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Integration : Sie nähen an ihrer Zukunft

Auch die anderen Näherinnen überraschen die Gründerinnen immer wieder. Und sei es bloß, weil sie die beiden dazu bringen, ihre eigenen Vorurteile zu hinterfragen. Etwa bei der Sache mit den Konten. Einige Frauen hatten nur Gemeinschaftskonten mit ihren Männern, eine sogar nur das ihres Manns. Da sagten Frick und von Alvensleben ihr, sie könnten ihr Gehalt nicht auf dieses Konto überweisen. Die Frau eröffnete ein eigenes Konto – und eine Woche später wollten alle Frauen ein eigenes Konto haben. „Wir dachten: Oje, jetzt haben wir die Revolution losgetreten“, erzählt von Alvensleben. „So war es aber gar nicht.“ Die Männer akzeptierten, dass vieles in Deutschland anders funktioniert. „Die Beziehungen sind viel gleichberechtigter, als wir dachten.“

Um den Haushalt kümmern sich die Männer

Das müssen sie auch sein. Denn während die jungen Frauen durchstarten – der Gesellenbrief entspricht einem Realschulabschluss, mit einem Meisterbrief dürfen sie sogar studieren –, haben ihre Männer noch keine Ausbildung oder Arbeit gefunden. Sie kümmern sich um den Haushalt, während ihre Frauen bei der Arbeit sind. Manchmal bringen sie ihnen selbstgekochtes Essen in Tupperdosen vorbei. Der Mann von Foruzan Ghaffari, erzählt sie, finde es gut, dass sie arbeitet. Und sie liebt ihn, obwohl die Ehe arrangiert war.

Nach ihrer Ausbildung kann Foruzan Ghaffari sich vorstellen zu studieren.

Später stehen die Frauen gemeinsam um einen Schneidertisch herum, diskutieren an Stoffbahnen, welche Farben ihnen gefallen, um daraus Schals und Hijabs für die Präsentation der ersten Kollektion zu nähen. Oni Ramamonjisoa aus Madagaskar gefallen das Blau, das Pink, das Braun und das Gelb. Amira Ibrahim aus Syrien mag keine der Farben. „Keine?“ Nicole von Alvensleben lacht. Die erste Kollektion von „Stitch by Stitch“ soll ein Gemeinschaftswerk sein. Jede Frau hat ein Vetorecht, auch wenn es so länger dauert.

Beim Mittagessen sitzen alle um den Tisch. Foruzan Ghaffari wärmt in der Mikrowelle ein Reisgericht auf, das ihr Mann am Vorabend gekocht hat, dann setzt sie sich zu ihren Kolleginnen. Sie unterhalten sich auf Deutsch: „Was hast du am Wochenende gemacht?“ „Ich war Eis essen.“ „Ich habe Tee getrunken mit Mansoureh.“ Manchmal diskutieren sie auch. Neulich zum Beispiel brachte Claudia Frick einen Artikel über Seyran Ateş mit, Deutschlands erste Imamin. Die Frauen waren verblüfft: Eine Vorbeterin ohne Kopftuch? Männer und Frauen nebeneinander im Gottesdienst? Sie glauben nicht, dass das funktioniert – würden es sich aber gerne mal anschauen. Oft geht es auch um Asylrecht, Kinderbetreuung und Heimweh. Die Frauen vermissen bestimmte Gewürze und Geschäfte mit preiswerten Stoffen. Und ihre Verwandten in der Heimat. Sie können nicht verstehen, dass es den Deutschen oft reicht, ihre Familien zu Ostern und Weihnachten zu sehen.

Fragt man Foruzan Ghaffari, was sie vermisst, fällt ihr auch nach längerem Überlegen nichts ein. „In Afghanistan haben meine Eltern gesagt: Du darfst nicht zur Schule gehen, keine Ausbildung machen. Du musst deiner Mutter zu Hause helfen, ein Kopftuch tragen.“ Mit jedem Tag in Deutschland habe sie sich sicherer und freier gefühlt. Nach zwei Jahren trug sie kein Kopftuch mehr. „Ich kann hier so leben, wie ich will“, sagt sie. „Meine Kinder können zur Schule gehen. Ich bin glücklich.“ Nach der Ausbildung möchte sie gerne weiter als Näherin arbeiten und nebenher studieren. „Vielleicht Sozialpsychologie.“ „Stitch by Stitch“ geht es weiter.

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