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Interview mit Sidney Toledano : „Rihanna hilft uns bei der Markenbildung“

Nein, das geht. Er muss die Mode auf den Laufsteg bringen. Und ich muss die Bedingungen schaffen, dass er das kann. Es muss ein Atelier geben und Werkstätten. Die Locations müssen vorbereitet werden. Man muss sich das wie ein großes Orchester vorstellen. Das ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch der Organisation. Man muss die richtigen Leute zusammenbringen. Der Designer und der Geschäftsführer müssen sich einig sein. Wir arbeiten schließlich nicht in einem Museum. Die Kleider müssen gezeigt, bestellt und produziert werden.

Manchmal sieht es so aus, als ob die Manager wichtiger wären. Im Jahr 2011, als John Galliano entlassen werden musste, haben Sie die Umsätze um mehr als 20 Prozent gesteigert, und Sie haben damals erstmals die Umsatzmarke von einer Milliarde Euro übertroffen.

Ja, trotz allem. Aber ich hatte eben das Team. Das beginnt schon beim Studio. Noch am Tag der Galliano-Entlassung habe ich mit Bill Gaytten, Johns rechter Hand, gesprochen und ihn gefragt: „Was machen wir nun?“ Und er hat gesagt: „Wir ziehen das durch.“ Die Schau war nur wenige Tage nach der Entlassung. Das werde ich nie vergessen, wie alle zusammenstanden, das Marketing, das Atelier, die Kommunikation. Daher haben wir auch nach dieser ersten Schau nach Johns Ausscheiden das ganze Atelier auf die Bühne gebracht. Und zwar zum ersten Mal in der Geschichte von Dior, obwohl natürlich auch Monsieur Dior und der spätere langjährige Chefdesigner Gianfranco Ferré ihre Mitarbeiter geschätzt haben. Unsere Stärke ist das Atelier. Ich bin immer wieder überwältigt von der Macht der Hände, von Kreativität und Vorstellungskraft.

Und Sie hatten eben Bill Gaytten, einen weithin unterschätzten Designer.

Genau. Wenn andere sagen, dass es nur auf die Location ankommt, sage ich: Es kommt auf die Menschen an, in den Fabriken, im Atelier, in den Geschäften.

Haben Sie eigentlich John Galliano jemals wieder getroffen seitdem?

Nein, nein.

Aber Sie haben noch die Marke John Galliano mit dem Designer Gaytten.

Ja, und wir entwickeln sie gerade weiter, mit einer Hauptlinie für Damen und Herren und einer Nebenlinie im Contemporary-Segment für Damen und Herren.

Das Marketing scheint für Modeunternehmen immer wichtiger zu werden. Ein Beispiel ist der Werbefilm, den Sie gerade mit Rihanna gedreht haben.

Vor zehn Jahren kam sie zuerst in eine unserer Modenschauen. Zum Glück bin ich durch meine Kinder gut informiert. Meine Tochter war stolz darauf, neben ihr zu sitzen – das war auf jeden Fall spannender für sie, als neben mir zu sitzen. Letztes Jahr kam Rihanna zu unserer Cruise-Show in Brooklyn. Als ich sie fragte, meinte sie sofort: „Let’s do it!“ Viele Schauspielerinnen mögen toll sein – aber dieser Star hat eine besondere Aura. Sie ist mehr als ein Star, eher eine Prinzessin. Und sie ist dabei eine nette Person geblieben.

Einen solchen Werbefilm in Versailles mit Rihanna zu drehen – das ist teuer.

Klar. Aber wir brauchen gute Leute, gute Fotografen. Und Versailles ist wichtig für uns. Wir helfen auch dem Künstler Anish Kapoor bei seiner Ausstellung dort. Dieses Gebäude hilft unserer Marke, das ist nicht nur ein Hintergrund für ein Anzeigenmotiv.

Aber helfen solche Clips oder auch der Film „Dior and I“ über Raf Simons wirklich dem Verkauf?

In wenigen Tagen veröffentlichen wir unsere Zahlen, dann werden Sie es sehen. Aber noch mal: Bei Rihanna zum Beispiel geht es nicht um den schnellen Verkauf, sondern um Markenbildung.

Sie haben den Fans viel Geduld abgenötigt: Es gab mehrere Teaser, bis schließlich der ganze Film gezeigt wurde.

Es ist toll, was man heute im Internet machen kann. Bei unserer letzten Schau gab es über Snapchat mehr als 14 Millionen Abrufe, über Youtube mehr als 22 Millionen. Rihanna hat den Werbefilm selbst gepostet, ohne dass wir sie darum gebeten hätten – und da haben es natürlich noch einmal Millionen gesehen.

Ein Nachfahre sefardischer Juden

Sidney Toledano, der am Samstag nächster Woche 64 Jahre alt wird, wurde in Casablanca geboren. Wie sein Nachname schon verrät, stammen seine Vorfahren, sefardische Juden, aus Toledo. Von dort wurden sie Ende des 15.Jahrhunderts nach Marokko vertrieben. Toledano, seit mehr als 20 Jahren Président Directeur Général von Christian Dior Couture und einer der wichtigsten Manager im LVMH-Konzern, wurde erst vor kurzem vom Bürgermeister von Toledo mit einem „almuerzo toledano“ geehrt, einem typischen Essen der zentralspanischen Region. Auch der König von Spanien hat ihn schon empfangen. Als Kind lernte Sidney Toledano erst Spanisch, das er noch heute akzentfrei beherrscht, dann Französisch. Die Geschichte seiner Familie möchte er dennoch nicht aufschreiben, wenn er in wenigen Jahren in Rente geht: „Das ist alles schon erforscht.“

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