https://www.faz.net/-hrx-9riz3

Konsumkritik in Mailand : Mode ohne Hype

Model Gigi Hadid trägt eine Kreation aus der Moschino-Kollektion für Frühjahr/Sommer 2020. Bild: AP

Mailand sucht nach „persönlichem Stil“ und „echten Kleidern“, die sich nicht auf Hypes begründen. Das ist immerhin besser als Wegwerfmode. Ein Trend bemüht sich ganz unbeeindruckt davon ebenfalls um Zeitlosigkeit.

          5 Min.

          Da ist diese untypische kurze Pause in der Gesprächsrunde nach der Prada-Schau. Wie immer ist Miuccia Prada umringt von Journalisten, die ihr einfache Stichwörter zur Kollektion zurufen. Normalerweise erklärt sie geduldig den gedanklichen Prozess. So auch in den vergangenen drei Minuten. Es ging um den Menschen, der wichtiger sei als die Mode, darum, dass es zu viel Wegwerfmode gebe, dass sie deshalb dieses Mal nicht zunächst an Mode gedacht habe, sondern an persönlichen Stil. An Spontanität. Exzentrik. Dann: Pause.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Konsumkritik und Pause. Es sind nur drei, vier Sekunden, und Miuccia Prada füllt sie mit ihrem sibyllinischen Lächeln, aber sie sind entscheidend für diese Modewoche in Mailand. Wenn schon die Italiener ihr eigenes Kulturgut hinterfragen. Und sei es nur mit ein paar Sekunden Stille, die vielleicht mehr darüber aussagen, wohin es demnächst mit der Mode geht, als die Schauen der mehr als 50 Designer, die hier ihre Kollektionen für das kommende Frühjahr gezeigt haben.

          Selbstverständlich geben sich viele Häuser zeitgemäß und erwähnen ihre Nachhaltigkeitsbemühungen. So stellt die Jacken-Marke Herno nun Modelle aus PET-Flaschen her, Marni fertigt Kleider aus Upcycling-Stoffen. Solche Initiativen werden zumindest nicht mehr Schaden anrichten als die herkömmliche Produktion. Zumal sie sensibilisieren und Innovationen verbreiten. Dennoch sind es, wenn überhaupt, nur kleine Lösungen für ein großes Konsumproblem, das Miuccia Prada benennt: „Es gibt zu viel Mode.“

          Für Prada lief Gigi Hadid ebenfalls.
          Für Prada lief Gigi Hadid ebenfalls. : Bild: AP

          Das Comeback der strengen Hosenanzügen

          Das war nicht immer so, und die Prada-Schau erinnert mit ihren simplen Kleidern und strengen Hosenanzügen auch an die Zeit, damals in den Neunzigern, als diese Designerin simple Kleider und strenge Hosenanzüge entwarf. Eine Uniform, weil sie auf das wichtigste reduziert war und gerade so Raum zum Ausleben von persönlichem Stil ließ. Seitdem ist nicht nur im Hause Prada viel passiert. Nach dem modischen Minimalismus der Neunziger setzten sich die Häuser schnell ambitionierte Ziele, in immer mehr Märkten mitzumischen und dabei immer mehr Mode zu produzieren. Kaum zu durchschauen, was heute auf kluge Strategien der Marken zurückzuführen ist und was wirklich Ausdruck einer Sehnsucht nach neuer Mode ist.

          Und selbst wenn – das Beispiel Vetements zeigt, wie schnell eine neue Idee durch sein kann: Vor etwas mehr als drei Jahren machte Designer Demna Gvasalia mit seinem Kollektiv und einem Paar umgeschneiderter Levi’s-Jeans zum Preis von 1000 Euro von sich reden. Nicht etwa, weil man ihn dafür für irre erklärte. Die Kunden rissen ihm die Jeans aus den Händen. Schnell wurde Gvasalia Chefdesigner des Pariser Traditionshauses Balenciaga. Das ist er noch immer. Vetements, sein eigenes Trendlabel, aber hat er vergangene Woche verlassen. Auch die meisten Menschen, die sich ein paar Saisons nach dem von ihm geprägten rotzigen Stil richteten, sind nun schon weitergezogen.

