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Neues Geschirrdesign : Zerbrochene Konventionen

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Einheit von japanischem Handwerk und westlichem Design: In der Keramikstadt Arita hergestelltes Geschirr der Marke „2016/“. Bilderstrecke

Handwerkliche Produktion

Weil sich der Wunsch nach Individualität und Handwerklichkeit am Tisch neu formiert, erleben traditionelle Hersteller wie die Porzellanmanufaktur Nymphenburg ein kleines Revival. Der alteingesessene Betrieb in der Nymphenburger Schlossanlage hat die wieder hochgeschätzte handwerkliche Produktion nie aufgegeben. Im Gegenteil, die traditionellen Techniken wurden kontinuierlich gepflegt und weiterentwickelt. Von der Produktion der eigenen Porzellanmasse bis zur Malerei und Vergoldung garantieren die manuellen Fähigkeiten der Mitarbeiter die hochgelobte Qualität. Erfolgreiche Kollektionen werden über Jahrzehnte bis heute weitergeführt – beispielsweise „Lotos“, ein zeitloser Entwurf von Wolfgang von Wersin aus den dreißiger Jahren mit klaren Formen und Funktionen. Allein der Kunde entscheidet, ob er das Geschirr in aktuellen Pastelltönen oder doch mit einem Goldrand haben möchte. Oder mit einem Motiv wie beim „Global Service“ von Barnaby Barford. Die Serie aus 14 Tellern ergibt zusammengesetzt die Weltkarte. Der britische Designer sieht seinen Entwurf als ein Stück Tischkultur, über das die Gäste miteinander ins Gespräch kommen.

Tradition trifft Fortschritt

Bei Nymphenburg hat man offensichtlich verstanden, dass Tradition dauerhaft nur mit einer mutigen Fortschreibung Bestand haben kann. Die Kooperation mit zeitgenössischen Designern wie Konstantin Grcic, Hella Jongerius und auch bildenden Künstlern wie Carsten Höller und Olaf Nicolai hält die Manufaktur am Puls der Zeit. Für die Edition „Lightscape“ hat Ruth Gurvich das Erscheinungsbild von Porzellan und Papier angenähert und gleichzeitig der Ästhetik des Unperfekten filigrane Formen gegeben. Die Einzelstücke der 18-teiligen Kollektion funktionieren im Zusammenspiel genauso wie als Solitäre. So kann der Kunde ganz nach dem persönlichen Bedarf und dem aktuellen Stand im Geldbeutel entscheiden.

Die Zeiten, in denen übergroße Komplettsets das Angebot dominierten, sind zum Glück vorbei. Heute geben die individuellen täglichen Rituale die Kaufentscheidung vor. Die Liebhaber des wiederentdeckten Filterkaffees wissen stimmige Kombinationen aus Tasse und Untertasse zu schätzen, Latte-Macchiato- und Cappuccino-Fans suchen eher nach robusten Formen.

Ritual und Form sind auch bei der Teekultur in besonderem Maße verwoben. Frische Beispiele für zeitgenössische Interpretationen liefert die neue Marke „2016/“. Unter Leitung der niederländischen Designer Scholten & Baijings haben 16 internationale Designer mit zehn Herstellern aus der japanischen Porzellanstadt Arita aktuelle Kollektionen entwickelt. Auch hier haben jahrhundertealte Techniken Gestalter wie Stefan Diez, Pauline Deltour, Studio Wieki Somers oder Tomás Alonso zu Neuinterpretationen mit zeitgemäßem Charme inspiriert. Erst durch das Experiment mit den Experten vor Ort und die Adaption der handwerklichen Techniken an die gestalterischen Ansprüche konnten Porzellankollektionen entstehen, die bei gleicher Fertigungsqualität eine große Bandbreite an aktuellen Formen und Farben bieten.

Spielerisch: Geschirr wie Bauklötze

Auch die jüngeren Generationen der Gestalter tauchen gerne in Konstellationen ein, die Bekanntes zum Ausgangspunkt offener Experimente machen. Sie wagen einen Remix der Funktionen, Materialien und Techniken und starten so manch kleinen Angriff auf unsere schöne heile Tischkultur. Mit Anleihen bei Memphis und postmodernem Design gestaltet Friederike Delius die Ausdrucksformen von industriell gefertigtem Stapelgeschirr um. Amüsant türmen sich ihre einem strengen Raster verpflichteten Schalen und Dosen wie Bauklötze auf dem Tisch.

Noch einen Schritt weiter geht Bilge Nur Saltik. Mit der experimentellen Geschirrserie „Share.Food“ stellt die Designerin auf überraschende Weise unser Verhalten bei Tisch in Frage. Eine übergroße Kombination aus Teller und Suppenschüssel kreiselt über den Tisch. Reihum essen alle Anwesenden aus dem gemeinschaftlichen Gefäß. Sicher nicht jedermanns Sache, doch ganz sicher ein Denkanstoß, Gewohnheiten und Rituale unserer Tischkultur von Zeit zu Zeit neu zu überdenken.

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