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Ausstellung „Schuhwerke“ : Hohe Paarungsbereitschaft in Offenbach

Absatzfördernd: Roger Vivier entwarf diese Schuhe 1962 für Dior. Bild: dpa

Männer verehren sie - es sei denn, sie sind Orthopäden: High Heels sind erotisch. Eine Ausstellung im Deutschen Ledermuseum dreht sich jetzt um den Stiletto-Erfinder Roger Vivier.

          3 Min.

          Für Offenbacher Verhältnisse ist Offenbach derzeit ziemlich wenig offenbacherisch. Oder gerade nicht? Jedenfalls hat im Deutschen Ledermuseum in der sogenannten Lederstadt am Main eine Ausstellung eröffnet, wie man sie zum Beispiel in Frankfurt vergeblich sucht. „Schuhwerke“ heißt sie und versammelt einige Dutzend Damenschuhmodelle des 1998 verstorbenen Schuhdesigners Roger Vivier, der in seiner Heimat Frankreich und in Amerika weltberühmt ist, in Deutschland hingegen noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag hat. Dabei hat er den Stiletto-, den Komma- und den Choc-Absatz erfunden!

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Warum nun Offenbach? Weil hier im Fundus des Museums Prototypen aus dem bemerkenswerten Frühwerk Viviers gefunden und hernach, wie es bei der Ausstellungseröffnung hieß, „wissenschaftlich erforscht“, „konservatorisch aufgearbeitet“ und „ins Gesamtœuvre eingeordnet“ wurden. Und warum Vivier? Erstens: weil er der Größte seiner Zunft ist, der Le Corbusier unter den Schuharchitekten, der einzige, den Christian Dior, für den Vivier zehn Jahre lang gearbeitet hat, neben sich gelten ließ.

          Zweitens: weil er die Frauen auf Augenhöhe mit den Männern gehoben hat. Und drittens, weil er der Welt schon lange vor der Krim-Krise gezeigt hat, dass Absatz nicht nur etwas mit Märkten zu tun hat, sondern mit Schönheit, Anmut und süßer Qual, für die es nicht einmal ein SM-Studio braucht. Auch die französische Generalkonsulin aus Frankfurt war nach Offenbach gekommen, in Vertretung des französischen Botschafters, der die Schirmherrschaft über die Ausstellung übernommen hat. Sie ließ von Anfang an keinen Zweifel daran, dass das einer der schönsten Termine war, die man einer Frau in ihrer Position angedeihen lassen kann.

          Franzosen beurteilen ihre Mitmenschen nach ihren Schuhen

          Dass die Französinnen einen anderen Bezug zu Schuhen haben als viele Deutsche, weiß man, ohne je auch nur eine Französin gesehen zu haben: Ein Blick in unsere mit Jack-Wolfskin-Jacken und knöchelhohen Stiefeln mit guter Profilsohle überlaufenen Fußgängerzonen reicht vollkommen aus. Die Generalkonsulin bestätigte das indirekt, indem sie sagte, in ihrem Heimatland beurteile man die Menschen bis heute auch nach den Schuhen, die sie tragen, was bei uns allenfalls für die Turnschuhe von Joschka Fischer gilt, die übrigens auch im Offenbacher Ledermuseum zu sehen sind.

          Verspielt: Schuhe des Designers Bruno Frisoni aus dem Jahr 2013, zu sehen im Ledermuseum Bilderstrecke

          Die Generalkonsulin erzählte außerdem noch die schöne Geschichte, wie der rote Absatz an den Hof von Ludwig XIV. kam: Dessen Bruder hatte sich demnach in einer Karnevalsnacht inkognito unters Volk gemischt, und als er ins Schloss zurückkam, waren seine Absätze deswegen blutrot, weil auf dem Heimweg ein paar Schlachthöfe lagen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass auch manche der High Heels des französischen Schuhdesigners Christian Louboutin nur deswegen rote Sohlen haben, weil ihre Besitzerinnen zuvor dafür getötet haben.

          Aber zurück zum studierten Bildhauer Vivier und der wunderbaren Offenbacher Ausstellung, die - eine hübsche Randnotiz - auch von Deichmann („Markenschuhe so günstig“) gesponsert wird: Gezeigt werden dort also die frühen Entwürfe des Meisters, dazu aber auch noch Schuhmodelle, die bereits an den Füßchen von Liz Taylor oder Catherine Deneuve gesteckt haben, dazu Originale von Marlene Dietrich sowie eine Kopie der Schuhe, die Königin Elisabeth II. bei ihrer Krönung 1953 getragen hat.

          Von Orthopäden gehasst, von Frauen gehütet

          Etwa 200 Besucher waren beim Betrachten der Schuhwerke verzückt. Aber warum ist das so? Was hat es mit dem Damenschuh auf sich? Warum wird er von Orthopäden so abgrundtief gehasst, warum von Frauen wie ein Atomwaffenarsenal gehütet und von Männern geradezu hündisch verehrt?

          Aus männlicher Perspektive lässt sich dazu Folgendes sagen: Natürlich stimmt es, dass Frauen auf High Heels größer wirken, längere Beine haben etc. Es ist wohl auch so, dass sie stärker ins Hohlkreuz gehen müssen, mit den bekannten Folgen. Aus erotischer Sicht geht es aber eigentlich um etwas anderes: So, wie es nicht entscheidend ist, dass die Frauen lackierte Nägel haben, sondern, dass sie sich die Nägel lackiert haben, so ist es auch bei den High Heels. Nicht, dass Frauen sie anhaben, ist ausschlaggebend, sondern dass Frauen sie sich angezogen haben und damit ihren Willen dokumentieren, allen Schmerzen zum Trotz gefallen zu wollen, mithin: paarungsbereit zu sein.

          Angesichts dessen steht gegenwärtig - in letzter Konsequenz - die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel. Bei den jüngsten Schauen war auf den Laufstegen eine Entwicklung zu erkennen, die Vivier gewiss nicht gefallen hätte: Flach in jeder Hinsicht sind die Damenschuhe geworden, und Karl Lagerfeld schickte seine Models gar in Turnschuhen in den Supermarkt, was die französische Generalkonsulin in Offenbach als „größere Provokation als es scheint“ bezeichnete. Wie hoch ist nun hoch genug? Den richtigen Weg weist da der kreative Erbe von Roger Vivier, Bruno Frisoni, dessen Plateau-Sandale „Kite“ ebenfalls in Offenbach ausgestellt ist. Sie beweist: High Heels sind im Grunde erst dann hoch genug, wenn ihre Absätze, nebeneinander gestellt, aussehen wie die Petronas Towers im derzeit so arg gebeutelten Malaysia. Alles, was darüber hinausgeht, ist in den Himmel genagelter Größenwahn.

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