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70 Jahre Herno : Hier ist man nah am Wasser gebaut

Echte Arbeit statt heißer Luft: Zum Jubiläum verlegt Herno seine Arbeitsplätze in den ältesten Bahnhof von Florenz. Bild: Helmut Fricke

Luxus-Sportswear ist gerade sehr begehrt, davon profitiert auch der Jackenhersteller Herno und feiert das 70. Jubiläum. Ob das Unternehmen aber in Familienbesitz bleibt, hängt von der dritten Generation ab.

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          Bei der Tischrede bricht ihm fast die Stimme. Claudio Marenzi hat am Dienstagabend Hunderte von Mitarbeitern, Kunden und Journalisten zum Dinner in die Stazione Leopolda in Florenz geladen. Er dankt seinen Kollegen, nennt ein paar Namen und entschuldigt sich: Jetzt werde er emozionale.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Hätte man von einem Italiener etwas anderes erwartet?

          Von diesem vielleicht schon. Denn Claudio Marenzi stammt aus dem kühlen Norden Italiens. Er ist ein gestandener Mann, wenn auch mit jugendlich langem Haar und vollem Bart, und hat ein altes Familienunternehmen zu neuem Leben erweckt. Bis März war er fünf Jahre lang Presidente des Riesenverbandes Sistema Moda, er ist Direttore des mächtigen Unternehmerverbandes Confindustria Moda und nebenbei auch noch Presidente des Pitti Uomo, der größten Herrenmodemesse der Welt. Der Unternehmer, der den Ehrentitel „Cavaliere del Lavoro“ trägt, ist also schon von seiner Funktion her gefühlsneutral und krisenfest.

          Aber heute Abend kann er es sich erlauben. Denn das siebzigjährige Jubiläum seiner Firma ruft viele Erinnerungen wach. Im ältesten Bahnhofsgebäude von Florenz lassen Schwarzweißfotos und verwackelte Filme die Gründungsjahre lebendig werden. Und damit auch die oft recht gelangweilten Besucher des Pitti Uomo aufmerksam bleiben, hat man viele Schneiderinnen mit ihren Nähmaschinen und Bügelbrettern hergebracht – so erfahren auch Händler und Modekritiker, dass Mode nicht nur aus heißer Luft besteht, sondern aus echter Arbeit. Dabei wird die technisch avancierte Luxus-Sportswear von Herno natürlich nicht mehr durch Schneiderinnen zusammengehalten, sondern vor allem durch Hitze-, Druck- und Ultraschall-Verfahren.

          Guiseppe Marenzi war gut vorbereitet

          Zuerst erinnert Claudio Marenzi an seinen Vater, der 1948 in Lesa, an der Mündung des Erno in den Lago Maggiore, seine Firma gründete – „im gleichen Jahr, in dem die italienische Verfassung in Kraft trat“. Weil man nah am Wasser gebaut hatte und wasserabweisende Kleidung der Geschäftszweck war, benannte Giuseppe Marenzi das Unternehmen nach dem Fluss. Nur ein „H“ fügte er hinzu. So kurz nach dem Krieg war es das Nötigste: Regenmäntel, die man in der für italienische Verhältnisse regenreichen Region gut gebrauchen konnte. Bei diesem Sinn fürs wirkliche Leben ist es geblieben. In erster Linie geht es um die Funktion.

          Einer der ersten Herrenmäntel des Hauses: Ein Modell aus der Kollektion von 1949.

          Giuseppe Marenzi war gut vorbereitet, als er mit seiner Frau Alessandra Diana die Firma aufbaute. Im Krieg hatte er für den Flugzeughersteller Siai-Marchetti gearbeitet. Dann ging er zu einem Produzenten von Regenmänteln, wo er den Stoff mit dem Rizinusöl präparierte, das bei Flugzeugen als Schmiermittel benutzt wird. Dank seiner Verbindungen wusste er sich das wasserabweisende Öl zu beschaffen, auch danach, für seine eigene Firma.

          Claudio Marenzi, heute 56 Jahre alt, erlebte den Aufstieg seit seiner Kindheit mit. In den Fünfzigern war Herno auf Italien beschränkt. 1968 gingen sie mit einer Boutique in Osaka als eine der ersten Marken den japanischen Markt an. Mit der Familie des japanischen Handelspartners sind die Marenzis bis heute geschäftlich verbunden und privat befreundet – was die Stärke privat geführter Unternehmensdynastien zeigt. „Für mich als Junge vom Dorf war das die große Welt, als ich mit meinem Vater nach Florenz, Köln und Paris fuhr“, erzählt Claudio Marenzi, der offiziell mit 24 Jahren in die Firma einstieg, aber schon als Jugendlicher in den Ferien immer mitgearbeitet hatte. Vermutlich wurde Herno nur deswegen nicht zu einem so bekannten Begriff für Regenbekleidung wie Burberry, weil es in Italien einfach nicht so viel regnen wollte wie in England.

          Die eigene Marke fiel in den Tiefschlaf

          Die Qualität auch des Doubleface-Kaschmirs sprach sich jedenfalls herum. Seit den achtziger Jahren fertigte die Familie als gewissermaßen unsichtbarer Hersteller Oberbekleidung für große Marken wie Armani, Jil Sander und Prada. „Das war ein gutes Geschäft, und wir hatten viel zu tun“, sagt Marenzi. „Deshalb fiel unsere eigene Marke in den Tiefschlaf.“ Es war Zeit, daraus aufzuwachen, als all die Großen zu Beginn der nuller Jahre anderswo preiswerter produzieren lassen konnten und abwanderten. Heute stellt die Firma nur noch für eine einzige Fremdmarke Jacken her.

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