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Interview mit Haider Ackermann : „Nichts ist toller als eine Frau in den Kleidern ihres Mannes“

  • Aktualisiert am

Haider Ackermann und die britische Schauspielerin Tilda Swinton bei einer Mercedes-Benz Fashio-Kampagne Bild: dpa

Er hatte immer an die Frau gedacht – doch dann stellte er sich die Frage: Wenn es diese Frau gibt, wer ist der Mann daneben?

          Ein Hotelzimmer in Berlin: Die Schauspielerin Tilda Swinton und der Modedesigner Haider Ackermann verabschieden sich gerade voneinander. Kein formeller Händedruck, kein Bussi-Bussi. Nein, die beiden liegen sich gut eine halbe Minute lang in den Armen. Sie scheinen wirklich beste Freunde zu sein. Anschließend hat Haider Ackermann Zeit für das Gespräch.

          Was für eine nette Verabschiedung, Herr Ackermann. Sie scheinen sich wirklich gut zu kennen.

          Ja, wir haben uns vor vielen Jahren kennengelernt, und das musste so passieren. Es war wie vorbestimmt. Wir sind Spielkameraden, aber sie ist auch die beste Botschafterin, die ich mir wünschen könnte.

          Sie haben kein Problem damit, Geschäftliches und Privates zu vermischen?

          Das ist für mich keine Geschäftsangelegenheit. Wir haben unseren Spielplatz mit unterschiedlichen Projekten, wie zum Beispiel jetzt die Kampagne für Mercedes-Benz. Jeder von uns hat seinen eigenen Job, aber wenn wir uns für solche Angelegenheiten treffen, verbringen wir wirklich quality time zusammen und können von neuen Dingen träumen. Wir verstehen uns. Das ist echter Luxus. Sie kennt meine Familie und ich ihre. Wir fahren zusammen in die Ferien. Sie weiß, wann ich traurig bin, und ich weiß, wann sie in Schwierigkeiten steckt.

          Tilda Swinton ist für ihren androgynen Stil bekannt. Sie wäre ja fast die richtige Botschafterin für Ihre Herrenlinie. Sie haben 2010 eine Männerkollektion in Florenz bei der Herrenmodemesse vorgestellt, dann kam lange nichts. Stimmt es, dass Sie jetzt wieder eine Linie auf bauen?

          Die Herrenmode kommt und geht.

          Naja, zur Zeit kommt sie eher, oder?

          Ja, sie kommt. Damals, als ich diese eine Linie gemacht habe, war das Zufall. Florenz gab mir carte blanche für die Kollektion. Ich hatte zuvor immer an die Frau gedacht, die ich einkleiden wollte, und plötzlich kam es mir in den Sinn: Wenn es diese Frau gibt, wer ist der Mann daneben? Er, der ihr mit seiner ganzen Liebe folgt? Also machte ich mir Gedanken über den Mann. Damals war aber nicht die richtige Zeit für eine Herrenmodelinie. Vor einem Jahr haben wir dann begonnen. Die aktuelle Kollektion ist übrigens schon so gut wie ausverkauft. Die Männermode ist wirklich ein Segen.

          So gut läuft es gerade?

          Ja. Und ich kann alle meine Helden ausstatten, Nick Cave, Keith Richards, solche Leute.

          Und wer ist nun der Mann neben dieser Frau?

          Bei Damen hat man viel mehr spielerischen Freiraum, man kann um sie herum einen Stoff drapieren, einen Stoff zurechtziehen. Bei Herren geht das nicht. Ein Blazer ist ein Blazer. Hosen sind Hosen. Bei Männern geht es mehr um eine bestimmte Haltung, über die man sich vorher im Klaren sein muss. Man muss ihnen einen gewissen Stil geben. Man kann sie nicht, wie Frauen, einfach schön machen. Der Zugang, den man zu Männern finden muss, ist also fast noch interessanter.

          Aber einen Schal kann man doch auch Männern um den Hals binden, oder? Sie tragen ja immer welche.

          Ja, aber das ist ein Schutz. Ich fühle mich bedeckter, ich verstecke mich dahinter. Das war schon als Kind so: Ich trug einen Schal, um mich vor der Sonne zu schützen.

          Wo leben denn die Männer, die Sie einkleiden?

          Ich würde diesen Mann gerne überall sehen. Bisher ist Asien sehr wichtig für uns. Asiaten gehen viel überlegter mit ihrem Äußeren um als Asiatinnen. Aber eigentlich soll sich die Mode an alle Männer und auch an alle Frauen richten. Es gibt ja auch Frauen, die sich an der Herrenkollektion bedienen. Nichts ist toller als eine Frau in den Kleidern ihres Mannes.

          Und umgekehrt?

          Das Gefühl, die Kleider seines Partners zu tragen, ist großartig. Dabei geht es mir nicht um Metrosexualität. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Mann, der mehr Zeit vor dem Spiegel verbringt als seine Frau. Mich interessiert es, wenn ein Mann den Pullover seiner Freundin anzieht, und die Ärmel sind zu kurz, aber dieses intime Gefühl, jemandem nahe zu sein, das bleibt.

          Ganz anderes Thema: Wann immer bei einem Modehaus ein neuer kreativer Kopf gesucht wird, kommt Ihr Name ins Spiel. Aber Sie arbeiten für sich, und Ihre Marke gehört Ihnen. Wollen Sie immer unabhängig arbeiten?

          Es geht nicht um Unabhängigkeit, sondern um Sensibilität. Ich glaube nicht, dass meine Haltung unbedingt jedem Haus passen würde. Viele Marken kommen auf mich zu. Der überhaupt größte Vertrag wurde mir angeboten, und ich musste da sehr ehrlich zu mir sein. Nehme ich das nun an? Oder nicht? Und wenn ich es annehme, aus welchen Gründen? Ich hätte meinen Stil nicht ohne weiteres auf dieses Haus anwenden können. Deshalb musste ich ehrlich sein und Nein sagen. Der Tag wird kommen, an dem das Haus, von dem ich träume, zu mir kommt. Ich glaube an Freundschaft. Wenn man sich an eine Marke bindet, dann ist das wie eine Beziehung, eine Partnerschaft. Es geht mir nicht darum, irgendwo anzufangen, viel Geld zu verdienen und wieder zu gehen. Aber es gibt Momente, da wache ich morgens auf und denke: Mist, das Geld wäre jetzt auf meinem Konto!

          Dabei ging es um den Vertrag bei Balenciaga?

          (Lächelt.)

          Bei Dior?

          (Lächelt weiter.)

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