgendeine Mode-Absolventin, sondern eine der erfolgreichsten jungen Schuhmacherinnen. Auch ihre High Heels mit Obstbouquets, die pinkfarbenen spitzen Schnürschuhe, die Flamingos auf dem Fußspann, lassen die Kundenliste länger werden. Es sind Schuhe, die einen Look machen. Hier, in diesem Schwarzlicht, stehen Websters Schuhe für den Zustand der Londoner Mode.

          Die Schuhdesignerin Sophia Webster präsentiert ihre Entwürfe fürs Frühjahr. Muss das in einem Rave-Schuppen sein?

          Während Großbritannien um die Unabhängigkeit Schottlands streitet, sind sich die Designer auf der „London Fashion Week“ einig. Niemand zweifelt ernsthaft an diesem Mode-Ort. Stattdessen wahren sich die Peter Pilottos, die Simone Rochas und die Sophia Websters ihre Kreativität – und verkaufen trotzdem ausgezeichnet. Laut „Oxford Economics“ steigen die Umsätze britischer Designermode jährlich um 20 Prozent und machen heute umgerechnet knapp 3,5 Milliarden der rund 32 Milliarden Euro schweren britischen Modebranche aus. Auch in anderen Modestädten etablieren sich junge Designer – in Mailand etwa Stella Jean, Fausto Puglisi oder MSGM; in New York leiten mit Alexander Wang (Balenciaga) und Jason Wu (Hugo Boss) nun sogar junge Köpfe internationale Häuser. Aber in London ist die Quote neuer und schon erfolgreicher Marken besonders hoch. Zur Modewoche sind sie alle da – ihre Vorgänger zogen so schnell wie möglich nach Paris oder Mailand.

          Bei Burberry Prorsum, der Marke, die seit der Rückkehr von Mailand nach London im Jahr 2009 für neuen Zusammenhalt unter den Designern sorgt, sitzt am Montagmittag denn auch Samantha Cameron, die Gattin des Premierministers. Fürs kommende Frühjahr hat Christopher Bailey sich Bände aus der Buchreihe „Britain in Pictures“ vorgenommen, die im Krieg mit schönen Bildern vom eigenen Land die Stimmung heben sollte. „Darin geht es zum Beispiel um die Insekten in Großbritannien“, sagt Bailey nach der Schau und zeigt auf ein pinkfarbenes, gemaltes Wesen an der Wand. „Mich hat die Idee von Flora und Fauna beeindruckt, und ich wollte ein Farbenfest.“ Auf den Kleidern und Trenchcoats schwirren aufgenähte Bienen und Schmetterlinge. Ein Slogan: „Insects of Britain“. Unter den Jeansjacken, zum Teil auf Miniaturgröße geschrumpft, zum Teil mit Schößchen versehen, quillt das schneeweiße Lammfell. Darunter blitzen plissierte Seidenkleider hervor. Und ein Hauch der Siebziger liegt mit Wildledermänteln in Sonnenblumengelb, Waldgrün und Braun in der Luft. „Farben heben die Stimmung – und die Verkäufe.“

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