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Italienische Modemarke Kiton : Das Maß vieler Dinge

Gründer-Tochter Maria Giovanna Paone von Kiton: „Die Deutschen sind qualitätsbewusst.“ Bild: Helmut Fricke

Im Krisenmarkt Italien hält sich Kiton gut. Gründer-Tochter Maria Giovanna Paone baut mit ihrer Familie die Maßschneiderei aus Neapel sogar aus - und kleidet nun auch Frauen ein. Ist das ein erfolgreiches Modell?

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          Er wusste immer alles, und er weiß noch alles. Nach einem Schlaganfall sitzt Ciro Paone im Rollstuhl und kann kaum noch sprechen. Also schickt er seiner Tochter SMS. Wenn ein Gespräch mit Maria Giovanna Paone immer wieder durch ein dumpfes Summen ihres Mobiltelefons unterbrochen wird, dann ist es mehr als einmal ihr Vater: „Er kontrolliert mich immer noch“, ruft Maria Giovanna in gespielter Entrüstung. Die Strenge des Vaters, eines neapolitanischen Machos und einer Legende der italienischen Mode, nimmt sie mit robustem Humor.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Sie hat ihn sogar schon widerlegt. „Man kann nicht drei Lieben haben, den Mann, die Kinder und die Firma“, sagte Ciro Paone vor 30 Jahren zu seiner Tochter, als sie ins väterliche Unternehmen einstieg und schon verlobt war. Sie blieb in der Firma, heiratete ihren Verlobten und bekam zwei Kinder. „Bis jetzt geht es also“, sagt sie im Gespräch im Mailänder Show-room und führt es auf einen anderen Vater zurück: „Gott sei's gedankt!“

          Eine der ersten Kundinnen für Kiton-Damenmode war Jil Sander. Dann schlief das Thema ein. Den einstelligen Anteil der Frauenentwürfe am Gesamtumsatz will die Marke nun endlich ausbauen. An diesem Kleid aus der aktuellen Kollektion soll man erkennen, dass Kiton nicht nur Blazer kann. Bilderstrecke

          Höhere Mächte also haben Maria Giovanna zum Vice President von Kiton gemacht. Mit Cousin Antonio De Matteis (Vorstandsvorsitzender), ihrer Schwester Raffaella (Personal), ihren Cousins Antonio Paone (Amerika-Geschäft) und Silverio Paone (Produktion) sowie mit guten Ratschlägen ihres Vaters führt sie eine der renommiertesten Herrenmodemarken der Welt - wobei die Tochter des Gründers die Damenentwürfe verantwortet. Damit steht sie für ein Projekt, das der Marke eine Zukunft sichern soll. Denn der liebe Gott hat die italienische Mode in den vergangenen Jahren etwas vernachlässigt. Es gibt mehr Krisenzeichen denn je, die Konjunkturflaute im Land hält an, die politische Unsicherheit in der Welt wächst, und einstige Wachstumsmärkte wie Russland oder China schrumpfen. Selbst ein Herrenmodeanbieter wie Brioni, der zum Kering-Konzern gehört, ist in die Krise gerutscht. Und sogar eine Marke wie Marni ist der Gründerfamilie entglitten und gehört nun ganz zum Konzern des Diesel-Chefs Renzo Rosso. Familienunternehmen in Italien sind in Gefahr.

          Mehr Shops, größere Flächen – Expansion statt Lethargie

          Die Familien Paone und De Matteis haben ein einfaches Mittel gegen Lethargie: Expansion. Schon in den vergangenen Jahren hat die Marke viele neue Shops eröffnet. Zu den 52 Geschäften in aller Welt (die elf Läden in Russland werden mit Franchise-Partnern betrieben) sollen bald weitere hinzukommen. Ende November wurde das renovierte Kiton-Geschäft in München wiedereröffnet - unter dem großspurigen Titel „Maßschneiderlounge“. Die vier deutschen Standorte (München, Hamburg, Köln, Düsseldorf) sind Maria Giovanna Paone aber nicht genug. Wobei mehr Fläche nicht unbedingt mehr Verkauf bedeutet. So sagt sie unumwunden: „In China läuft das Geschäft nicht gut.“

          Da muss man mit alten Werten gegensteuern: dauernder Vermittlung, persönlicher Betreuung. Ciro Paone, der aus der Stoffhandlung der Familie mehr machen wollte und eine Maßschneiderei gründete, hat es vorgelebt. Viele Schneider wollen den Massenmarkt mit Konfektionsware erobern. Kiton, benannt nach dem Chiton, dem Untergewand der alten Griechen, ist immer ein neapolitanischer Maßschneider geblieben. Noch heute wird in Arzano bei Neapel jeder einzelne Anzug von Hand genäht, ungefüttert, wie man es im Süden Italiens und inzwischen in der ganzen Welt liebt, und natürlich teuer, von 5000 Euro an aufwärts. Ciro Paone arbeitete wie ein Besessener an seiner Marke und glaubte an die persönliche Beratung.

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