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Brief versteigert : Leben mit van Gogh

210.600 Euro wert: der Brief Bild: EPA

Vincent van Gogh hatte von einer Künstlergemeinschaft geträumt, Paul Gauguin von Einsamkeit. Die Künstler schrieben sich Briefe – und einen sogar gemeinsam. Das einzigartige Dokument wurde jetzt für 210.600 Euro versteigert.

          2 Min.

          Es war seine gelbe Periode: Sonnenblumen, gemalt zunächst in vier Versionen, Kornfelder und mit Sand gefüllte Kähne, aber auch gelbe Himmel und gelbe Gesichter mit Strohhüten auf dem Kopf. Fast alles geriet ihm damals Gelb in Arles. Und auch sein Haus, „Vincents Haus“, trug natürlich die „Farbe der Sonne“. In dem Haus stand im Herbst 1888 ein Zimmer bereit für den Künstlerfreund aus Pariser Tagen: Paul Gauguin.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Vincent van Gogh war in bester Stimmung. Dass Gauguin nur widerwillig und quasi „bezahlt“ von van Goghs Bruder Theo einige Zeit bei ihm verbringen würde, ahnte er nicht. Am 23.Oktober traf Gauguin ein. Exakt zwei Monate später ging van Gogh mit einem Rasiermesser auf den Freund los, und Gauguin verließ fluchtartig das zur Hölle gewordene gelbe Idyll. Noch in der Nacht schnitt sich van Gogh ein Stück des linken Ohrs ab und brachte es einer Prostituierten in jenem Bordell, das die beiden Künstler auch gemeinsam aufgesucht hatten.

          Van Gogh hatte von einer Künstlergemeinschaft geträumt, Gauguin von Einsamkeit und den Tropen. Was sie in jenen Tagen bewegte, haben sie nicht nur auf die Leinwand gebracht, sie schrieben auch Briefe – und einen sogar gemeinsam. Das einzigartige Dokument wurde am Dienstag in Paris versteigert, für 210.600 Euro. Geschätzt worden war der Brief vom Auktionshaus Drouot auf 180.000 bis 250.000 Euro. Er sei äußerst fragil, aber dennoch von großer Bedeutung, hatte Drouot mitgeteilt. Denn er handele von dem „ungewöhnlichen Treffen zwei der bedeutendsten Maler“ und ihrer Überzeugung, dass sie mit ihren Werken die Malerei revolutionieren werden. Beide waren damals als Künstler noch alles andere als erfolgreich.

          Die vier von Hand beschriebenen Seiten geben auch Einblicke in ihre Gefühlswelt. Adressiert ist der Brief an den Maler Émile Bernard, geschrieben wurde er an zwei Tagen – dem 1. und 2. November 1888, also zu Beginn der gemeinsamen Zeit. Van Gogh schwärmt noch von Gauguin, der ihn als Mann interessiere, und bei dem „Blut und Sex“ stärker ausgeprägt seien als der Ehrgeiz. Zugleich klingt schon an, dass van Gogh enttäuscht ist von ihrer Gemeinschaft, die im Fiasko und Wahnsinn endet. Ihm ging es vor allem um die Kunst, Gauguin zog es ins Bordell. „Vielleicht“, schreibt van Gogh, „mache ich auch bald Bordelle.“ Gauguin bleibt kurz und bündig: Bernard solle nicht auf Vincent hören, denn er sei, wie er wisse, schwach und leicht zu begeistern. Und er bekräftigt: Seine Zukunft als Maler sei in den Tropen.

          Van Gogh erholte sich nicht von der gemeinsamen Zeit. Eineinhalb Jahre später starb er mit 37 Jahren. Gauguin ging 1891 nach Polynesien und wurde durch seine Südsee-Bilder weltberühmt. Auffällig ist, dass van Gogh den Freund in den zwei Monaten nicht einmal porträtierte, so wie es Gauguin umgekehrt tat. Van Gogh malte nur Gauguins leeren Stuhl mit brennender Kerze darauf, als dieser gegangen war.

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