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Modehaus Margiela : John Galliano ist wieder da

Ein Mann ohne Gesicht trifft auf eine Marke ohne Gesicht: John Galliano (hier nach einer Dior-Schau 2004) ist zurück bei Margiela. Bild: Helmut Fricke

Der britische Designer soll die Modemarke Margiela nach vorne bringen. Die Nachricht elektrisiert die Branche. Wie kann der Modemacher dem gesichtslosen Haus Konturen geben?

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          Ein Mann ohne Gesicht trifft auf eine Marke ohne Gesicht. Ob man am Ende nur eine Maske erkennen kann? Oder eine echte Physiognomie? Das wird man wohl erst in Jahren erkennen.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Nachricht vom Montag jedenfalls lädt zu vielen Spekulationen ein: John Galliano, der nach seinen umstrittenen Äußerungen im Alkoholrausch („I love Hitler“) das Modehaus Dior vor dreieinhalb Jahren verlassen musste, wird Chefdesigner von Maison Martin Margiela. Die Meldung elektrisiert die Modebranche, weil die von Martin Margiela im Jahr 1988 gegründete Marke vor allem deshalb von sich reden machte, weil die Öffentlichkeit ihren Gründer, der sich vor fünf Jahren zurückzog, nie zu Gesicht bekommen hat.

          Galliano ist nicht für Zurückhaltung bekannt

          Und jetzt hat Renzo Rosso, Gründer des Jeans-Labels Diesel und Präsident der Holding OTB („Only the Brave“), zu der die Marke Margiela gehört, ein allzu bekanntes Gesicht beauftragt. Denn John Galliano tat sich bisher nicht mit bescheidener Zurückhaltung hervor. Vielmehr prägte er mit seinem teils barocken, teils eklektizistischen Stil Givenchy (1995 bis 1996), Dior (1996 bis 2011) und seine eigene Marke John Galliano (1994 bis 2011), die zum Konzern LVMH gehört und von seinem ehemaligen Assistenten Bill Gaytten entworfen wird. Sinnbildlich wurde Gallianos Solipsismus in seinen Auftritten nach den Dior-Schauen: Im Phantasiekostüm eines Astronauten, Piraten oder Zirkusdirektors ließ er sich vom Publikum feiern.

          Für John Galliano, der Männer- und Frauen-, Couture- und Prêt-à-porter-Linien übernehmen soll, ist die Zusammenarbeit mit Rosso eine Rehabilitierung. Nachdem er in den vergangenen Jahren eine Suchttherapie gemacht und in der jüdischen Gemeinde Abbitte für seine antisemitischen Äußerungen geleistet hatte, half er zunächst bei dem New Yorker Designer Oscar de la Renta aus. Dann beriet er einen russischen Parfümerie-Filialisten. Das konnte es nicht gewesen sein. Die Wiedereingliederung in seine geistige Heimat, die Modeszene, ist erst mit der Margiela-Mitteilung vollendet.

          Für Renzo Rosso ist die Zusammenarbeit ebenfalls günstig. Denn ohne ein Gesicht hat eine Marke Mühe, erfolgreich zu sein. Schon die wochenlangen Spekulationen um eine mögliche Zusammenarbeit werden den italienischen Selfmade-Milliardär wegen des Marketingeffekts erfreut haben. Die Meldung ist entsprechend effektvoll platziert: Nach der langen Schauensaison, die vergangene Woche zu Ende ging, schien alles gesagt. Angesichts der Ermüdungserscheinungen in der Modebranche wirkte die Mitteilung vom Montag wie ein Weckruf.

          Aber wie wird sich der 53 Jahre alte Modemacher in diese Modemarke einfügen? „Die Berufung markiert eine neue Ära in der Geschichte des Maison“, teilt OTB stolz mit. „Ein visionäres, nonkonformistisches, kreatives Talent wird dem bilderstürmerischen Erbe Margielas neue Bedeutung und neue Impulse für eine spannende Zukunft verleihen“, lässt Renzo Rosso ausrichten. Der Jeans-Pionier, der sich mit Marken wie Viktor & Rolf und Marni ein modisches Portfolio zugelegt hat, wird zudem seine diebische Freude an der Provokation haben: Denn die Mode beschäftigt sich nun unweigerlich mit der Frage, ob man einen solchen Mann überhaupt wieder ins Licht der Öffentlichkeit rücken darf.

          Trotzdem kann man sich nur schwer vorstellen, wie der überstarke Designer aus der Phantasieuniform schlüpft und einen weißen Klinikkittel überzieht, in dem bei der Pariser Marke vom Designer bis zum Platzanweiser alle stecken, um die Gleichheit des Ungleichen hervorzuheben.

          Die Verbindung ist nicht nur wegen der Eitelkeiten des Designers kein Selbstläufer. Auch stilistisch treffen hier zwei Welten aufeinander: Galliano liebt den Überschwang in Farben, Formen und Materialien, ergeht sich in historischen Referenzen und ist ein Spezialist der Sanduhrsilhouetten; Margiela dagegen, von anonymen Designern entworfen, beschränkt sich oft auf unsinnliches Weiß und dekonstruierte Schnitte.

          Vielleicht begegnen sich diese beiden Welten also nur in wenigen Punkten, zum Beispiel in der Lust an der marketinggerechten Verführung der Modewelt mit rätselhaften Produkten und in der Vorliebe für bizarre Verformungen an entlegenen Körperteilen. Auf den ersten Auftritt des neuen Chefdesigners bei den Couture-Schauen im Januar sind jetzt jedenfalls alle gespannt.

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