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Concept Store in Berlin : „Deutsche wollen Dinge anfassen, bevor sie sie kaufen“

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Deutsche wollen Produkte anfassen, bevor sie sie kaufen: Haelan Kim (links) und Inti Castellazzi haben einen Concept Store für koreanisches Design in Berlin eröffnet. Bild: PR

Koreanische Popkultur und Mode erobern auch Deutschland. Ein Concept Store in Berlin will jetzt Produkten junger koreanischer Designer einen Zugang zum europäischen Markt geben.

          „Neonlichter sind das erste, das jemandem einfällt, der noch nie in Seoul war“, sagt Haelan Kim. Und weil man manchmal auch ein bisschen mit Klischees spielen muss, leuchten in ihrem neueröffneten Ladenlokal am Kreuzberger Südstern zwei Polycarbonatkuben mit neon-orangenen LED-Stäben. Sonst ist der „Knok Store“, der einzigen Concept Store für junge koreanische Produkte in Europa, eher schlicht gehalten: ein heller Altbau mit Flügeltüren, ein paar Schwertfarne in Töpfen, minimalistische Leere. Und dann doch wieder ein bisschen Seoul. Architekturfotografien aus der südkoreanischen Hauptstadt hängen an den Wänden. Direkt gegenüber des Ladeneingangs grüßt ein Foto des Seoul Square, eines braunen Hochhauskomplexes, der tieforange im Sonnenuntergang leuchtet. Wenn man genau hinschaut, erkennt man pixelgroß auf dem Gebäudesockel sechs gehisste Flaggen, in der Mitte die deutsche und die südkoreanische. „Weil das Goethe-Institut in dem Haus ist“, sagt Kim.

          Haelan Kim, die schwarzen Haare ab Stirnhöhe blondviolett gefärbt, kam 2012 nach Berlin. Eigentlich wollte sie nur Freunde aus der Musikszene besuchen, dabei entdeckte sie die Berliner Leichtigkeit und blieb. „In Korea ist der Druck hoch, wie man sich kleiden und zeigen soll. Hier in Berlin ist es egal, was Du anhast, wenn Du auf die Straße gehst“, sagt Kim. Die Experimentierfreudigkeit der Berliner hat sie ermutigt, eine Plattform für koreanische Designprodukte zu starten. In Korea arbeitete sie bereits sieben Jahre als Designerin in der Automobilbranche und in Berlin als Einkäuferin für einen Design-Onlineshop. „Wir wollen eine Momentaufnahme des heutigen Seouls abbilden. Es passiert dort gerade so viel in den Bereichen Stil, Design, Architektur und Tech-Industrie, es entstehen hunderte Microbrands. Wir wollen mit dem Knok Store einen Ausschnitt davon zeigen.“

          Deutsche wollen Dinge anfassen, bevor sie kaufen

          Im Knok Store verkaufen Haelan Kim und Co-Gründer Inti Castellazzi koreanische Streetwear, also Sweatshirts, Sneaker, Taschen, Brillen, aber auch Zehensocken und Gel-Gesichtsmasken. Einen Onlineshop betreiben die beiden schon seit zwei Jahren. „Für deutsche Kunden ist es wichtig, die Sachen auch anzufassen, bevor sie sie kaufen“, sagt Gründerin Kim über ihren neuen Offline-Laden. „Aber wir wollten auch einen Treffpunkt für unsere Freunde, einen Austauschort für koreanische und europäische Kreative schaffen. Wir würden sie gern öfters sehen.“ Deshalb hat der Laden auch einen Kaffeetresen.

          Kim und Castellazzi liegen im Trend. Die weltweit rasend erfolgreiche koreanische Popkultur kommt auch in Deutschland endlich an: Immer mehr Großstädter verfallen Kimchi, Bibimbap und Bulgogi; junge Influencerinnen wie die Stuttgarter Zwillinge Lisa und Lena nehmen in koreanischen Hiphop-Studios Tanzunterricht (wie in der ersten Minute dieses Videos zu sehen); erste Expat-Manager fliegen nur für maßgeschneiderte Anzüge und rahmengenähte Schuhe nach Seoul ins Trendviertel Gangnam; und Anfang Juni verkauften sich 30.000 Karten für zwei Konzerte der Boyband Bangtan Boys in der Berliner Mercedes-Benz-Arena innerhalb von neun Minuten (https://www.mercedes-benz-arena-berlin.de/events/detail/bangtan-boys). „Korea hat eine Geschichte als Entwicklungsland. Wir schauen uns alles ab, probieren herum, bis wir es schneller und besser machen“, sagt Kim. „Vor allem machen wir es zu etwas Eigenem.“ Der koreanische Stil sei cool, aber bescheiden. „Wir sind nicht so exzentrisch wie die Avantgardisten während der Modewochen in Paris und London. Wir wollen weder unangenehm auffallen, noch wie begraben herumlaufen.“

          Die Balance zwischen Coolness und Bescheidenheit wahren Kim und Castellazzi mit ihrer Produktauswahl. Die Taschen, die der Knok Store verkauft, sind schlichte Backpacks mit eingearbeiteten Fächern für Laptop und andere Technologie. Einige sehen aus wie aus zarter Baumwolle genäht, sind aber aus in Korea erfundenem, gewachsten Polyesterstoff. Die Oversize-T-Shirts der Marke Stereo Vinyls mit Architekturmotiven und Kiefernprints sind auf Bio-Baumwolle mit natürlichen Pigmenten gedruckt. Neonorange ist die Plexiglasscheibe, auf denen Nickelbrillengestelle des Berliner Brillenladens Yun ausgestellt liegen. Yun wurde von einer Koreanerin gegründet, deren Familie in Korea ein Brillenunternehmen führt. „Wir haben uns einsam gefühlt als koreanische Gründerinnen in Berlin“, sagt Kim und lacht, „also kooperieren wir.“ Und bietet so einen weiteren Zugang zu einem aufregenden Stück koreanischer Produktkultur.

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