https://www.faz.net/-hrx-9ffc5

Der 37 Jahre alte König gilt als Popstar der Berliner Kunstszene. Bild: Lukas Gansterer

Johann König : Deutschlands modischster Galerist

  • -Aktualisiert am

Johann König ist der Popstar unter den Berliner Galeristen. In seiner Galerie lockt er insbesondere junge Menschen, indem er sich an modischen Strategien bedient — eigenes Merchandise inklusive.

          6 Min.

          Johann König hat sich erschöpft auf einen Stuhl in seiner Galerie sinken lassen. Erst die Art Week in Berlin, dann die Frieze in London, Ausstellungseröffnung in seiner neuen dortigen Dependance im Stadtteil Marylebone. Irgendwas war auch gerade in Seoul. Hinter dem Berliner Galeristen liegt ein Kunstmarathon, der eigentliche Lauf kommt aber erst: In diesem Jahr stehen noch Messen in Paris, Shanghai, Düsseldorf und Miami auf dem Programm.

          Wie zur Entspannung, als meditativer Akt, streichelt er jetzt mit langsamen, zärtlich kreisenden Bewegungen über den weiblichen gepiercten Nippel. Kein echter natürlich: Der Nippel aus Gummi mitsamt des glänzenden Piercings klebt als praktischer Ring auf der Rückseite seines Smartphones. Es ist der erste Prototyp einer neuen Kooperation für Königs Merchandise-Linie König Souvenir. An dem Nippel arbeitet er gemeinsam mit dem Mainzer Kreativkollektiv Sucuk und Bratwurst – er ist eine Reaktion auf die Zensur der weiblichen Brust auf der Bildplattform Instagram. „Warum unterdrückt die App die weibliche Brust, nicht aber die männliche? Wir sehen das als Ausdruck der Ungleichheit der Geschlechter in der Gesellschaft“, so König. Ganz glücklich ist er mit seiner analogen Befreiungsaktion aber noch nicht. „Es muss schon perfekt werden“, sagt er.

          Ein Galerist als Designer? König ist bekannt dafür, neue Wege zu gehen. 2002 eröffnete er mit gerade einmal 22 Jahren die König Galerie, in der Hauptstadt gilt er als etwas wie der Popstar der Kunstszene. Einerseits wäre da der klassische Betrieb: König vertritt recht erfolgreich derzeit 39 aufstrebende genauso wie etablierte Künstler, darunter Jorinde Voigt, Alicja Kwade und Katharina Grosse; Andreas Mühe, Anselm Reyle und Michael Sailstorfer – der Anteil an Künstlerinnen ist bei ihm übrigens erfreulich ausgeglichen. Mit seinem Programm fokussiert sich König primär auf interdisziplinäre, konzeptorientierte und raumbasierte Ansätze in den Disziplinen Skulptur, Video, Malerei, Fotografie oder Performance. Andererseits hat sich die König Galerie über die letzten Jahre zu einer Art Concept Gallery entwickelt, die ähnlich einem Concept Store neben der Kunst mit einer Reihe weiterer Angebote lockt.

          „Am Anfang haben wir Gratisbier ausgeschenkt“

          In die brutalistischen Räume der ehemaligen katholischen St. Agnes Kirche in Berlin-Kreuzberg, die König 2015 für knapp 100 Jahre gepachtet hat, pilgern seine Follower wie Gläubige. Und zwar nicht nur für die Ausstellungen: Es ist ein Mekka für Kunst und alles was cool und modisch ist. Der Galerist, der „den Herrschaftsanspruch bereits im Namen trägt“, wie die Zeitschrift Monopol passend bemerkte, hat seine eigenen Publikationen, ein eigenes schickes Magazin und seit vergangenem Jahr mit König Souvenir auch eine eigene Mode- und Designlinie. Zur Berliner Fashion Week mieten sich in das himmelshohe Kirchenschiff gerne Modemarken wie Hugo Boss ein, um ihre Mode in den auratischen Räumen zu präsentieren. Und dann wären da natürlich die legendären Parties, die König regelmäßig gibt, zum Beispiel gemeinsam mit den Modebloggern von Dandy Diary.

          Kunstausstellungen, Fashion Shows, Yoga: Die Räume werden vielfältig genutzt.

          „Eigentlich verrückt: In den Anfangsjahren haben wir Gratisbier ausgeschenkt, damit überhaupt jemand kam“, sagt König und lacht. Heute meldeten sich gern mal 2000 Leute zu einer Vernissage an. Mit seinen Veranstaltungen und interdisziplinären Angeboten schafft es der Galerist, auch ein junges Publikum für Kunst zu interessieren. Er sagt: „Kunst gilt nach wie vor als etwas Elitäres, viele Menschen haben Berührungsängste und trauen sich in Galerien oder Museen selten herein. Eines unserer Kernanliegen ist es von Anfang an gewesen, Hemmschwellen abzubauen.“ Natürlich kämen viele zunächst aufgrund des Status Cool. „Aber wenn wir es so schaffen, die Kids in einen Dialog mit Kunst zu bringen, ist das doch großartig.“

          Weitere Themen

          Ein Einblick in die Berliner Clubszene Video-Seite öffnen

          „Wie eine Droge“ : Ein Einblick in die Berliner Clubszene

          Freiraum und Kreativität sind Berlins Markenzeichen. Das zieht Künstler, Musiker und Clubpublikum aus der ganzen Welt an. Doch die Szene ist im Wandel. Der angesagte Club Griessmuehle und Techno-DJ DVS1 versuchen, die Clubkultur zu retten.

          Topmeldungen

          Mario Draghi und seine Nachfolgerin Christine Lagarde.

          Wechsel an der EZB-Spitze : Draghi und die Deutschen

          Nirgendwo ist EZB-Präsident Mario Draghi, der am 31. Oktober abtritt, auf so viel Protest gestoßen wie in Deutschland. Am Ende hat er die Macht der Europäischen Zentralbank überdehnt. Eine Bilanz.

          Ukraine-Affäre : Stehen die Republikaner weiter hinter Trump?

          Der amerikanische Botschafter in der Ukraine, William Taylor, hat Donald Trump vor dem Kongress schwer belastet. Die Republikaner reagierten mit Solidaritätsbekundungen, aber einige in der Partei setzen sich auch von ihrem Präsidenten ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.