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Kleidersharing : Kaufst du noch, oder mietest du schon?

Thekla Wilkening und Pola Fendel in ihrer „Kleiderei“ in Hamburg Bild: Henning Bode

Inzwischen teilt man sich längst mit Fremden Autos, Wohnungen und Gemüseacker. Kleider könnten auch bald dazugehören. Es ist wie Shopping, nur etwas anders – denn es schafft Zugehörigkeit.

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          Das ultimative Symbol für Besitz und die Frage, welche Art von Besitz eigentlich Ballast ist, liegen manchmal überraschend nah beieinander. Ausgerechnet auf dem Dach dieses siebenstöckigen Hamburger Hochhauses ragt ein riesiger Mercedes-Stern in den Himmel. Und ein Stockwerk darunter, gleich unterm Dach, geht es um Alternativen zum Massenkonsum, um die Frage, über welchen Besitz sich ein Mensch definiert, was davon für sein Leben wichtig ist und wie viel er sich genauso gut dazumieten kann.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die ruhig vor sich hin gluckernde Heizung im Büro sorgt für ein gewisses Grundgeräusch, an der Tür zum Hausflur haftet ein Schild mit der Aufschrift „Bügeleisen aus“, und in der Ecke steht ein Wäscheständer. Jeder Zentimeter ist belegt. Neue Gewohnheiten etablieren sich schließlich nicht von heute auf morgen, dafür muss es erst einmal provisorisch zugehen. „Früher, bevor wir hier eingezogen sind, dachten wir, das Haus hätte keine Fenster“, sagt Pola Fendel lachend. Den größten Teil der Wohnung unterm Dach des Hauses, das eben doch Fenster hat - wenn auch sehr kleine, schmale -, nehmen deshalb die Stangen ein, vollbehängt mit Kleidern, Kleidern, Kleidern.

          Kann die Kleiderleihe funktionieren?

          Etwa 3000 sind es insgesamt. Nicht umsonst heißt das Vorhaben von Pola Fendel, 26, und Thekla Wilkening, 28, „Kleiderei“. Nicht Bücherei, sondern Kleiderei. Eine Leihbibliothek für Acne-Jeans, Vintagekleider im Seventies-Stil, dicke Eighties-Strickpullover und Ledermäntel. Für Stücke, in denen man sich der Welt tagtäglich stellt, die man besitzen könnte - oder eben einfach leihen.

          Etliches teilt man heute ja schon wie selbstverständlich mit wildfremden Menschen: Wer mit einem Car2Go durch die Stadt fährt, vergisst schnell, dass er nicht im eigenen Auto sitzt. Genug Menschen haben kein Problem damit, ihre eigene Wohnung, ihr eigenes Bett, gegen Geld für ein paar Tage anderen zu überlassen. Sie graben ihren Teil des gemieteten Ackers um und finden dabei trotz der Fremden links und rechts ihre eigene Mitte. Oder sie sind froh, wenn jemand die drei Auberginen und zwei Tüten Milch aus dem Kühlschrank mitnimmt, bevor sie in den Müll gehen.

          Aber ausgerechnet so etwas Persönliches wie die eigenen Kleider? Kann man die, selbst in Zeiten, da immer mehr geteilt wird, wirklich leihen? „Es ist möglich“, sagt Karin Frick vom Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Institut, die zu den Fragen, was wir gerne teilen und was weniger, 2013 geforscht hat. „Wir haben bei unseren Untersuchungen erkannt, dass Stücke, die direkt auf der Haut sitzen, wie Unterwäsche, nicht geteilt werden. Aber bei Hosen, Kleidern, Schals, Jacken, Mänteln und Handtaschen ist das schon etwas anderes.“

          Mit „Mädchenflohmärkten“ hat es angefangen

          Man nehme das Herz von Uber, dem Taxidienst, und stecke es in eine Modemarke. So hat nicht nur einer etwas von dem Cocktailkleid, sondern x-beliebig viele Menschen, und zwar dann, wenn sie es brauchen. Trotzdem ist die Idee des Alltagskleidersharings nicht zu verwechseln mit dem schon längst etablierten System der Smoking-, Abendkleid- und Dirndl-Verleihe. Das Alltagskleidersharing gilt auch für den Wintermantel, der vielleicht vier Monate im Dauereinsatz ist und ansonsten im Schrank hängt. Nur, wer macht das schon? Wer leiht sich ernsthaft einen Mantel für den Winter? Schal, Mütze und Handschuhe? „Im Leben leiht man sich Kleider noch nicht wie selbstverständlich von Fremden“, sagt auch Thekla Wilkening. Deshalb bietet die Kleiderei ein Probeabo an: drei Monate leihen, statt neue Sachen zu kaufen.

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