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Rückkehr eines alten Handwerks : Gehäkelt, nicht gestrickt

  • -Aktualisiert am

Schau her, hier steckt Handwerk drin! Pullover aus Wolle und einem Entwurf von We Are Knitters. Bild: We are knitters

Kleidung nähen? Wird heute vor allem in Fernost erledigt. Vielleicht beschäftigen sich die Designer deshalb jetzt wieder mit einer alten Handwerkstechnik.

          Bei Oma lagen sie stets dekorativ herum: Häkeldeckchen, zusammengesetzt aus Granny Squares. So heißen die bunten gehäkelten Quadrate, oft mit Blumen in der Mitte, die auf Kommoden oder als Topflappen am Herd ein Zierdasein fristeten. Die Modedesigner erwecken diese Quadrate jetzt aus ihrem Dornröschenschlaf und dekorieren damit, sehr apart, ihre Entwürfe auf dem Laufsteg. Jonathan Anderson heißt der Mann, der Omas Häkeldeckchen salonfähig gemacht hat. Als Teil der Herrenkollektion seiner Marke J.W. Anderson holte er das schrullige Fleckchen Wolle aus der modischen Versenkung kitschigen Plunders.

          Dass ausgerechnet ein Designer von Anfang dreißig darauf kommt, ist in diesem Fall gar nicht so überraschend: Jonathan Anderson arbeitete in seinen Zwanzigern eng mit der rechten Hand von Miuccia Prada zusammen, mit Manuela Pavesi, die vor allem für den Look der Prada-Shops zuständig war. Und beide Frauen, Miuccia Prada und Manuela Pavesi, wussten schon damals, dass besonders luxuriöse Mode einen gewissen Bruch verträgt, ein bisschen ugly chic. Heute ist das ein Zauberwort der Mode. Es bedeutet, dass etwas, was gerade noch total out war, nun cool wird – eben weil es in seiner vermeintlichen Hässlichkeit einen gewissen Chic verströmt. Siehe die Granny Squares, die nun an modischen Hälsen prangen.

          Die Ursprünge sind nebulös

          Auch bei Burberry gab es die Häkelkaros zu sehen, zu Pullundern und Röcken zusammengesetzt. So wie bei Alexander McQueen und Vivienne Westwood. Very british also der Trend zum Gehäkelten. Kaum verwunderlich, ist die Häkeltechnik doch vermutlich eine Erfindung, die von der Insel auf den Kontinent schwappte. Schottische Bauern könnten darauf gekommen sein, auch wenn die Ursprünge etwas nebulös sind. Während der Großen Hungersnot in Irland in den vierziger und fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde Häkeln jedenfalls besonders populär – aus der Not heraus. Viele Notleidende schlossen sich zu Kooperativen zusammen, um Geld zu verdienen und so den Hunger zu bekämpfen. Um die vergangene Jahrhundertwende dann kamen kompliziertere und feinere, fast spitzenartige Häkelmuster in zurückhaltenden Farben in Mode, bis sich der historische Häkelfaden nach dem Ersten Weltkrieg verlor und erst von der Hippie-Generation wiederaufgenommen wurde. Die Farben der damaligen Stunde: psychedelisch bunt. Die Muster: grobmaschig, möglichst handgemacht, am liebsten mit Blumen darin – die heutigen Granny Squares.

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          Da Häkeltechniken im Gegensatz zum Stricken nicht so einfach maschinell nachgeahmt werden können, ist Gehäkeltes heute sozusagen ein Luxus-Gütesiegel. Es scheint zu rufen: Schau her, hier steckt echtes Handwerk drin! Selbstgemacht, mit Liebe, wie damals bei Omi. Auch wer keine Großmutter mit Häkeldecke hatte, verbindet mit dem Anblick eines gehäkelten Stückes eine gewisse Heimeligkeit – „Hygge“ sagt man neudeutsch auch dazu. Es erinnert an eine einfachere Zeit, bevor das Internet alle häuslichen und öffentlichen Räume durchdrang.

          Diese Authentizität des Gehäkelten macht es besonders beliebt bei den Millennials, die vielleicht wieder mehr als Generationen vor ihnen auf der Suche nach etwas Echtem oder Geerbtem sind, um sich von der Masse zu distanzieren. Das Phänomen lässt sich übrigens beliebig ausweiten, auch geflochtene Körbe aus Bast waren im Hinblick auf die Ausstattung der Wohnung in den vergangenen Jahren ein großer Renner. Ein neues altes Hobby namens Stricken ja sowieso. Sabrina Muhs und Raquel Porter, Designerinnen von We Are Knitters, kennen sich damit aus. Sie verkaufen unter ihrem Label Wolle und passende Anleitungen, also Strick-Sets, aber zum Pullover kommt man erst nach ein paar Stunden Arbeit mit den eigenen Händen. Sie sagen, natürlich gehe es dabei um einen Ausgleich zu einem Leben, das zunehmend von Technologie bestimmt ist. Darum, etwas Eigenes zu schaffen. „Wir heißen zwar We Are Knitters, bieten jedoch nicht nur Strick-, sondern auch Häkelsets an. Unsere Kunden stricken also nicht nur, sie häkeln auch.“ Dass das Interesse am Handwerk Häkeln gestiegen ist, bemerken die zwei besonders an den Reaktionen auf Facebook und Instagram.

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