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Letzte Haute-Couture-Show : Wenn Gaultier sich verabschiedet, kommen sie alle

Großer Applaus: Jean-Paul Gaultier am Ende der Show mit Rossy de Palma (küssend links) und Boy George (rechts) Bild: dpa

Jean-Paul Gaultier hat in Paris seine letzte Haute-Couture-Schau gezeigt. Boy George sang, während Tänzer einen gehörnten Sarg hereintrugen – und dann begann die Show.

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          Hat er wirklich ein Live-Orchester engagiert? Und ist das da Boy George auf der Bühne, der „Back to Black“ anstimmt? Als der Livestream auf dem Instagram-Kanal von Jean-Paul Gaultier begann, wollte man kaum glauben, dass das eine Couture-Show sein würde. Der französische Designer hatte unlängst auf eben jenem Social-Media-Kanal angekündigt, dass seine Couture-Show in Paris nach 50 Jahren in der Mode seine letzte sein werde. Die Modewelt war kurz schockiert. Doch Gaultier wäre nicht Gaultier, wenn er das nicht zum Anlass für ein großes Finale nehmen würde, in dem er noch einmal zeigt, was Couture sein kann.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Und so stand dann am Mittwochabend im Pariser Théâtre du Châtelet tatsächlich Boy George am Mikro und interpretierte Amy Winehouse‘ Song, während schwarz gekleidete Models einen Sarg mit spitzen Hörnern hereintrugen und dabei immer wieder in Tanzschritte verfielen. Doch Gaultier wollte mit der Beerdigungsszene keineswegs das Ende der Mode verkünden. Sie war eine augenzwinkernde Hommage an die Beerdigungsszene in „Wer sind Sie, Polly Magoo?“, einem satirischen Film aus dem Jahr 1966, in dem William Klein die französische Modeszene auseinandernahm. Zum anderen nahm Gaultier das Symbol des Todes wie in einem Tarotspiel und ließ es für einen Neuanfang stehen, denn aus dem schwarzgehörnten Sarg spazierte das mexikanische Topmodel Issa Lish wie eine auferstandene Braut auf den Laufsteg, in einem weißen Rüschenminikleid mit Puffärmeln.

          Angeschnallt: Dita von Teese im Gürtelminikleid Bilderstrecke

          Danach hob sich der Vorhang, und die Show begann. Auf Instagram hatte man Tage zuvor das Casting verfolgen können. Man suche unterschiedliche Typen von Schönheit, hatte der Designer dazu verkündet, entsprechend divers war der Laufsteg. Und nicht nur Models kamen, auch alte Freunde und treue Begleiter seiner Couture-Karriere liefen ein letztes Mal für Gaultier. Da war Dita von Teese in einem puderfarbenen Gürtel-Minikleid mit Wespentaillenkorsett. Da war die Schauspielerin und Almodovar-Muse Rossy de Palma mit einem halben Meter Flamenco-inspiriertem spanischen Haarschmuck. Da war die französische Schauspielerin Béatrice Dalle, die rauchend in der schwarzledernen Rock’n’Roll-Variante des klassischen Gaultier-Korsetts auftrat.

          Korsetts, Ringelshirts und Upcycling-Couture

          Überhaupt zelebrierte Gaultier mit seiner letzten Couture-Kollektion noch einmal seine Lieblingsthemen durch: die Korsetts (deren Faszination ihn bei der Tarotkartenlegenden-Großmutter gepackt hatte und die man alle demnächst gern auf einem roten Teppich sehen will), die maritimen Streifenshirts (Gigi Hadid trug eines zur weiten Marlene-Hose mit Matrosenkäppchen), die Jeans-Elemente (als dekonstruierte Ballonkleider). Zudem zeigte er aber auch, wie die Zukunft der Haute Couture aussehen könnte. Während andere Designer vom CO2-Fußabdruck ihrer Kollektionen sprechen und Nachhaltigkeit auf Etiketten drucken, nahm sich Gaultier des Themas „Upcycling“ auf seine Art an.  Er sammelte auf Flohmärkten und aus alten Kollektionen übriggebliebene Stoffe zusammen und gab ihnen neue Formen und ein zweites Leben. Mal schneiderte er Dutzende Krawatten zu einem maßgefertigten Komplettoutfit zusammen, mal ließ er Lederhandschuhe wie Plissée-Falten von Röcken hängen, mal Hosenbeine wie schwalbenschwänziger Schleppen von Shorts baumeln.

          Am Ende trugen ihn Models und Freunde auf Händen, Tränen sah man wenige, dafür hatten hier alle zu viel Spaß, was ja schon immer ein Hauptelement seines Schaffens war: das Handwerk des Modemachens ernst zu nehmen, sich selbst jedoch nie.

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