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Blaue Uhren : Auch Bond bleibt bei Blau

Dass eine hochwertige Uhr auch blau sein kann, war zu James Bonds "Goldeneye"-Zeiten in den Neunzigern eine Seltenheit. Bild: Getty

Uhren mit Zeigern, Zifferblättern und Armbändern in Blau sind längst keine seltsamen Alternativen mehr. Vom Aufstieg eines Produkts zum Klassiker – und was James Bond damit zu tun hat.

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          Sie sollte maritim aussehen. Und Klasse haben. Als die britische Kostümbildnerin Lindy Hemming Mitte der neunziger Jahre eine Armbanduhr für James Bond in „Goldeneye“ aussuchte, prägte sie möglicherweise den Stil von Uhren für die kommenden Jahrzehnte gleich mit. „Lindy Hemming hätte auch eine schwarze Uhr nehmen können“, sagt Stephen Urquhart, Direktor von Omega, von jener Uhrenmarke, die schon damals James Bond mit Modellen ausstattete. „Aber sie wählte eine blaue, die Seamaster 300 Diver.“ Das Modell gab es in seiner überarbeiteten Form schon seit 1993, aber erst mit Bond kam der echte Erfolg. Immer mehr Menschen gewöhnten sich an den Gedanken, dass selbst eine teure Uhr nicht unbedingt ein schwarzes oder braunes Armband und ein neutrales Zifferblatt haben muss, sondern auch blau sein kann.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heute zählen blaue Uhren nicht mehr zu eigenwilligen Alternativen wie, sagen wir, eine Brille mit rotem Rahmen. An den Handgelenken sind aus blauen Uhren längst Klassiker geworden. Immer mehr Menschen legen sich diese Modelle mit völliger Selbstverständlichkeit zu und planen, sie über Jahrzehnte zu tragen. Das Armband ist jetzt zunehmend blau, die Zeiger, die Lünette, das Zifferblatt - oder die Uhr ist gleich ganz in verschiedenen Blau-Schattierungen gehalten. Dass man Blau irgendwann nicht mehr mag? Eher unwahrscheinlich. „Natürlich gab es auch vor 1993 blaue Uhren“, sagt Omega-Chef Urquhart. „Aber die waren für uns weder besonders wichtig noch erfolgreich.“ Das änderte sich erst mit James Bonds Seamaster. Erst Kostümbildnerin Hemming habe dafür gesorgt, dass daraus ein Phänomen für die Massen werden konnte.

          So neu ist der Trend zu blauen Uhren gar nicht: Patek Philippe produziert bereits seit 1968 Modelle mit blauen Ziffernblättern.

          Allein bei Omega machen Modelle in Blau heute rund 25 Prozent der Herrenuhren aus. Und auch bei allen anderen Marken, egal ob deren Uhren viel oder wenig Geld kosten, gehören blaue Uhren jetzt dazu. Das hat auch Benjamin Lange, Geschäftsführer von Bucherer Deutschland, im April auf der diesjährigen Uhrenmesse in Basel, der Baselworld, beobachtet. „Fast jede Uhrenmarke hatte Neuheiten mit blauen Zifferblättern.“ Man habe schon den Eindruck bekommen können, es handele sich hier um einen Trend. „Andererseits gibt es seit vielen Jahrzehnten blaue Uhren“, weiß auch Lange. Eines der besten Beispiele für ein zeitloses blaues Modell ist für den Geschäftsführer von Bucherer Deutschland die Ellipse von Patek Philippe. „Die kam 1968 auf den Markt, sie war gelbgold und hat dieses wunderschöne blaue Zifferblatt. Zum vierzigsten Geburtstag 2008 gab es dazu noch einmal ein Sondermodell.“

          Zeitlich passend also, da blaue Uhren jetzt an vielen Handgelenken angekommen sind und wunderbar in unser eigentlich vom Smartphone diktiertes Leben passen. „Eine Uhr soll heute Aufschluss über seinen Besitzer geben“, sagt Daniel Caudill, Kreativ-Direktor der Marke Shinola, die früher von Detroit aus ganz Amerika mit Schuhcreme versorgte und heute unter demselben Namen und in denselben Werken, aber mit neuem Besitzer als Lifestyle-Marke Lederwaren, Fahrräder und eben Uhren produziert.

          Von der Schuhcreme - zur gefragten Lifestyle-Marke: der amerikanische Hersteller Shinola.

          An den blauen Modellen spiegelt sich also Niedergang und Aufstieg des Konzepts „Uhr“ zugleich. Aus praktischen Gründen, um die Zeit abzulesen, muss heute keiner mehr eine tragen. Man hat das Handy ohnehin oft genug in der Hand, um wichtige Angelegenheiten wie die Mails im Posteingang, den Facebook-Feed, die Chat-Lage zu überwachen. Auf die Zeit schaut man da wie nebenbei. Statt aus praktischen Gründen trägt man die Uhr heute vielmehr aus dekorativen. Mit der Wahl des Modells steuert man auch seinen Auftritt, man signalisiert, was für ein Mensch man nach außen hin sein will. Wenn die Uhr also schon den Status eines Designobjekts hat, fügt sie sich diesem auch optisch zunehmend. Statt schlicht kann sie genauso gut bunt sein und zum Leben des Besitzers passen, der Jeans trägt und eher einen blauen statt schwarzen Anzug wählt.

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