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Paris Libre

Von ANNABELLE HIRSCH, Fotos von JONAS UNGER, Styling MARKUS EBNER

27.04.2018 · Johanna Wokalek nimmt sich die Freiheit – und zeigt uns neuen Schmuck.

M üsste man Johanna Wokalek mit nur einem Wort beschreiben, es wäre das altmodische Adjektiv „apart“. Nicht weil sie altmodisch wirkt, kein Stück. Vielmehr, weil all die anderen Wörter, die man sonst benutzt, um über Schauspielerinnen zu schreiben, also etwa zu sagen, sie hätten eine ungeheure Präsenz, seien talentiert, facettenreich, mitreißend in ihrem Spiel, auch bei ihr zutreffen – weil sie aber die gewisse Poesie, die sie umgibt, eine feine Ernsthaftigkeit, verkennen würden. Johanna Wokalek ist apart, oder, in der Sprache ihres derzeitigen Wahllandes: Sie ist „à part“. Anders. Und das in fast allem. Darin, wie sie ihre Karriere gestaltet, wie sie aussieht, wie sie spricht, wie sie denkt, wo sie lebt.

Schon seit ein paar Monaten ist das Paris. Wir treffen uns an einem Mittwochvormittag in einer zum Fotostudio umgewandelten Wohnung im 16. Arrondissement. Die Sonne strahlt durch die Fenster, Johanna Wokalek sitzt in der kleinen Küche und beißt in ein Baguette mit Butter. Sie trägt Jeans und ein Langarm-Shirt, keinen Schmuck, kein Make-up. Sie wirkt so, wie man sie sich vorstellt, irgendwo zwischen der unbefangen neugierigen Leila, die sie 2005 in „Barfuss“ spielte, und der selbstbewusst-entschlossenen Gudrun Ensslin, als die sie 2008 in „Der Baader Meinhof Komplex“ zu sehen war.

Pullover von Hermès, Kette „Ice Cube Pure“ und Goldringe von Chopard

Johanna Wokalek ist freundlich, aber auch fordernd. Beginnen wir bei der Stadt: Warum Paris? Die Schauspielerin denkt nach, scheint jeden Gedanken behutsam zu wählen. Weil sie sich hier besonders inspiriert fühle, sagt sie dann. „Das Verhältnis zur Kultur gefällt mir sehr. Sie ist einfach immer da, als Nährboden. Die Bühnen, die Musik, die Museen, das alles gehört zum täglichen Leben der Menschen, es spielt im Alltag wirklich eine Rolle. Der Umgang damit ist sehr unverkrampft. Das erinnert mich ein bisschen an Wien.“

Dort lebte sie 20 Jahre lang, schlüpfte als Teil des Burgtheater-Ensembles in Rollen wie „Das Käthchen von Heilbronn“ und „Emilia Galotti“ und arbeitete mit Regisseuren wie Luc Bondy, Thomas Vinterberg, Peter Zadek, Martin Kusej zusammen. Eine sehr schöne Zeit, sagt sie. Trotzdem habe sie irgendwann das Gefühl gehabt, sie müsse gehen. „Ich habe bemerkt, dass ich nicht mehr so wach und befeuert war wie am Anfang.“ Natürlich hätte sie bleiben können, sagt sie, in der Hoffnung, dass es irgendwann wieder besser wird. Meist werde es das ja, das weiß sie schon. Nur entspreche das nicht ihrem Naturell. „Man muss manchmal eine Tür zuschlagen, um eine neue zu öffnen. Ich funktioniere eher so.“


„Man muss manchmal eine Tür zuschlagen, um eine neue zu öffnen. Ich funktioniere eher so.“
JOHANNA WOKALEK

Also tat sie vor drei Jahren etwas, das großes Staunen hervorrief: Sie kündigte an der Burg, zog nach Hamburg zu ihrem Mann Thomas Hengelbrock, dem Chefdirigenten der Elbphilharmonie, und suchte nach ihrem neuen „Garten“, neuer Inspiration. Wusste sie, wo die liegen könnte? „Nicht so wirklich. Aber genau darum, das habe ich begriffen, geht es ja: Ich will mir die Umstände schaffen, in denen ich lebendig und neugierig bleibe. Und das bedeutet auch, mich ein bisschen in Gefahr zu begeben, oder zumindest in die Situation, nicht genau zu wissen, wohin es geht. Das muss man aushalten können.“

Johanna Wokalek kann das offenbar ganz gut. Dinge ausprobieren, die vielleicht nicht gelingen, ein gewisses Risiko eingehen, das bedeute für sie auch Freiheit.

