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Jil Sander wird 70 : Dithmarscher Legenden

  • -Aktualisiert am

Jil Sander im Jahr ihres 40. Geburtstags Bild: dpa

Jil Sander stammt aus Wesselburen, so steht es in allen Biographien. Stimmen muss das deswegen noch lange nicht. Eine Spurensuche in Dithmarschen zum 70. Geburtstag der Modeschöpferin.

          Wenn man den Damen so gegenüber sitzt, klingt es absolut glaubwürdig: Frauke M. will ein paar Mal bei ihr zu Besuch gewesen sein und mit ihr gespielt haben. Inge N. kann sich noch an „so eine blonde, niedliche“ erinnern. Eine damalige Mitarbeiterin des Kindergartens entsinnt sich an ein Kind, „das immer Trägerröcke trug“.

          Gemeint ist Jil Sander, und die sich da erinnern, sind Frauen, die in Wesselburen die Kriegs- und Nachkriegszeit erlebten, einer Stadt nahe der schleswig-holsteinischen Westküste. Die Kindergärtnerin hütet noch fünf Gruppen-Fotos aus dieser Zeit: ein, zwei Dutzend Kinder nach dem Schwimmen in der Nordsee, beim Erntedankfest-Umzug oder, besser herausgeputzt, in drei Reihen für den Fotografen aufgestellt.

          Zeitlich käme es auch hin: Die am 27. November 1943 geborene Heidemarie Jiline könnte sich durchaus unter diesen mit amerikanischen Quäkersuppen hochgepäppelten und von der britischen Besatzungsmacht mit Spielzeug versorgten Nachkriegs-Hänflingen befinden. Und wer würde sechs, sieben vertrauenerweckenden Personen, die, einzeln befragt, alle versichern, ihr damals flüchtig begegnet zu sein, nicht glauben?

          Der alte Kindergarten ist längst abgerissen

          Jil Sander stammt aus Wesselburen, das galt immer als ausgemacht. Hier in Dithmarschen verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend. So steht es auch im „Who’s Who“. Nach der lokalen Fama soll Frau Sander im Wulf-Isebrand-Haus, einer damals als Klinik genutzten Fabrikantenvilla, geboren worden sein. Als fest verbürgt gilt ein Eintrag im Taufregister der St.-Bartholomäus-Kirche. Unter der Hand hört man, sie sei hier „in Heimen aufgewachsen“. Am geläufigsten ist die Version mit dem örtlichen Kindergarten. Danach soll sie auch noch hier eingeschult worden sein; das müsste nach Ostern 1950 geschehen sein. Nach einem Vierteljahr sei sie nach Heide umgezogen. Gewohnt habe Jil mit ihrer Familie im rückwärtigen der beiden Häuschen am Lollfuß 32.

          Jil Sander mit ihrer Mutter bei einem Familientreffen um das Jahr 1960

          Natürlich, der damalige Kindergarten, eine alte Strohdachkate, ist längst abgerissen, die damalige Volksschule heute zum Teil Wohnhaus. Doch wer diesen Aussagen im rund um die wuchtige Kirche angelegten Ort nachgeht, steht bald vor einem eigenartigen Mysterium: Keine der befragten Personen kann Jil Sander auf einem der Fotos identifizieren, obwohl sie zum Teil selbst mit abgebildet sind. Es gibt auch keine alten Klassenbücher. Schularchivar Möllers Unterlagen reichen nur bis 1953 zurück. Menschen, die nach dem Krieg am Lollfuß gewohnt haben, können sich auch an keine kleine Heidi erinnern, nur an eine Familie Sander, die am Schülper Weg gewohnt hat; das war aber die Familie des Schuldieners. Fest steht nur, dass Wesselburen in allen Biographien als Geburtsort Jil Sanders angegeben ist.

          Die Kirchenverwaltung, auf den Taufregistereintrag angesprochen, reagiert „wegen des Datenschutzes“ verhalten. Immerhin bestätigt man dort, wenn es keinen solchen Vermerk gibt. Und genau das stellt sich heraus: Im fraglichen Zeitraum von Dezember 1943 bis Mitte 1944 findet sich weder im Taufregister Wesselburen-West noch Wesselburen-Ost eine passende Angabe.

          Erst wenn man dem bemunkelten Weggang in die ehemalige norder-dithmarscher Kreisstadt Heide verfolgt, findet sich die überraschende Auflösung. Ausweislich einer alten Meldekarte des dortigen Einwohnermeldeamts ist Jil Sanders Mutter Erna am 2. August 1943 in der Harmoniestraße 14 in Heide zugezogen, direkt vorher war sie bei den britisch-amerikanischen Luftangriffen auf Hamburg („Operation Gomorrha“) in der Wandsbeker Van-Bargen-Straße ausgebombt worden. Da sie selbst aus Heide stammte (ihre Eltern waren nach dem Ersten Weltkrieg von dort nach Hamburg gezogen) und dort Verwandte hatte, suchte sie dort Zuflucht. Mit zwei Kindern: ihrer fünfjährigen Tochter Ingrid und der späteren Designerin, die aber noch unterwegs war.

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