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Neues Geschirrdesign : Zerbrochene Konventionen

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Geschirr mit spielerischer Note: Tassen und Schüsseln von Studio Berg als bunte Bauklötze, die eine Mauer ergeben. Bild: Studio Berg

Schlechte Zeiten für Omas Komplettservice: Bei Tisch sind heute Einzelstücke gefragt. Davon profitieren klassische Manufakturen ebenso wie junge Designer.

          Scherben bringen Glück“ – behauptet zumindest der Volksmund. Über Herkunft und Hintergrund des Spruches wird schon seit langem spekuliert: Geht es um die Vorwegnahme des Unglücks zur Förderung des späteren Glücks? Oder bloß um die geräuschvolle Vertreibung böser Geister? Oft wird er einfach als Aufforderung zum Handeln verstanden. Wie auch immer: Vor der Hochzeit zerschellen Tassen, Schüsseln und Teller auf dem Boden, das ist lautstarker Brauch beim Polterabend. Es muss kräftig scheppern für das Brautpaar, dann bleibt und wächst das Glück.

          Feinstes Porzellan mit Goldrand – zack, zu Boden. Kräftige Keramikschüsseln – rums, zerlegt in unzählige Teile und ab auf die Deponie. Die Zerstörung verspricht vielen Besitzern Erleichterung, denn lange Zeit verstaubte ihr keramisches Erbe in Schränken, galt als todlangweilig, spießig und unpraktisch noch dazu. Die vielteiligen Sets für den Mittagstisch und die Kaffeetafel waren kaum noch gefragt, seitdem sich in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Lebensstil und Familienordnung auch die Tischgewohnheiten verändert hatten. Da spielte es lange Zeit auch kaum eine Rolle, ob die Erbstücke von renommierten Herstellern wie Meissen, KPM oder Rosenthal stammten.

          Die Babyboomer und auch die nachfolgende Generation X verschmähten spätestens mit dem Verlassen des Elternhauses die etablierte Tischkultur und deckten sich für den eigenen Haushalt lieber günstig im Möbelhaus mit allem ein, was auf den Tisch gehört: Becher, Tassen, Teller, Schüsseln, Platten, das keramische Komplettprogramm. Am liebsten einfachste Formen, alles sollte anders als bei den Eltern und Großeltern sein. Hauptsache billig, Massenware, nur keine dogmatischen Porzellansammlungen, wie es sie über Generationen gab. Dafür machten sich an den Frühstückstischen dickwandige Kaffeebecher und bunte Müslischalen statt mehrteiliger eleganter Gedecke breit.

          Zurück zur Individualität

          Nach dem 24-teiligen Service für jede Tischsituation war das kollektive Anderssein gefragt. Der Wunsch nach Unterscheidung ist geblieben, heute stehen bei Ausstattung und Tischkultur die Zeichen jedoch ganz auf Individualität. Denn mit dem persönlichen Wunsch nach gesunder Ernährung, mit der zunehmenden Lust am Kochen und Essen und dem Bedürfnis nach geselligen Beisammensein mit Freunden wird das Thema Tischkultur wieder relevant. So wie bei der Zubereitung der Speisen beste Zutaten, das richtige Profimesser, eine optimale Pfanne und eine fulminante Kochstelle gefragt sind, so wenig darf das kulinarische Ergebnis auf seelenlosem Porzellan vom Discounter landen.

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          Mit der neuen kulinarischen Lust richtet sich der Blick wieder auf die Details am Tisch. Mit Vergnügen wird das elegante Teeservice aus feinem Porzellan zum stilvollen Begleiter beim beschaulichen Start in einen langen Sonntagmorgen, werktags steht dann der kräftige Kaffeepott aus einer kleinen Manufaktur bereit. Die schnelle Pasta landet auf robustem Gastro-Geschirr, doch wenn die Freunde kommen, darf wieder das filigrane Porzellan mit Dekor auf den Tisch.

          Lange gepflegte Tabus in Stilfragen scheinen vergessen. Bei den Gästen an der heimischen Tafel wird gepunktet mit Tischgeschirr, das die eigene Persönlichkeit unterstreicht. Das kann der wiederentdeckte Klassiker aus der heimischen Porzellanmanufaktur ebenso sein wie ein traditionell handwerklich gefertigtes Stück aus Übersee.