Und um die geht es in ihrem aktuellen Film. „Freiheit“ ist die Geschichte einer Frau namens Nora, die eines Abends beschließt zu verschwinden. Oder vielmehr einer Frau, die alles hat, die es aber trotzdem (oder gerade deshalb?) aus ihrem Leben herausdrängt. Sie steht an der Tür ihrer Wohnung, ihre Kinder hat sie zu Bett gebracht, ihr Mann sitzt vor dem Fernseher. „Ich glaube, ich gehe“, sagt sie, als würde sie hoffen, dass er sie zurückhält. Nur passiert genau das natürlich nicht, weil ihr Leben von der Unaufmerksamkeit des Alltags verschlungen wird. Ihr Mann fragt abwesend, wo sie denn um diese Zeit hin wolle, nimmt ihre Antwort ebenso abwesend hin, bittet sie noch um Zigaretten und entlässt sie in ihre Flucht.

Bluse von Olivier Theyskens, lange Kette „Magic Alhambra“ in Gelbgold mit Onyx-Motiv von Van Cleef & Arpels
Jacke von Christian Dior, Kette „Symi“ von Charlotte Chesnais, Ring „Move Addiction“ von Messika

Regisseur Jan Speckenbach erzählt die Geschichte dieser Frau rückwärts, springt immer wieder hin und her zwischen ihrem neuen Leben oder ihrem Versuch, ein neues, anderes Leben zu beginnen, und dem Leben der Zurückgebliebenen. Beim Filmfest in Locarno führte der Wettbewerbsbeitrag zu hitzigen Debatten. Was hat die Schauspielerin an dieser Rolle gereizt, ihrer ersten Kinorolle seit der „Amélie“-haften Tiffany Blechschmid in „Anleitung zum Unglücklichsein“ 2012?

„Mich hat die Frage der Freiheit interessiert: Ist die absolute Freiheit für uns Menschen überhaupt lebbar?“ Und, wie lautet die Antwort? „Ich glaube nicht. Man kann das Leben, das mit 40 Jahren schon stattgefunden hat, das man gelebt hat, nicht einfach weglegen. Es verfolgt einen. Zumal Nora durch ihre Suche nach Freiheit andere unfrei macht, nämlich die Zurückgebliebenen, ihren Mann, ihren Sohn, ihre Tochter.“


„Ist die absolute Freiheit für uns Menschen überhaupt lebbar?“
JOHANNA WOKALEK

Kann sich die Dreiundvierzigjährige, die vor fünf Jahren Mutter eines Sohnes geworden ist, mit dieser Frauenfigur identifizieren? Sie grinst charmant und sagt: „Identifizieren? Nein, das nicht. Aber ich konnte es spielen, also irgendwo finden. Viele Frauen werden sich an dieser Figur stören, weil sie vielleicht auch schon mal zumindest kurz einen ähnlichen Drang verspürt haben, sich das aber nicht eingestehen können. Dabei ist das bis zu einem gewissen Grad ja nachvollziehbar: Mutter zu werden, eine Familie zu gründen, das ist so ein enormer Einschnitt im Leben einer Frau. Da wird plötzlich eine ganz neue Rolle von einem abverlangt. Die kann einen schon mal aus der Bahn werfen.“

Pullover mit halb offener Rückseite von Balenciaga, Jeans von Olivier Theyskens, Ohrringe in Silber von Christofle
Tank-Top von Chanel, Hose mit hohem Bund von Nina Ricci, Anhänger Allegra in Weißgold mit Diamanten und schwarzem Seidenband von De Grisogono
Kaftan mit Lederdetails von Céline, Kette in Gelbgold von Saskia Diez, Ohrclips „Eye“ und Armband „Lips“ in Gelbgold mit Diamanten, Rubinen und Saphiren von Delfina Delettrez

Sie selbst wirkt, als führe sie kerzengerade auf ihrer persönlichen Bahn, kann aber trotzdem lustig davon erzählen, wie sie sich darüber wundert, dass einem niemand sagt, wie schwer diese Rolle manchmal ist. „Schwanger sein ist ja wirklich sehr schön, nur sagt einem keiner, wie schrecklich das danach wird. Lustigerweise mache ich das bei Kolleginnen auch nicht. Wenn sie da so strahlend vor mir stehen, da will ich nicht diejenige sein, die ihnen sagt: Boah, wenn du wüsstest! Das wird so ein Horror für eineinhalb Jahre!“ Mittlerweile geht ihr Sohn in Paris zur Vorschule und spricht, so sagt sie, „ganz süß französisch“.

