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Konkurrenz für die Nerdbrille? : „Man kann auch herzförmige Brillen tragen“

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Neben Metallfassungen ist auch Horn beliebt bei Brillengestellen. Bild: Lunettes

Längst ist die Brille mehr als nur eine Sehhilfe. Als modisches Accessoire wird sie auch mit Fensterglas oder nur als Gestell getragen. Uta Geyer, Chefin des Brillenlabels Lunettes, über neue Trends auf dem Markt.

          Frau Geyer, als Chefin des Berliner Brillenlabels Lunettes müssen Sie Bescheid wissen: Wie hat das mit dem Trend zur Nerdbrille angefangen?

          Das ist schon eine Weile her. Damals waren viele Menschen plötzlich auf der Suche nach etwas, was es nicht in den Geschäften gab. Als ich meinen Laden vor sieben Jahren eröffnet habe, lag der Trend in bestimmten Kreisen bereits in der Luft, Brillen auf Flohmärkten zu kaufen, die aus einer anderen Zeit stammten. Sie waren meist größer als das, was man in den Geschäften bekam.

          Diese Trendsetter waren somit Menschen, die Sehbrillen brauchten und sie nicht nur wie ein Accessoire trugen?

          Anfangs ja. Aber dann hat sich der Trend so stark durchgesetzt, dass die Leute die Brille als Accessoire tragen wollten, mit Fensterglas oder zum Beispiel in Asien ohne Glas.

          Ohne Glas? Ist das heute immer noch so?

          Ja, dort habe ich es sehr viel gesehen. Bei recht jungen Leuten zwischen 17 und 27 Jahren werden sehr große Brillen ohne Gläser getragen. Die Japaner haben sowieso einen Brillen-Fetisch. Brillen werden bei Männern so wie auch Bärte von Frauen sehr begehrt. Es gibt sogar ein Magazin für Frauen wie bei uns für Herren den „Playboy“, da sind Männer mit Brillen und Bärten abgebildet. Sie sind nicht nackt, aber man schaut sich gerne diese markanten Gesichter mit Brillen und Bärten an.

          Gilt das speziell für Japan?

          Asien hat prinzipiell ein Verlangen nach großen, starken Brillen. Das liegt auch an der Physiognomie der Asiaten, die größere und flachere Gesichter haben und deswegen viel besser massive Brillen tragen können.

          Ihr Label mit sehr markanten Modellen ist dann ja dort genau richtig aufgehoben.

          Es gibt viele Marken, die für den asiatischen Markt eigene Passformen produzieren. Wir passen uns auch an. Der Nasenrücken ist etwa bei den Chinesen viel flacher als bei den Koreanern. Und die Japaner haben dann wieder ein bisschen mehr Nasenrücken, da muss man aufpassen.

          Uta Geyer sieht in ihrem Berliner Laden Lunettes am liebsten Vintage-Gestelle.

          Wie lösen Sie das Problem bei Vintage-Brillen?

          Vintage-Brillen sind so, wie sie sind. Wir verkaufen sie bei uns im Laden. Aber unsere eigene Kollektion passen wir dem asiatischen Markt an. Die Nasenstege stehen dann zwei Millimeter weiter raus. Die bilden den nicht vorhandenen Nasenrücken auf. Sie ragen weiter raus. Sonst würden die Brillen sehr flach und direkt auf den Wangen aufliegen. Dann beschlagen die Brillengläser, und das Gestell sitzt zu hoch.

          Wenn wir nach Deutschland schauen: Sind Nerdbrillen heute überhaupt noch cool?

          Wir bemerken, dass die Brillen, die gekauft werden, zwar noch groß sind, aber nicht mehr so massiv. Der Rahmen muss feiner sein und gerne aus Metall. Metallfassungen können feiner verarbeitet werden als Acetat.

          Was ist mit der rahmenlosen Brille? Ist die trotzdem noch out?

          Die rahmenlose Brille in der schmalen Rechteck-Form sehe ich bei unseren Kunden gar nicht. Sie kann natürlich trotzdem ihre Berechtigung haben, zum Beispiel im Finanzsektor. Aber auch randlose Brillen kann man ja mit riesigen Scheiben verglasen, mit großen runden. Das Tolle an der randlosen Brille ist, dass man die Form der Gläser selbst bestimmen kann. Aber das wissen offenbar die wenigsten Kunden. Man kann die Gläser sogar leicht einfärben, was sehr schön aussieht. Aber das macht so gut wie keiner, was ich schade finde. Nicht jeder Optiker ist so kreativ und offen, das anzubieten. Man könnte ja auch herzförmige randlose Brillen tragen.

          Selbst auf den Nasen vieler Politiker scheint die massive Nerdbrille ihren Platz gefunden zu haben, wenn man an CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt denkt. Wie ist es denn dazu gekommen?

          Da hat eine Trendwende stattgefunden. Ich sehe das recht häufig, glaube aber nicht, dass es unbedingt immer zur Persönlichkeit passt. Nachrichtensprecher, Politiker, Vorstände möchten sich wohl von dem schlechten Image der kommerziellen randlosen Brille wegbewegen und ihrem Gesicht mehr Charakter verleihen.

          Würden Sie denen doch eher zur randlosen Brille raten?

          Nicht unbedingt randlos, aber ich weiß nicht, warum die nur schwarze, eckige, massive Modelle wählen, die vielleicht gar nicht unbedingt zum Typ passen. Schwarz zur hellen Haut bildet einen starken Kontrast, eine Grau abstufung könnte ich mir da oft besser vorstellen oder einen Hornton. Schwarz ist dem Gesicht so fremd und kann harte, strenge Gesichtszüge betonen. In einer weicheren Farbe, die der Haarfarbe oder der Hautfarbe ähnelt, kann man dann auch viel besser eine markante Form tragen. Wobei sich viele Menschen mit Schwarz sicher fühlen, sie denken dann, ein schwarzer Rahmen passe ja zu allem. Für mich ist das ein Trugschluss, ein Grauton zum Beispiel vereint alle Farben dieser Welt, deshalb kann grau auch zu allem passen.

          Hat die Brille mit Metallfassung nun also die Nerdbrille als Trendobjekt überholt?

          Die Nerdbrille ist schon noch da, aber in einer weniger extremen Varianten. Neben Metall ist Horn noch ein großes Thema, aber mit einem schmaleren Rand.

          Heißt das, die neuen Brillenträger sind noch weit davon entfernt, wieder auf Kontaktlinsen zu wechseln?

          In der Öffentlichkeit sieht man ja noch sehr viele Menschen mit Brille. Als Accessoire wird sie immer noch gerne getragen.

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