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Integration : Sie nähen an ihrer Zukunft

Foruzan Ghaffari aus Afghanistan hat in den vergangenen drei Jahren lesen, schreiben und schneidern gelernt. Bild: Wonge Bergmann

Alle reden über Integration. Zehn Frauen aus Syrien, Iran und Afghanistan reden lieber über Farben, Schnittmuster – und Freiheit.

          Mansoureh Kazemi zieht ihren Lippenstift nach und rückt das Kopftuch zurecht, Foruzan Ghaffari drapiert den safrangelben Schal über die Schultern von Nicole von Alvensleben. Neda Kazemi trägt den gleichen Schal als Kopftuch. Es sind Stücke, die von Afghaninnen genauso getragen werden können wie von Deutschen. Mode, die verbindet. Die Frauen stellen sich mit ihren Kolleginnen auf der Wendeltreppe einer Villa im Frankfurter Westend zum Foto auf.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          In der Villa, die der KfW-Stiftung gehört, werden an diesem Abend Preise für Start-ups verliehen, die sozialen Zwecken dienen oder Migranten in Arbeit bringen. Die Frauen der Schneiderwerkstatt „Stitch by Stitch“ haben den Preis schon vor drei Jahren bekommen. Nun berichten sie den anderen Unternehmern und Förderern von ihrer Erfolgsgeschichte – und präsentieren die erste eigene Kollektion.

          Ein Mitarbeiter des Wirtschaftsministeriums sagt in seiner Rede, das Thema Flüchtlinge sei zu Beginn des Förderprojekts noch viel positiver besetzt gewesen. Damals, 2015, feierten die Deutschen sich für ihre Willkommenskultur. Heute sei das Klima anders, doch die hier versammelten Unternehmen zeigten, wie Integration gelingen könne.

          Mansoureh Kazemi, die aus Teheran kommt, ist im dritten Jahr der Ausbildung zur Maßschneiderin.

          Die Modedesignerin Claudia Frick, heute 45 Jahre alt, fand damals für ihr eigenes Label nur schwer Schneiderinnen in Deutschland. Asien kam aus wirtschaftlichen und ethischen Gründen nicht in Frage. Ihr Lebenspartner, Franzose und fasziniert von der Willkommenskultur, die es in Frankreich so nie gab, sagte: „Und wenn du Flüchtlinge anstellst?“

          „Mode ist eine globale Sprache“

          Frick sprach mit Nicole von Alvensleben, 49, einer befreundeten Designerin, die Social Entrepreneurship studiert hat und schon länger ein Unternehmen gründen wollte, das sozial und wirtschaftlich erfolgreich ist. Sie gründeten „Stitch by Stitch“ und stellten geflüchtete Frauen an, viele von ihnen Schneiderinnen, die bei ihnen gut neun Euro pro Stunde verdienen. „Diese Frauen kommen aus Ländern, in denen Handarbeiten und Nähtechniken bekannt sind, und sie sind hoch motiviert“, sagt von Alvensleben. „Der Beruf des Schneiders ist auf der ganzen Welt derselbe“, sagt Frick. „Auch wenn man die Fachbegriffe erst in der anderen Sprache lernen muss. Mode ist eine globale Sprache.“

          Die einzige, die am Anfang weder Deutsch noch die Sprache der Mode sprach, war Foruzan Ghaffari. Sie ist 24 Jahre alt und kommt aus Kabul. Mit 16 verheirateten ihre Eltern sie mit einem Mann, den sie sich nicht ausgesucht hatte. Mit 17 bekam sie ihr erstes Kind, eine Tochter, mit Anfang 20 einen Sohn. Ghaffari ist in Afghanistan nie zur Schule gegangen, hat in ihrer Muttersprache Dari weder lesen noch schreiben gelernt. Und kann es jetzt auf Deutsch. Sie macht eine Ausbildung zur Maßschneiderin und hat in der Berufsschule Unterricht in Mathematik, Textilkunde und Geschichte.

          Nicole von Alvensleben...
          ... und Claudia Frick haben „Stitch by Stitch“ gemeinsam gegründet.

          Einige Tage vor der Präsentation bügelt sie in der Werkstatt im Frankfurter Stadtteil Bornheim einen Stoff, den sie danach umnähen will. Die Werkstatt liegt in den Räumen eines zweistöckigen Gebäudes im Hinterhof einer Tanzschule, nebenan eine Boutique, eine Spielhölle, ein Ćevapčići- Grill und ein hippes mexikanisches Café. Die Frauen nähen hier in kleiner und mittlerer Stückzahl für andere Labels und, weil das so gut klappte, nun auch für „Stitch by Stitch“. Sie bekommen Deutschunterricht, Nachhilfe für die Berufsschule und essen mittags gemeinsam.

          Ghaffari klappt den Stoff um, hält das Maßband an, bügelt. Korrigieren muss sie sich nie – immer hat sie den Stoff um genau einen Zentimeter umgeschlagen. Dabei hat sie in Kabul nie genäht – anders als eine ihrer Kolleginnen, die aus einer Schneider-Familie stammt, und einer weiteren, die nach der Flucht aus Syrien zunächst in der Türkei lebte und dort in einer Fabrik Couture-Kleider bestickte, darunter ein Kleid für Shakira. Für von Alvensleben und Frick war es ein Risiko, Ghaffari den Deutschkurs zu bezahlen und ihr eine Ausbildungsstelle anzubieten. Aber es hat sich gelohnt.

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