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Designer Piet Hein Eek : Den Schatz zum Leuchten gebracht

  • -Aktualisiert am

Wenn es im Design um Resteverwertung geht, ist Piet Hein Eek gefragt. Bild: Jérôme Galland

Mit Möbeln aus alten Dielen ist der Designer Piet Hein Eek bekannt geworden. Nun hat er sich an ein neues Material gewagt – und historische Muranoglas-Stücke in glamourösen Kronleuchtern zu neuem Leben erweckt.

          Piet Hein Eek – ist das nicht der Typ mit den Dielen? Genau der! Dank seiner visionären Idee, alte, ausgemusterte Fußböden in individuelle Möbelstücke zu verwandeln, hat es der Niederländer bereits vor vielen Jahren aufs internationale Design-Parkett geschafft – und das zu einer Zeit, als andere noch nicht einmal von Trends wie „Upcycling“ oder „Shabby Chic“ gehört hatten. Heute ist Eek ein Star der Szene und obendrein noch quasi eine Koryphäe der Resteverwertung.

          Von seinem Eindhovener Studio aus – das natürlich stilecht in den Hallen einer alten Fabrik, des früheren Keramikwerks von Philips, liegt – verkauft er exklusive, handgefertigte Unikate an Kunden aus aller Welt. Doch das ist für den Maestro keinesfalls ein Grund, sich auszuruhen. Im Gegenteil: Gerade erst wagte sich Eek mit seiner „Jassa“-Kollektion für Ikea auf ungewohntes Terrain. Und auch zur Mailänder Möbelmesse präsentiert der Designer Neues – wenn auch, was die Herangehensweise betrifft, nicht gänzlich Fremdes. Jetzt recycelt Eek nämlich Glas in Form von Kronleuchtern.

          Jeder Kronleuchter ist ein Unikat. Doch die Stückzahl der Leuchter ist begrenzt.

          Piet Hein Eek war die erste Wahl

          Wie viele gute Geschichten beginnt dabei auch die dieser Kooperation mit einem geheimnisvollen Schatz. Denn bei Veronese, dem traditionellen Hersteller von Muranoglas aus Paris, hortete man seit der Gründung des Unternehmens im Jahr 1931 ein fast vergessenes Ersatzteillager. Auf staubigen Regalen lagerten hier Tausende kunstvolle, mundgeblasene Glastropfen, -blumen und -blätter.

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          Bis zu dem Tag, als Ruben Jochimek, Kreativdirektor des Unternehmens, beschloss, den Dornröschenschlaf der Artefakte zu beenden, denn „ein ungenutztes Glas ist ein totes Glas“, wie er sagt. Dazu brauchte es jedoch einen, der Erfahrung mit der Renaissance alter Dinge hatte: „Als wir darüber nachgedacht haben, unseren Vintage-Stücken neues Leben einzuhauchen, wusste ich sofort, dass Piet Hein Eek der richtige Mann für diese Mission ist“, erklärt Ruben Jochimek rückblickend. Er habe Eeks Arbeit schon seit längerem verfolgt, weshalb nicht nur seine Wahl schnell feststand, sondern der Designer auch einen großen Vertrauensvorschuss in Form der größtmöglichen Freiheit für seine Arbeit bekam. So habe zu Beginn lediglich festgestanden, dass es sich nicht um die Entwicklung eines Einzelstücks, sondern eines ganzen Systems handeln solle.

          Kunden können Leuchter individuell gestalten

          Für Eek wiederum war, wie er sagt, auch die persönliche Chemie zwischen ihm und dem kreativen Kopf von Veronese wichtig, um das Projekt überhaupt in Betracht zu ziehen. „Am Anfang steht immer der Kontakt. Und bei Ruben und mir hat es einfach direkt gepasst“, erinnert sich der Designer, dessen erste Begegnung mit den nostalgischen Fragmenten stattfand, als Jochimek ihm eine Kiste der Glaskunst mit nach Eindhoven brachte.

          Im Nachgang des Treffens entwickelte Piet Hein Eek für Veronese „Past & Future“, ein modulares Kronleuchter-System, das dem Kunden die Möglichkeit bietet, sich durch die Wahl der entsprechenden Fragmente ganz individuell auszutoben. Basis des Leuchters ist eine mit LED beleuchtete Glasröhre, an deren Ende sich ein messingfarbener Halter befindet, in den die Muranoglas-Elemente eingesteckt werden können.

          Die Kunden können aus den alten Glasfragmenten auswählen.

          Designer musste die Grundlage schaffen

          Die größte Herausforderung für den Designer war dabei die umgekehrte Vorgehensweise. Statt zuerst das Produkt zu gestalten und im Anschluss das benötigte Glas zu produzieren, ging es in diesem Fall darum, aus zufällig ausgesuchten Glasstücken einen Kronleuchter zu kreieren, der immer schön aussieht. „Meine Aufgabe bestand also darin, die Grundlage einer Komposition zu schaffen, kein Endresultat“, sagt Eek. Das müsse man sich ein wenig wie bei einem Orchester vorstellen.

          „Der Komponist muss wissen, was seine Musiker brauchen, um gut zu klingen. Und in diesem Fall sind die Glasstücke mein Orchester“, so der Designer. Eek schuf mit dem langen gläsernen Tubus also die Leinwand für die besonderen Muranoglas-Stücke, die sich die Kunden, wenn sie es wünschen, auch direkt im Showroom aussuchen können. „Er kann sich aus Tausenden von Vintage-Stücken bedienen und so beispielsweise eine Hauptfarbe oder ein Oberthema wählen“, erklärt Jochimek.

          Rückwärts-Trend auf der Mailänder Möbelmesse

          Dabei sind die Möglichkeiten zu mixen zwar schier unendlich, die Stückzahl der Kronleuchter aufgrund der begrenzten vorhandenen Fragmente jedoch nicht. Wobei auch Jochimek nicht genau weiß, wie viele Leuchten sich letztlich aus dem einzigartigen Lagerschatz herstellen lassen. „Vielleicht um die hundert Stück“, schätzt er. Eine Zahl, die die Kronleuchter über die Tatsache hinaus, dass sie aus alten, handgefertigten Kunststücken bestehen, zu einer doppelten Rarität macht. Ein größeres Publikum konnte schon im Dezember einen ersten Blick auf Eeks Kreationen erhaschen, als sie um die Weihnachtszeit im Pariser Kaufhaus „Merci“ ausgestellt wurden.

          Auf der noch bis zum 9. April laufenden Mailänder Möbelmesse wird „Past & Future“ nun auch einem großen internationalen Fachpublikum präsentiert. Als Teil der parallel stattfindenden Lichtmesse „Euroluce“ wird Veronese eine Installation aus einem Feld von 200 Glasstücken und fünf Kronleuchtern zeigen, außerdem werden diese Teil von Eeks Ausstellung bei Design-Mäzenin Rossana Orlandi sein. Mit seinem Bezug auf gestern und heute wird Eek auf der Messe übrigens nicht allein sein. Auch weitere Designer, wie Tom Dixon oder Lee Broom, kokettieren aktuell mit der starken Rückwärtsbesinnung und präsentieren in Mailand ihre Projekte „Multiplex – Past, Tomorrow, Future“ beziehungsweise „Time Machine“. Eben das Beste von gestern und heute.

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