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Jüdische Mode : Sich bedecken, um sich zu zeigen

Vom Tschador lernen: Ein Model zeigt im Israel-Museum einen Entwurf Yaniv Persys Bild: dpa

Jüdische Frauen hielten sich in islamischen Ländern an den örtlichen Brauch und verhüllten sich, variierten aber gleichzeitig die landestypische Mode. Eine Ausstellung zeigt die modische Vielfalt, die nach der Gründung des Staates Israel zusammenfand.

          Der Tschador, der vom Kopf bis zu den Füßen reicht, hat Yaniv Persy inspiriert. Jüdische Frauen umhüllten im vergangenen Jahrhundert in Afghanistan – wie viele muslimische Frauen bis heute – den ganzen Körper mit einem solch langen schwarzen Tuch; nur für ihre Augen ließ ein feinmaschiges Netz einen schmalen Schlitz frei. Der israelische Modedesigner deutete das traditionelle Kleidungsstück auf eigenwillige Weise neu. Das Model vor dem historischen Gewand im Jerusalemer „Israel Museum“ ist auch in Schwarz gekleidet.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Doch Yaniv Persy kürzte den Tschador radikal und schnitt ihn auf die weibliche Silhouette: Von vorne bedeckt ein fledermausartiges Cape den Oberkörper, das an den langen Ärmeln befestigt ist. Von hinten schmiegt sich das kurze Kleid an die Rundungen von Rücken und Taille. „Frauen, die sich heute verschleiern, ziehen sich darunter oft sehr sexy und farbenfreudig an“, sagt der junge Israeli, dessen Modelabel auch in der arabischen Welt Kundinnen hat. Für ihn sei das „Verbergen und Zeigen von Weiblichkeit“ das Spannende.

          Anpassungsfähig und kreativ

          Dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung „Dresscodes: Ein Blick in den jüdischen Kleiderschrank“. Das „Israel Museum“ hatte zur Eröffnung im März junge israelische Modemacher gebeten, auf der Suche nach neuen Ideen sich den gewaltigen Fundus anzusehen, von dem jetzt rund 100 Stücke ausgestellt sind. Der Tschador aus der westafghanischen Stadt Herat gehört zu den rund 10.000 jüdischen Gewändern im Besitz des Museums, das damit über die größte Sammlung jüdischer Bekleidung auf der Welt verfügt. Die meisten davon hatten Einwanderer nach der Gründung des Staates Israel im Gepäck.

          Sie zählten zu den wenigen persönlichen Erinnerungsstücken, die sie auf der überstürzten Flucht in die neue Heimat mitbringen konnten. Selbst wenn jüdische Mode selten so weit ging wie Yaniv Persy, ist sie nie stehengeblieben, sondern erwies sich in den vergangenen beiden Jahrhunderten als anpassungsfähig und kreativ. „Sie nahm die Einflüsse ihrer Umgebung auf und strahlte selbst aus“, sagt James Snyder, der Direktor des Jerusalemer Museums.

          Verschiedene Verhüllungstraditionen

          Kleidungsstücke wie der Tschador ließen zwar die individuellen Züge nicht erkennen, aber den Menschen in Herat war klar, wem sie auf der Straße begegneten. Jüdische Frauen waren an ihrem schwarzen Tschador mit dem weißen Gesichtsnetz zu erkennen. Muslimische Frauen trugen dagegen eine farbige, zeltartige Burka, die aus einem einzigen Stück Stoff gefertigt war. Im Unterschied zum Islam schreibt das Judentum Frauen nicht vor, in der Öffentlichkeit den ganzen Körper zu bedecken, abgesehen von ihren Haaren.

          Doch in islamischen Ländern unterwarfen sie sich dem örtlichen Brauch – und variierten ihn: In Bagdad etwa verbargen Jüdinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Straße ihr Gesicht hinter einem Schleier. Anders als die Frauen in Herat hüllten sie den übrigen Körper aber in helle, mit Blumenornamenten bestickte Seidentücher. Bräute dagegen zeigten in der Hauptstadt des Zweistromlandes immer wieder mehr als sie versteckten.

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