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Cravatière Jessica Bartling : Beruflich gebunden

Am Schneidetisch: Jessica Bartling führt seit 2008 die traditionsreiche Manufaktur ihrer Eltern Bild: Mutter, Anna

Es gibt noch Krawattenmanufakturen in Deutschland. Laco, die älteste der Welt, wird von Jessica Bartling geführt. Sie entwirft alle Seidenstoffe selbst und kennt die Vorlieben und Sonderwünsche ihrer Kunden.

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          Nur der ausgestopfte Gamsbock an der Wand mit dem Jägerhut auf dem Kopf trägt hier Krawatte. Noch dazu eine, die, was das Muster angeht, abschreckender nicht sein könnte: Auf dem blauen Seidenstoff tummeln sich kleine Weihnachtsmänner. Bei der Jagdtrophäe mit dem Männer-Accessoire um den abgetrennten Hals handelt es sich offenbar um ein Mahnmal, das allen im Raum vor Augen führen soll, was eine Krawatte nicht sein soll - ein Scherzartikel nämlich. Das Stück Stoff will ernst genommen werden, auch wenn es ihm zunehmend schwerer fällt, sich in einer Welt durchzusetzen, in der sogar die Krawattenpflicht für Anwälte bei Gericht und für Schriftführer im Bundestag abgeschafft wird und selbst Nachrichtensprecher schon oben ohne ihre Meldungen ablesen dürfen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Hier bei Laco, in der ältesten Krawattenmanufaktur der Welt, geht nur einer nie ohne, wenn er denn zu Besuch kommt. Der Senior-Chef des Hauses, Rüdiger Thumann, hat sich schon vor ein paar Jahren zur Ruhe gesetzt. Geleitet wird das Unternehmen von Thumanns Tochter, Jessica Bartling, die damit die einzige Cravatière Deutschlands und vielleicht auch der ganzen Welt ist. Die Achtundvierzigjährige hat zwar selbst auch schon Krawatten getragen, nicht etwa aus Verzweiflung, sondern einfach nur als Accessoire. Eine Frau aber, meint sie, habe doch noch genügend andere Möglichkeiten, sich textil zu schmücken. Ein Mann hingegen habe lediglich ein tragbares Schmuckstück im Schrank, das ihm darum auch vorbehalten bleiben sollte: die Krawatte.

          Punktgenau: Einige Muster kehren in jedem Jahr wieder, darunter auch Paisley, Tartan und Streifen. Nur die Farben unterliegen der Mode

          Sie hat es schwer, auch wenn sie noch immer Massenware ist. Allein in Deutschland werden jedes Jahr etwa zehn Millionen Krawatten an den Mann gebracht. Der größte Teil davon stammt inzwischen aus China. Höchstens ein Prozent der Seidenware wird heutzutage noch von Hand genäht. Früher gab es in Deutschland einmal an die 20 Krawattenmanufakturen, heute sind es nicht einmal mehr eine Handvoll. Ascot in der „Samt- und Seidenstadt“ Krefeld gehört dazu, Edsor in Berlin und eben Laco in Hamburg. Das Besondere an dem Unternehmen in der Hansestadt: Jessica Bartling stellt nicht nur Krawatten noch von Hand her, sie entwickelt auch die Designs der Seidenstoffe alle selbst, die sie in Italien ganz traditionell weben und drucken lässt.

          Damenmode war ihr zu kompliziert

          „Wenn Sie den Stoff zwischen den Fingern reiben, können Sie die Qualität sogar hören“, sagt Jessica Bartling. Gute Seide, die bis zu siebenfach verzwirnt ist, knistert, wenn man sie berührt. Der Stoff, sagt die Chefin nicht ohne Stolz, sei nun mal das Herzstück einer Krawatte. Ihre Manufaktur, in der auch Schleifen, Kummerbunde, Schals und Tücher hergestellt werden, versteckt sich im zweiten Stock eines nicht besonders ansehnlichen Bürogebäudes im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld, der zum Bezirk Altona gehört. Niemand würde hier hinter der schlichten weißen Eingangstür altes Handwerk vermuten. Im Flur stehen die gerade gelieferten Pappkartons mit den neuen Stoffmustern aus Italien. Ein Stück weiter lagern die wertvollen Seidenstoffe der laufenden Saison aufgerollt in hohen Regalen. Die jeweiligen Stoffproben hängen durchnummeriert und griffbereit auf Bügeln, sie sind nach Mustern sortiert und jeweils in vielen verschiedenen Farbkombinationen zu haben, wie sie von der Designerin für diese Saison festgelegt wurden.

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