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Kleine Sonnenbrillen im Trend : Wer betrachtet hier den Betrachter?

  • -Aktualisiert am

Ursprung des Trends: Rihanna sah ihn schon 2017. Bild: EPA

Eine Sonnenbrille dient nicht nur dem Lichtschutz. Man kann sich auch wunderbar dahinter verstecken – oder beobachten. Ein neuer Trend lässt den Menschen dahinter zum Betrachter werden.

          Ein eindeutiger Beginn dieses Trends ist diesmal tatsächlich auszumachen – verantwortlich dafür ist Rihanna. Vergangenes Jahr, roter Teppich beim Filmfestival in Cannes, die Sängerin in einem Look, der an Brigitte Nielsen in „Beverly Hills Cop 2“ erinnert: weißes Dior-Kleid, dazu das Modell Micro-Shades Jan von Andy Wolf Eyewear. Riri, wie Fans sie nennen, blickte über die weiß eingefassten, tief dunkel getönten Gläser in die Kameras.

          Sonnenbrillen schützen Stars seit Jahrzehnten vor neugierigen Blicken. Die besonders großen Brillen boten zumindest die Illusion von Privatsphäre im Blitzlichtgewitter. So gewann der Promi ein Stück weit die Kontrolle über das Bild zurück und entschied, ob und wann er die Maske runterlässt. „Während man sich noch vor einigen Jahren hinter großen Sonnenbrillen verstecken konnte und sich so von der Gesellschaft förmlich abschirmte, geben die kleinen Brillen viel mehr preis“, sagt Katharina Schlager, Geschäftsführerin und Designchefin bei Andy Wolf Eyewear. „Es wird heutzutage offener mit der Privatsphäre umgegangen, nicht zuletzt über Social Media. Und mit kleinen Sonnenbrillen zeigt man eben mehr von seinem Gesicht und von sich.“ Privatsphäre ist, trotz DSGVO, in Zeiten sozialer Medien tatsächlich illusorisch. Warum dann also noch große Brillen tragen? Sehen wir doch lieber der Realität ins Auge.

          Der Blick über die Brille: Sängerin Christina Aguilera bei der Formel-1-Weltmeisterschaft in Aserbaidschan im Juni.

          Beim Selfie zeugt der Blick über die Brille ebenfalls von Selbstbestimmung. Er kreiert eine ambivalente Mischung aus Kritik und Flirt, bei dem außerdem noch die Augen durch die gesenkte Kinnpartie größer wirken. „Eine Frau muss sich ständig selbst beobachten“, schrieb John Berger 1974 in seinem Buch „Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt“. „Und so kommt sie dazu, den Prüfer und die Geprüfte in ihr als die beiden wesentlichen, doch immer getrennten Komponenten ihrer Identität als Frau anzusehen.“

          Kritische Selbstbeäugung

          Im Selfie mit runtergeschobener Brille sind die beiden Hälften vereint. Es ist eine kritische Selbstbeäugung im Moment der Aufnahme. Mehr noch: Auch der spätere Betrachter auf dem Bilderdienst Instagram wird mit einem kritischen Blick bedacht. So richtet sich der Blick über die Brille zugleich an die Fotografierte in der Gegenwart und den Betrachter in der Zukunft. Der Betrachter wird beim Betrachten betrachtet und betrachtet dann wieder sich selbst im Vergleich mit der Betrachteten. Ganz schön absurd.

          In seinem Werk über das Sehen und Gesehenwerden nahm Berger damals gewissermaßen das Influencer-Zeitalter vorweg. Was er in den siebziger Jahren für die Werbung formulierte, trifft heute noch stärker auf die Werbeplattform Instagram zu: „Von anderen beneidet zu werden ist eine einsame Form der Selbstbestätigung, die davon abhängt, dass man seine Erfahrung nicht mit jenen teilt, die einen beneiden. Man wird mit Interesse beobachtet, aber man selber beachtet niemanden.“

          Die negativen Folgen des Instagram-Konsums sind klar belegt. „Das Reklamebild“, schrieb Berger schon damals, stehle der Betrachterin „die positive Einschätzung ihres Selbst, ihr Selbstvertrauen, um es ihr gegen den Preis der Ware wieder anzubieten“.

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          Wie schön wäre es dann, wenn die kleinen Brillen, die Micro-Shades, funktionieren würden, wie jene in John Carpenters Film „Sie leben“ von 1988. Dort ist es eine Sonnenbrille, die die Werbung als von Außerirdischen gesteuerte Gehirnwäsche entlarvt. Aber vielleicht will man in der Influencer-Ära lieber darüber hinwegschauen als hindurch. Oder aber der Blick über die Mikro-Brille ist einfach das neue Duckface.

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