Das neue Leben, das sie sich geschaffen, der neue Garten, den sie sich gepflanzt hat, hängt zu gewissen Teilen auch mit ihrem Ehemann zusammen. Nicht weil Wokalek ihn, wie es in einem Klatschblatt einmal hieß, „wie ein Groupie“ bewundert, sondern eher, weil ein Zusammenspiel zwischen einer Schauspielerin und einem Musiker eine künstlerische Öffnung und neue Wege bedeuten kann. Bei ihr zumindest scheint es das zu tun. Man merkt ihr an, in der Art, wie sie über ihre Arbeit spricht, dass ihr Leben nicht nur Theater oder Film ist, sondern auch etwas anderes, ein noch weiter geöffneter Fächer.


„Dadurch, dass ich jetzt eigene Projekte suche und gestalte, komme ich der Schaffenden zumindest näher.“
JOHANNA WOKALEK

Zur Zeit arbeitet sie – neben Filmrollen wie demnächst der Frau des Malers in Siegfried Lenz' „Deutschstunde“ – an eigenen Projekten, in denen sie Schauspiel, Musik und Bildende Kunst zusammenbringen will. „Bilder waren immer ein Teil meiner Kindheit und meiner Welt. Mein Großvater hat gemalt, mein Vater zeichnet, für mich war das immer wichtig. Ein Gesamtbild zu schaffen. Wenn ich da an Cocteau oder Picasso denke, wie die damals Bühnenbilder gemalt haben – das ist eigentlich mein Traum: einen jungen Maler finden, den mit einem Musiker verbinden, dazu noch einen jungen Schriftsteller, und das zu einem Abend zusammenführen.“ Der literarisch-musikalische Abend, den sie vor zwei Jahren rund um Nana, die Figur aus Manets Gemälde und Zolas Roman, inszenierte, kam dem schon nahe.

Es sei für sie erfüllend, mal selbst die Zügel in die Hand zu nehmen, zu erfinden, selbst der Motor zu sein. „Als Schauspieler ist man ja eher ausführender Künstler. Dadurch, dass ich jetzt eigene Projekte suche und gestalte, komme ich der Schaffenden zumindest näher.“ Was nicht bedeutet, dass sie der Bühne künftig abhanden kommt. Im Gegenteil, auch da scheint sie sich neu erfinden, die Grenzen ein bisschen weiter ausreizen zu wollen. Zuletzt spielte sie die Johanna von Orléans in Arthur Honeggers „Jeanne d'Arc au bûcher“, eine Rolle, die Honegger mit Paul Claudel 1938 für die Ballets-Russes-Ikone Ida Rubinstein geschrieben hatte und die schon von Schauspiel-Gigantinnen wie Ingrid Bergman und Isabelle Huppert verkörpert wurde. Ihre erste Oper. Wie war das für sie? „Wahnsinnig aufregend. Die Oper ist ja eine ganz andere Welt, viel hysterischer. Und es ist toll, mit der Musik auf der Bühne zu stehen.“ Zudem sei Jeanne d'Arc auch aus aktueller Sicht interessant: eine Frau, umgeben von einer Masse, dem Chor, der sie für ihr Anderssein, ihr Andersdenken ausschließt und schließlich sogar umbringt.

Top und Hose von Givenchy, Ohrring „Chaine d'Ancre Punk“ in Silber mit Diamant von Hermès, Armband „Quatre Clou de Paris“ in Weißgold mit Diamanten von Boucheron, Ring „Today Tomorrow Dots“ mit Diamanten und Beryll von Delfina Delettrez

Auch Emmanuel Macron, der französische Präsident, inszenierte sich in seinem Wahlkampf gern als Jeanne d'Arc, was seine Frau Brigitte wiederum der Verzweiflung nahebrachte. Aber Johanna Wokalek findet ihn gut, den neuen Präsidenten. Sie will sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, sie sei ja noch nicht so lange da. Aber man spüre, dass sich etwas verändert hat.

Der Stadt Paris, so viel steht fest, wird Johanna Wokalek noch eine Weile treu bleiben. In Deutschland wird man sie trotzdem wieder öfter sehen. Auf der Leinwand, im Theater. „Das zieht mich an wie ein Magnet. Diese Welt ist einfach so toll. Wir haben alles nur im Kopf und wollen das sichtbar machen.“

Haare und Make-up: Céline Exbrayat (Call MyAgent) Schmuck: Evelyn Tye Styling-Assistenz: Katherine Hughes Foto-Assistenz: Paul Lehr Fotografiert am 13. Dezember 2017 in Paris

Quelle: F.A.Z.-Magazin

Veröffentlicht: 28.04.2018 10:49 Uhr