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Konsumkritik in Mailand : Mode ohne Hype

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Fashion Week in Mailand : Man zieht vom Leder

Ein Trend, der sich um Zeitlosigkeit bemüht, ist dazu auch auf vielen Laufstegen auszumachen: Leder. Es sind Frühjahrskollektionen, also könnte es kurzfristig in den Overalls aus Leder von Salvatore Ferragamo und den Lederkleidern von Tod’s trotz wunderschöner Cut-Outs recht warm werden. Dass auch die Lederkragen von Sportmax nicht so recht in die Saison passen oder die Lederhemden von Boss. Aber wer braucht schon weitere Fähnchen im Schrank?

Mit dem Leder sind die italienischen Modebetriebe zugleich nah an ihren Wurzeln, die Fluch und Segen zugleich sind. Fluch, weil man Neues schneller verschläft. Segen, weil es häufig menschlicher zugeht. Weil es Nachkommen gibt, die das Erbe ihrer Großeltern nicht so leichtfertig aufs Spiel setzen. Die nächste Generation bereitet sich in Italien schon mal vor: Bei Brunello Cucinelli sind es die Töchter Camilla (37) und Carolina (28). Bei Prada ist der Sohn Lorenzo Bertelli (31) jetzt für Marketing und Kommunikation verantwortlich. Bei Missoni ist Angelas Tochter Margherita (36) im vergangenen Jahr Chefdesignerin der Zweitmarke M Missoni geworden. Zum Einstand knüpft sie am Donnerstag an eine Vermarktungs-Strategie ihres Großvaters Tai an. In den Siebzigern machte er Missoni unter anderem bekannt, indem er Models in Missoni zur Hauptverkehrszeit in Mailand Straßenbahn fahren ließ. Zur Fashion Week fährt jetzt eine Straßenbahn mit Models in M Missoni durch die Stadt. Die Modeleute, die mitfahren, werden sich an die Kollektion erinnern – anders als an viele andere der etwa 300 Präsentationen in einer Woche.

Und Veronica Etro schickt zum Finale ihrer Schau alle Models in weiten Hemden raus. Der Entwurf stammt noch vom Vater Gimmo. „Ich wollte nicht, dass es nur eine Hippie-Kollektion wird“, sagt sie mit Blick auf die Looks der Models, die außer Paisley-Kleidern auch Anzüge tragen.

„Wir sind der Anzug“

Der Anzug ist ein großes Thema auf den Laufstegen. Insofern trifft die Marke Boss, die bislang in New York ihre Schauen zeigten, gerade pünktlich in Mailand ein. „Wir sind der Anzug“, sagt Ingo Wilts, der sich im Metzinger Unternehmen als „Chief Brand Officer“ um die Positionierung der Marke kümmert. Man kann an dieser Stelle noch mal das Beispiel Prada aus den Neunzigern herbeiziehen: Uniformeller Charakter und persönlicher Stil müssen sich nicht ausschließen.

Eine Kreation aus der Kollektion von Bottega Veneta für Frühjahr/Sommer 2020.
Eine Kreation aus der Kollektion von Bottega Veneta für Frühjahr/Sommer 2020. : Bild: AP

Andererseits bekommt man am Sonntagnachmittag bei Gucci von Alessandro Michele gezeigt, was Uniform auch bedeutet. Mit seinem Mix der Referenzen und maximalistischen Tendenzen hat er die Mode seit 2015 so stark bestimmt wie niemand sonst. Auch viele Modeleute laufen noch immer in seinen klassischen Loafer-Schuhen herum. Die mit Pelz gefütterten Pantoffeln scheinen allerdings in den privaten Archiven verschwunden zu sein. Die Ersten glauben schon an Ende des Gucci-Hypes, der 2018 einen nicht unerheblichen Anteil am Umsatz von über 8,3 Milliarden Euro gehabt haben wird: Müsse es nicht mal etwas Anderes geben? Alessandro Michele spricht es nach seiner Schau selbst aus: „Ich habe große Angst davor, mich zu langweilen.“

Auch deshalb war er bei Gucci schon immer mehr Regisseur als Designer. Er entwirft nicht, er inszeniert eine Kollektion. Ein Rollband befördert am Sonntag scheinbar fast leblose Körper in Zwangsjacken von einem Ende zum anderen. Micheles Botschaft, sinngemäß: Seht ihr, das ist eine Uniform! Das Gegenteil von Selbstbestimmung! Sein Statement dazu nach der Schau: „Ein Anzug macht dich anonym.“

Ein paar Minuten geht das so mit den Zwangsjacken. Dann ändert sich alles. Die Richtung des Laufbandes, die Models, die nicht mehr transportiert werden, sondern selbst laufen und jetzt ganz anders aussehen: Sie tragen weder Zwangsjacken noch den scheinbar Gucci-Zwiebellook der vergangenen Saisons. Stattdessen Lodenmäntel. Kleider mit U- und V-Ausschnitt bis zum Bauchnabel. Pailletten und Patchwork. Jacken und Hosen wie besser sitzende Blaumänner. Hosen mit Schlag. Weite Hosen. Schmale Hosen. Hosenanzüge. Mode mit Sex-Appeal, Mode mit ultraformellem Charakter. „Mode eröffnet einem unendlich viele Möglichkeiten. Mit Mode kann man sich seiner selbst bewusst werden.“ Michele bezieht das auch auf sich und seine eigene Arbeit, aber eben auch auf jene Menschen, die sie später tragen werden. Auch für sie hat er letztlich Uniformen entworfen, aus den Kleidern mit den U- und V-Ausschnitten, den Hosen mit Schlag, den Hosenanzügen. Mode, mit der man selbst bestimmt, wer man sein will.

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