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Lars Eidinger im Interview : „Die ,Bravo‘-Poster waren für mich Ikonen“

Nicht wirklich. Man idealisiert seine Zielgruppe immer. Bei den Leuten, die sich auf Instagram in den Kommentaren äußern, erschrecke ich oft, auf was für einem Niveau die Auseinandersetzung stattfindet. Die Gründe, es trotzdem zu machen, sind mannigfaltig: Einerseits geht es um Selbstdarstellung und Imagepflege. Aber es geht auch um künstlerischen Ausdruck. Mit meinen Storys erreiche ich am Tag 17000 Leute. Was müsste man anstellen, damit so viele Leute in eine Galerie kommen? Außerdem bin völlig unabhängig. Es ist ja keine Redaktion davor geschaltet, nur die Reglements auf Instagram. Und natürlich eignet es sich auch als Werbeplattform. Wenn eine Theatervorstellung noch nicht voll ist, poste ich es, und Minuten später ist sie ausverkauft.

Aber ist es nicht frustrierend, wenn gerade auf Instagram Leute mit sehr oberflächlichen Inhalten viel, viel erfolgreicher sind?

Dass es sich ausgezeichnet für Werbung eignet, haben natürlich auch die großen Firmen erkannt und gehen den Weg über die vermeintlich privaten Accounts der Influencer, um direkt an die Zielgruppe zu kommen. Ich denke nicht schlecht über die Leute, die diese Accounts führen. Aber ihr Erfolg lässt mich an der Mehrheit zweifeln. Dass es die Follower völlig unkritisch hinnehmen, wie selbstverständlich sich Influencer in den Dienst eines großen Konzerns stellen, um Geld zu verdienen, erschreckt mich. Wenn jemand eine Werbung postet, warum bekommt der dann Likes dafür? Ein ehemaliger Klassenkamerad wollte mir an der Haustür mal eine Versicherung verkaufen. Sein Arbeitgeber hatte ihm gesagt: Du wirst alle deine Freunde verlieren, weil bei denen fängst du an. Im Netz stört das niemanden. Mir fehlt es in den sozialen Medien, dass Leute Haltung beziehen. Der Schriftsteller Stefan Zweig hat 1932 in einem Vortrag über die moralische Entgiftung Europas appelliert: Es müsste ein positives, optimistisches und energieverstärkendes Medium geben, das international publiziert wird. Instagram hätte ein solches Potential. Aber es ist geprägt von Zynismus, Hass und Missgunst. Dabei haben wir es selbst in der Hand. Dem will ich entgegenwirken.

Also wollen Sie wirklich die Schnittstelle zwischen Jugendzeitschrift und Feuilleton sein?

Naja, ich mache selbst oft den Fehler, auf die Jugendkultur herabzublicken. Mittlerweile bin ich am Drehort oft der Älteste. Viele Kollegen Anfang 20 haben ein ganz anderes Bewusstsein, gerade was Ökologie angeht. Da wird der Verzicht auf Fleisch oder auf Plastik mit einer Selbstverständlichkeit und ohne missionarischen Anspruch gelebt. Ich schätze die Jugend extrem, ich habe das Gefühl, dass sie eine Art stillen Widerstand leistet gegen unsere Generation, die lebt, als würde es kein Morgen geben. Wir sterben langsam aus. Das macht mir Hoffnung. Ich will mich in Zukunft extrem in Frage stellen und umdenken. Dafür brauche ich einen Draht zur Jugend. Es freut mich sehr, wenn ich merke, dass es eine Schnittmenge gibt. An einer Schauspielschule haben mal 90Prozent der Absolventen angegeben, dass ich ihr Vorbild bin. Es ist natürlich schwierig, das selbst zu erzählen. Aber es gibt nichts, was mir mehr bedeutet.

Himmelblaues Jackett mit doppelter Knopfreihe und breitem Spitzrevers, Hose aus Schurwolle und Seide, beides von Dolce & Gabbana; dunkelblaues Seidenhemd von Iceberg; schwarze Adiletten mit strukturierter Oberfläche von Adidas by Raf Simons. Bilderstrecke

Außer dem „Bravo“-Poster. Wo hängen Sie es auf?

Ich rahme es ein und hänge es ins Wohnzimmer. Ich hoffe, sie nehmen als Motiv eine Szene, in der ich Hamlet spiele.

Wer hätte es noch verdient, mal auf ein „Bravo“-Poster zu kommen?

Gregor Gysi, weil er mir dabei geholfen hat. Aber vielleicht ist das schwierig, ein Politiker auf einem „Bravo“-Poster. Deswegen vielleicht besser Greta Thunberg, die 15 Jahre alte Umweltaktivistin, die auf der UN-Klimakonferenz an die Erwachsenen appelliert hat. Das ist ein modernes Idol.

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