          Eine Kreation aus der Kollektion von Jil Sanders für Frühjahr/Sommer 2020.
          Eine Kreation aus der Kollektion von Jil Sanders für Frühjahr/Sommer 2020. : Bild: AFP

          Es gibt zwei neue Phänomene, beide sind in Mailand gut zu beobachten, und beide sind ein Gegenentwurf zu der von Logos und Maximalismus bestimmten jüngsten Mode. Lucie und Luke Meier haben es so tatsächlich geschafft, Jil Sander nach Jahren der Bedeutungslosigkeit wieder eine Zukunft zu verschaffen. Und Daniel Lee zeigt bei Bottega Veneta seit vergangener Saison, dass er an den diskreten Luxus, den Tomas Maier 17 Jahre lang gepflegt hat, anknüpfen kann. Vornehmlich mit Accessoires, die nur eine Spur lauter sind, für die es aber schon jetzt Wartelisten gibt. Zur Mode sagt er Backstage nach seiner Schau: „Ich mag echte Kleider.“

          Leder – Fluch und Segen zugleich

          Die Designer können es nicht oft genug betonen: Es geht um Mode, die erfolgreich sein soll, weil sie ihre Zeit überdauert, statt dass sie auf Hypes begründet ist. Dolce & Gabbana, die nach Rassismus-Vorwürfen im vergangenen Jahr ihre Schau in Schanghai absagen mussten und sich davon in Asien bis heute nicht erholt haben, zeigen sich jetzt demütig. Mit dem Gegenteil eines Social-Media-Spektakels, mit 124 Models, einem unverfänglichen Dschungel-Thema und ausgezeichnet geschnittenen Kleidern, für die das Haus mal in erster Linie stand.

          Bilderstrecke
          Fashion Week in Mailand : Man zieht vom Leder

          Ein Trend, der sich um Zeitlosigkeit bemüht, ist dazu auch auf vielen Laufstegen auszumachen: Leder. Es sind Frühjahrskollektionen, also könnte es kurzfristig in den Overalls aus Leder von Salvatore Ferragamo und den Lederkleidern von Tod’s trotz wunderschöner Cut-Outs recht warm werden. Dass auch die Lederkragen von Sportmax nicht so recht in die Saison passen oder die Lederhemden von Boss. Aber wer braucht schon weitere Fähnchen im Schrank?

          Mit dem Leder sind die italienischen Modebetriebe zugleich nah an ihren Wurzeln, die Fluch und Segen zugleich sind. Fluch, weil man Neues schneller verschläft. Segen, weil es häufig menschlicher zugeht. Weil es Nachkommen gibt, die das Erbe ihrer Großeltern nicht so leichtfertig aufs Spiel setzen. Die nächste Generation bereitet sich in Italien schon mal vor: Bei Brunello Cucinelli sind es die Töchter Camilla (37) und Carolina (28). Bei Prada ist der Sohn Lorenzo Bertelli (31) jetzt für Marketing und Kommunikation verantwortlich. Bei Missoni ist Angelas Tochter Margherita (36) im vergangenen Jahr Chefdesignerin der Zweitmarke M Missoni geworden. Zum Einstand knüpft sie am Donnerstag an eine Vermarktungs-Strategie ihres Großvaters Tai an. In den Siebzigern machte er Missoni unter anderem bekannt, indem er Models in Missoni zur Hauptverkehrszeit in Mailand Straßenbahn fahren ließ. Zur Fashion Week fährt jetzt eine Straßenbahn mit Models in M Missoni durch die Stadt. Die Modeleute, die mitfahren, werden sich an die Kollektion erinnern – anders als an viele andere der etwa 300 Präsentationen in einer Woche.

