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Junge Maßschneider : Die Hoffungsträger der Savile Row

  • Aktualisiert am

Frischer Wind für ein altes Handwerk: Schneiderin Emily Squires Bild: AFP

Die britische Maßschneiderei steckt in der Krise: Vielen Geschäften der einst so prachtvollen Savile Row droht das Aus. Nun sollen junge Designer das Handwerk neu beleben.

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          In der Kellerwerkstatt auf der Savile Row kann man Emily Squires gar nicht verfehlen. Sie steht zwischen einem Dutzend männlicher Schneider, die maßgeschneiderte Anzüge und Mäntel für die internationale Elite auf ihren vollgepackten Bänken nähen und bügeln. Die 29 Jahre alte Schneiderin bei Henry Poole & Co trägt einen modischen grauen Overall, an den Füßen Doc Martens. Sie ist das Aushängeschild einer neuen Generation, die frischen Wind in das traditionelle Schneiderhandwerk bringt. Zwei ihrer Mäntel wurden in dieser Woche bei der Men's Fashion Week in London gezeigt als beispielhafte Stücke der Savile Row – jener Straße in London, die lange Zeit als Aushängeschild für Männeranzüge galt, mittlerweile aber in eine ungewisse Zukunft blickt.

          „Jeder Auftrag ist anders“

          Im vergangenen Jahr hat Squires mit einem blauen Samtgehrock und karierten Reithosen die „Goldene Schere“ gewonnen, den Oscar der britischen Maßschneider-Szene. Noch kann sie sich in diesem Erfolg sonnen, die meisten ihrer Aufträge sind aber weit weniger extravagant: Anzüge und Jacketts stapeln sich auf einem Regal über ihrem Tisch. „Jeder Auftrag ist anders“, sagt sie. „Du weißt nie, was drin ist, wenn du das Paket aufmachst.“ Squires holt sich ein Päckchen Stoff herunter, der auf die Maßen des Kunden zugeschnitten ist und liest den Zettel, auf dem steht, was der Kunde will. „Einen Zweireiher mit einer äußeren Brusttasche, Billett-Taschen und keine Seitenschlitze“, liest sie vor. „Das ist ein leichtes Tuch, 10 oder 11 Unzen. Es ist marinefarbenes Leinenpanama – das wird nach all dem Bügeln und Mangeln sehr schön aussehen, daraus kann man eine wirklich schöne Form machen.“

          Squires gehört zu der kleinen Gruppe von Lehrlingen, die bei Henry Poole arbeiten, und damit zur wachsenden Zahl der Frauen, die in der Savile Row ihre Ausbildung machen. Die Vereinigung „Savile Row Bespoke“ hat in den vergangenen vier Jahren rund 30 Schneider-Diplome überreicht, mindestens 20 davon erhielten Frauen. Ein ermutigendes Zeichen, das zeigt, wie ein Industriezweig sich modernisiert. Dennoch gibt es einen starken Kontrast zwischen der Arbeit der Savile Row und den teils extravaganten Kreationen, die auf der Fashion Week gezeigt werden.

          Die vierte Saison der „London Collections: Men“ zog große Namen wie Burberry und Tom Ford an, Einkäufer und Pressevertreter aus 37 Ländern. Die Kollektionen bestanden aus klar konturierten Anzügen, Polo-Necks, T-Shirts, bunter Sportswear und Plateau-Schuhen für Männer. Die Veranstalter behaupten, die Schauen würden auf dem Erbe Londons in der Männermode aufbauen, das international bislang „unerreicht“ sei. Während der Markt für Massenware bei der Männermode in Großbritannien boomt – der Marktanalyst Mintel spricht von einem Wachstum um zwölf Prozent über die vergangenen fünf Jahre – ist die Zukunft der hochpreisigen, maßgeschneiderten Mode unklar. „Das hochpreisige Segment des Marktes wurde durch die Nachfrage aus dem Ausland, aus China und Fernost, erhalten“, sagt Richard Perks, Direktor für Handelsforschung bei Mintel. „Das ist ein Exportschlager, das ist auch toll für die Vermarktung Großbritanniens. Aber der Markt dafür ist sehr ausgedünnt.“

          Sorgen wegen steigender Mieten

          Die Zeiten, als ein Kunde noch eine Empfehlung benötigte, um einen Laden auf der Savile Row betreten zu dürfen, sind längst vorüber. Viele Firmen haben eine Ready-to-wear-Linie herausgebracht und arbeiten mit global agierenden Marken zusammen. Traditionsunternehmen wie Gieves & Hawkes und Hardy Amies haben in der vergangenen Woche beide Ready-to-wear-Kollektionen vorgestellt. Henry Poole setzt weiterhin darauf, nur Maßgeschneidertes anzubieten: „Wir sind noch immer eine Traditionsschneiderei und das erwarten die Leute auch von uns“, sagt Squires. Der ganze Prozess der Herstellung, der von den ersten Entwürfen bis zur Fertigstellung bis zu drei Monate dauern kann, sei „eine ganz spezielle Erfahrung. Ich denke, das wollen die Leute noch immer“, sagt die junge Schneiderin.

          Paul Frearson, ein Schneider mit 50 Jahren Berufserfahrung, der Squires ausgebildet hat, macht sich da schon mehr Sorgen über die Zukunft, besonders über die steigenden Mieten, mit denen die Schneider in der Savile Row zu kämpfen haben. „Ich bin immer optimistisch gewesen, aber ich beginne mich zu fragen, ob wir noch lange aufrecht erhalten können, was wir hier tun.“ Frearson verweist auf die kürzlichen Übernahmen von Gieves & Hawkes, Hardy Amies und Kilgour durch die private Investmentfirma Fung Capital aus Hong Kong. „Diese Traditionsunternehmen arbeiten nun unter dem gleichen Schirm, aber wir wollen Individualität“, sagt er. Frearson hofft, dass die Zukunft Menschen wie Squires oder dem ehemaligen Lehrling Rory Duffy gehört, der sich in New York selbständig gemacht hat. „Was wir brauchen, das sind Leute wie Emily, die ihr eigenes Unternehmen aufbauen und der Maßschneiderei eine Zukunft ermöglichen.“

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