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London Design Biennale : Den Plastiklöffel abgeben

Museumsobjekte? Plastikbesteck auf der Biennale in London. Bild: Helena Reinsch

Ab dem 3. Juli ist Plastikgeschirr in der EU verboten. Eine Ausstellung auf der London Design Biennale beschäftigt sich genau damit: dem Ende des Einweggeschirrs aus Kunststoff.

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          Wenn nun die Menschen wieder in die Parks und Strandbäder strömen, hinterlassen sie jede Menge Müll. Doch zumindest mit dem achtlos liegen gelassenen Plastikgeschirr soll bald Schluss sein: Vom 3. Juli an sind viele Einwegprodukte aus Kunststoff in der Europäischen Union verboten.

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          Gehört also das, was viele bisher tagtäglich nutzen, bald der Vergangenheit an? Ja, hofft zumindest der Designprofessor Peter Eckart von der Hochschule für Gestaltung Offenbach. Zusammen mit dem Designer Kai Linke hat er anderthalbtausend Teile Einwegbesteck gesammelt, Löffel, Gabeln, Messer und Stäbchen. Sie sind zurzeit in der Ausstellung „Spoon Archaeology“ als deutscher Beitrag auf der London Design Biennale zu sehen. Eine „Archäologie des Jetzt“ nennt Eckart das Arrangement. „Es ist der Ausdruck einer Gesellschaft, in der wir jetzt angekommen sind. Wobei eigentlich jedem klar ist, dass es so nicht weitergehen kann.“

          Hinterfragung der europäischen Esskultur

          Das Besteck liegt in 40 Insektenkästen, die thematisch, farblich oder materiell jeweils zusammenpassen. „Ich wollte eine Distanz zu den Dingen herstellen, damit man sie mehr als Artefakte und nicht mehr als Werkzeuge betrachtet. Es ist ein Versuch, so zu tun, als ob es sie vor 100 Jahren gegeben hätte – aber es ist immer noch die Wirklichkeit.“

          Verschiedenste Formen und Design: Plastikbesteck im deutschen Beitrag auf der London Design Biennale
          Verschiedenste Formen und Design: Plastikbesteck im deutschen Beitrag auf der London Design Biennale : Bild: Helena Reinsch

          Neben den Objekten ist die „Spoon Complexity Map“ ein zentraler Bestandteil der Ausstellung. Sie zeigt, wie Design im Zusammenhang mit dem Nutzen steht. Der Löffel als Urwerkzeug steht dabei im Fokus. „Schon vor Hunderten Jahren haben Reisende Löffel dabeigehabt“, sagt Eckart. Das heutige Einwegbesteck sieht er folglich als logistisches Produkt. „Das dünne Besteck ist praktisch und so optimiert, dass es gut zu stapeln und zu transportieren ist.“ Somit sei die Sammlung „ein Beispiel für eine tolle technische Lösung“.

          Eckart sammelt seit 16 Jahren

          Auch ausgestellt werden Radierungen und Filme. Sie hinterfragen die europäische Esskultur. „50 Prozent der Weltbevölkerung isst mit den Händen“, sagt Eckart. Das habe nicht nur finanzielle, sondern auch kulturelle Gründe und führe zu einem anderen Genusserlebnis. So erkundet die Dokumentation „Banana Leaf“ der beiden amerikanischen Industriedesigner Ray und Charles Eames aus dem Jahr 1972, wie die Menschen der verschiedenen Kasten in Indien essen. „Das Interessante daran ist, dass die Ärmsten nur auf einem Bananenblatt essen. Je höher die Kaste wird, desto mehr Besteck und Geschirr kommt hinzu. Aber die höchste Kaste, die sich nur noch mit dem geistigen Dasein beschäftigt, isst wieder vom Bananenblatt ohne Werkzeuge.“

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          Mit dem Sammeln hat Peter Eckart, der eigentlich auf Verkehrsdesign spezialisiert ist, vor etwa 16 Jahren begonnen. Entstanden ist die Collage aus kuriosen Andenken von seinen Reisen. Irgendwann wurde das Besteck sogar Teil seines Unterrichts. „Man kann an einem einfachen Gegenstand unglaublich gut erklären, wie Design funktioniert. Ein Besteck ist spezifisch auf bestimmte Sachverhalte zugeschnitten.“

          Lebensweisen statt Materialien verändern

          Eckarts und Linkes Beitrag ist mehr als Konsumkritik. Sie wollen dazu anregen, Lebensweisen zu verändern statt Materialien. Allein auf Kunststoff zu verzichten reiche nicht, sagt Eckart. Denn auch Holz oder Biokunststoffe seien nur bedingt nachhaltig. Es gehe darum, über die Art und Weise des Essens nachzudenken.

          Das EU-Verbot von Einweggeschirr begrüßt Eckart. Generell würde er sich aber mehr Wertschätzung für Gebrauchsgegenstände wünschen. Das fängt beim Preis an. „Wenn man darüber nachdenkt, was ein Produkt in der Herstellung, beim Transport und der Entsorgung kostet, dann wird vermeintlich Günstiges sehr teuer. Und dieses Problem müssen auch Designer lösen.“

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