          Und Veronica Etro schickt zum Finale ihrer Schau alle Models in weiten Hemden raus. Der Entwurf stammt noch vom Vater Gimmo. „Ich wollte nicht, dass es nur eine Hippie-Kollektion wird“, sagt sie mit Blick auf die Looks der Models, die außer Paisley-Kleidern auch Anzüge tragen.

          „Wir sind der Anzug“

          Der Anzug ist ein großes Thema auf den Laufstegen. Insofern trifft die Marke Boss, die bislang in New York ihre Schauen zeigten, gerade pünktlich in Mailand ein. „Wir sind der Anzug“, sagt Ingo Wilts, der sich im Metzinger Unternehmen als „Chief Brand Officer“ um die Positionierung der Marke kümmert. Man kann an dieser Stelle noch mal das Beispiel Prada aus den Neunzigern herbeiziehen: Uniformeller Charakter und persönlicher Stil müssen sich nicht ausschließen.

          Eine Kreation aus der Kollektion von Bottega Veneta für Frühjahr/Sommer 2020.
          Eine Kreation aus der Kollektion von Bottega Veneta für Frühjahr/Sommer 2020. : Bild: AP

          Andererseits bekommt man am Sonntagnachmittag bei Gucci von Alessandro Michele gezeigt, was Uniform auch bedeutet. Mit seinem Mix der Referenzen und maximalistischen Tendenzen hat er die Mode seit 2015 so stark bestimmt wie niemand sonst. Auch viele Modeleute laufen noch immer in seinen klassischen Loafer-Schuhen herum. Die mit Pelz gefütterten Pantoffeln scheinen allerdings in den privaten Archiven verschwunden zu sein. Die Ersten glauben schon an Ende des Gucci-Hypes, der 2018 einen nicht unerheblichen Anteil am Umsatz von über 8,3 Milliarden Euro gehabt haben wird: Müsse es nicht mal etwas Anderes geben? Alessandro Michele spricht es nach seiner Schau selbst aus: „Ich habe große Angst davor, mich zu langweilen.“

          Auch deshalb war er bei Gucci schon immer mehr Regisseur als Designer. Er entwirft nicht, er inszeniert eine Kollektion. Ein Rollband befördert am Sonntag scheinbar fast leblose Körper in Zwangsjacken von einem Ende zum anderen. Micheles Botschaft, sinngemäß: Seht ihr, das ist eine Uniform! Das Gegenteil von Selbstbestimmung! Sein Statement dazu nach der Schau: „Ein Anzug macht dich anonym.“

          Ein paar Minuten geht das so mit den Zwangsjacken. Dann ändert sich alles. Die Richtung des Laufbandes, die Models, die nicht mehr transportiert werden, sondern selbst laufen und jetzt ganz anders aussehen: Sie tragen weder Zwangsjacken noch den scheinbar Gucci-Zwiebellook der vergangenen Saisons. Stattdessen Lodenmäntel. Kleider mit U- und V-Ausschnitt bis zum Bauchnabel. Pailletten und Patchwork. Jacken und Hosen wie besser sitzende Blaumänner. Hosen mit Schlag. Weite Hosen. Schmale Hosen. Hosenanzüge. Mode mit Sex-Appeal, Mode mit ultraformellem Charakter. „Mode eröffnet einem unendlich viele Möglichkeiten. Mit Mode kann man sich seiner selbst bewusst werden.“ Michele bezieht das auch auf sich und seine eigene Arbeit, aber eben auch auf jene Menschen, die sie später tragen werden. Auch für sie hat er letztlich Uniformen entworfen, aus den Kleidern mit den U- und V-Ausschnitten, den Hosen mit Schlag, den Hosenanzügen. Mode, mit der man selbst bestimmt, wer man sein will.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.