          Einheit von japanischem Handwerk und westlichem Design: In der Keramikstadt Arita hergestelltes Geschirr der Marke „2016/“. Bilderstrecke

          Handwerkliche Produktion

          Weil sich der Wunsch nach Individualität und Handwerklichkeit am Tisch neu formiert, erleben traditionelle Hersteller wie die Porzellanmanufaktur Nymphenburg ein kleines Revival. Der alteingesessene Betrieb in der Nymphenburger Schlossanlage hat die wieder hochgeschätzte handwerkliche Produktion nie aufgegeben. Im Gegenteil, die traditionellen Techniken wurden kontinuierlich gepflegt und weiterentwickelt. Von der Produktion der eigenen Porzellanmasse bis zur Malerei und Vergoldung garantieren die manuellen Fähigkeiten der Mitarbeiter die hochgelobte Qualität. Erfolgreiche Kollektionen werden über Jahrzehnte bis heute weitergeführt – beispielsweise „Lotos“, ein zeitloser Entwurf von Wolfgang von Wersin aus den dreißiger Jahren mit klaren Formen und Funktionen. Allein der Kunde entscheidet, ob er das Geschirr in aktuellen Pastelltönen oder doch mit einem Goldrand haben möchte. Oder mit einem Motiv wie beim „Global Service“ von Barnaby Barford. Die Serie aus 14 Tellern ergibt zusammengesetzt die Weltkarte. Der britische Designer sieht seinen Entwurf als ein Stück Tischkultur, über das die Gäste miteinander ins Gespräch kommen.

          Tradition trifft Fortschritt

          Bei Nymphenburg hat man offensichtlich verstanden, dass Tradition dauerhaft nur mit einer mutigen Fortschreibung Bestand haben kann. Die Kooperation mit zeitgenössischen Designern wie Konstantin Grcic, Hella Jongerius und auch bildenden Künstlern wie Carsten Höller und Olaf Nicolai hält die Manufaktur am Puls der Zeit. Für die Edition „Lightscape“ hat Ruth Gurvich das Erscheinungsbild von Porzellan und Papier angenähert und gleichzeitig der Ästhetik des Unperfekten filigrane Formen gegeben. Die Einzelstücke der 18-teiligen Kollektion funktionieren im Zusammenspiel genauso wie als Solitäre. So kann der Kunde ganz nach dem persönlichen Bedarf und dem aktuellen Stand im Geldbeutel entscheiden.

          Die Zeiten, in denen übergroße Komplettsets das Angebot dominierten, sind zum Glück vorbei. Heute geben die individuellen täglichen Rituale die Kaufentscheidung vor. Die Liebhaber des wiederentdeckten Filterkaffees wissen stimmige Kombinationen aus Tasse und Untertasse zu schätzen, Latte-Macchiato- und Cappuccino-Fans suchen eher nach robusten Formen.

          Ritual und Form sind auch bei der Teekultur in besonderem Maße verwoben. Frische Beispiele für zeitgenössische Interpretationen liefert die neue Marke „2016/“. Unter Leitung der niederländischen Designer Scholten & Baijings haben 16 internationale Designer mit zehn Herstellern aus der japanischen Porzellanstadt Arita aktuelle Kollektionen entwickelt. Auch hier haben jahrhundertealte Techniken Gestalter wie Stefan Diez, Pauline Deltour, Studio Wieki Somers oder Tomás Alonso zu Neuinterpretationen mit zeitgemäßem Charme inspiriert. Erst durch das Experiment mit den Experten vor Ort und die Adaption der handwerklichen Techniken an die gestalterischen Ansprüche konnten Porzellankollektionen entstehen, die bei gleicher Fertigungsqualität eine große Bandbreite an aktuellen Formen und Farben bieten.

          Spielerisch: Geschirr wie Bauklötze

          Auch die jüngeren Generationen der Gestalter tauchen gerne in Konstellationen ein, die Bekanntes zum Ausgangspunkt offener Experimente machen. Sie wagen einen Remix der Funktionen, Materialien und Techniken und starten so manch kleinen Angriff auf unsere schöne heile Tischkultur. Mit Anleihen bei Memphis und postmodernem Design gestaltet Friederike Delius die Ausdrucksformen von industriell gefertigtem Stapelgeschirr um. Amüsant türmen sich ihre einem strengen Raster verpflichteten Schalen und Dosen wie Bauklötze auf dem Tisch.

          Noch einen Schritt weiter geht Bilge Nur Saltik. Mit der experimentellen Geschirrserie „Share.Food“ stellt die Designerin auf überraschende Weise unser Verhalten bei Tisch in Frage. Eine übergroße Kombination aus Teller und Suppenschüssel kreiselt über den Tisch. Reihum essen alle Anwesenden aus dem gemeinschaftlichen Gefäß. Sicher nicht jedermanns Sache, doch ganz sicher ein Denkanstoß, Gewohnheiten und Rituale unserer Tischkultur von Zeit zu Zeit neu zu überdenken.

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