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Karl Lagerfeld : Die Entdeckung eines Anfängers

Hier zum ersten Mal zu sehen: Karl Lagerfeld passt und fasst ein Kleid an, vor 60 Jahren bei Patou. Bild: Association Willy Maywald

Sein plötzlicher Tod kam wie ein Schlag: Mit Karl Lagerfeld verlor die Modewelt vor einem Jahr eine ihrer Ikonen. Aber wie wurde dieser adrette Deutsche im maßgeschneiderten Anzug eigentlich dazu?

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          Immerhin, er war nun Chefdesigner. Karl Lagerfeld hatte sich als Assistent im Modehaus Balmain arg gelangweilt. Also wechselte er 1958 zur Marke Jean Patou an der Rue Saint-Florentin. Jeder habe ihm davon abgeraten, sagte er später, aber er zeichnete lieber dort verantwortlich fürs Design, als im Schatten von Pierre Balmain zu stehen.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Der junge Karl hatte es allerdings nicht so weit gebracht wie sein guter Freund Yves Saint Laurent, der nach dem Tod von Christian Dior 1957 dort Chefdesigner wurde – und über Nacht zum Star der Pariser Mode. Bei Patou wurde niemand zum Star. Das Modehaus des 1936 gestorbenen Modemachers, der durch die Erfindung des Tennisrocks und seine Parfums wie Amour Amour (1925) und Joy (1930) bekannt wurde, war nicht so groß und nicht so renommiert wie das Haus an der Avenue Montaigne.

          „Aber es war eine Sensation, dass ein so junger und noch dazu deutscher Designer dort die Kollektion machen durfte“, sagt Peter Bermbach, der für Magazine wie „Schöner Wohnen“, „Vogue“ und „House & Garden“ schrieb – und zusammen mit dem aus Kleve stammenden Fotografen Willy Maywald gleich mal eine Geschichte plante. „Karl war sofort bereit, sich bei seiner Arbeit fotografieren zu lassen“, sagt Bermbach, der gerade aus Deutschland nach Paris gezogen war und bis heute dort lebt. „Er hatte schon immer einen sehr guten Riecher für Publicity.“

          „Mund zu und machen“

          Karl Lagerfeld, der 1960 erst 27 Jahre alt wurde, begann schon damals, seine Karriere systematisch zu planen. Niemand konnte mit den Medien besser umgehen als dieser Vielredner. Kaum jemand sah besser aus als dieser adrette Deutsche im maßgeschneiderten Anzug. Auch im Studio stellte er sich gut dar, beugte sich vor dem Mannequin hinab, drapierte den schweren Taft und hielt inne, wenn Maywald „Halt!“ rief und auf den Auslöser drückte. Es sind seltene Szenen, denn er war nicht der Modemacher, der vor einem Model in die Knie ging.

          Eigentlich zeichnete er nur die Entwurfsskizzen und überließ das mühsame Drapieren und Anpassen den Schneiderinnen. Das Foto aus dem Maywald-Archiv, das hier zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht wird, ist insofern einzigartig. Oft wurde Lagerfeld, der am 19. Februar 2019 starb, also vor einem Jahr, bei seiner Arbeit für Chloé, Fendi oder Chanel am Zeichentisch abgebildet – am Model nie. Bei der Abnahme der Chanel-Kollektion zum Beispiel saß er in der Zentrale an der Rue Cambon am Schreibtisch und bat seine Assistentin Virginie Viard oder die Schneiderinnen, hier noch etwas abzustecken und dort noch etwas zu applizieren.

          Aber er wusste sich eben zu inszenieren. In der „Münchner Illustrierten“ vom 5. März 1960 ziert „der neue Mann bei Jean Patou“ sogar mit Mannequin Kara den Titel und macht eine engagierte Geste. Am linken Handgelenk trägt er ein Handnadelkissen, als Ausweis seines Metiers.

          Karl Lagerfeld, wie ihn man ihn in Erinnerung hat: Mit weißem Haar und dunkler Brille. Bilderstrecke

          Schnell musste der junge Chefdesigner erkennen, dass er auch bei Patou sein Glück noch nicht gefunden hatte. „Aber ich sagte mir, ich bin nicht hier als Kunstkritiker, sondern um etwas zu lernen. Mund zu und machen“, sagte er 2013 der „Welt am Sonntag“. Seine Geduld wurde stark strapaziert, denn bei Patou musste er pro Jahr nur zwei Couture-Kollektionen mit jeweils 60 oder 70 Kleidern entwerfen. Also wurde er 1963 freiberuflicher Designer und arbeitete für deutsche, italienische, amerikanische, japanische, französische Firmen. Angestellt war er nie mehr, verdient hat er trotzdem viel, typisch Kaufmannssohn.

          Und schließlich überholte er seinen Freundfeind Yves. Der Liebling aller Franzosen, der psychisch angeschlagen war, gezeichnet von Rauschgift und Alkohol, hörte früh auf und starb 2008, mit 71 Jahren. Lagerfeld hielt durch bis 85. Sechs Jahrzehnte lang Chefdesigner! Gearbeitet hat er bis zum vorletzten Tag seines Lebens.

          Korrektur

          Zuvor war in der Bilderstrecke fälschlicherweise ein Bild mit der Bildunterschrift „Karl Lagerfeld mit seiner französischen Birma-Katze Choupette“ versehen. Das Bild zeigte jedoch die Künstlerin Johanna Keimeyer, die sich als Karl Lagerfeld verkleidet hinter einer Katze versteckte. Das Bild wurde ausgetauscht und zeigt nun tatsächlich Karl Lagerfeld.

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