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Außergewöhnliche Models : Inklusion in einer exklusiven Welt

  • -Aktualisiert am

Rollstuhl Nebensache: Tan Caglar ist auch als Model an der Spitze. Bild: dpa

Mit Downsyndrom zum Gesicht einer Kosmetikfirma werden oder als Rollstuhlfahrer die Laufstege erobern: Die Modebranche entdeckt Minderheiten als Models.

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          Es ist Montag Abend im ehemaligen Kino „Kosmos“ in Berlin, und die Modewoche beginnt mit ersten Gehversuchen junger Designer. Die Stimmung auf der „Fashion Hall“, einer Art Vorprogramm der „Fashion Week“, ist wie bei einem Schultheater. Alles ist irgendwie improvisiert. Durch den Abend führt eine Drag Queen, die lobend herausstellt, wie viele Journalisten sich eingefunden haben. Dann zeigt ein Dutzend kleiner Labels seine Entwürfe: Petticoats, Dessous, Outfits, die zuweilen an eine Kostümparty denken lassen. Kurz vor der Halbzeitpause ist „Fredini Luxusmode“ an der Reihe. Models mit Frisuren, wie sie Amy Winehouse trug, zeigen Teile aus Straußenleder. Und zum Finale tritt das Model Tan Caglar auf, besser gesagt: Er rollt auf den Laufsteg.

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Ein Model im Rollstuhl? Und das auf einer Modewoche? Vor ein paar Jahren noch wäre das tatsächlich ein Novum gewesen. Zuletzt aber haben Models, die nicht dem Prototyp der Modeindustrie entsprechen, immer wieder Gesprächsstoff geliefert. Fast kann man von einem Trend unter Designern sprechen, sich mit wohldosierter Normabweichung von der Masse abzusetzen: hier ein Model mit Beinprothese, dort eines im Rollstuhl. Nur wenige Vertreter der neuen Model-Gattung konnten sich bislang aber einen Namen erarbeiten, der nicht bis zum nächsten Großevent wieder in Vergessenheit geriet. Madeline Stuart und Winnie Harlow zum Beispiel.

          Mit Downsyndrom auf den Laufsteg

          Die Australierin Stuart, 19 Jahre alt und nur 1,50 Meter groß, hat das Downsyndrom. Im vergangenen Jahr eröffnete sie auf der Modewoche in New York die Schau des italienischen Labels „FTL Moda“, es folgten weitere Auftritte in Amerika, Schweden und Russland; mittlerweile ist sie das Gesicht einer Kosmetikfirma. Winnie Harlow ist Kanadierin und bringt viele Attribute mit, um zwischen ihren Kolleginnen ein unauffälliges Dasein zu führen: schlank, groß, schön. Jedoch leidet sie an der Pigmentstörung Vitiligo, ihre dunkle Haut ist gezeichnet von großen hellen Flecken. Dennoch tritt sie inzwischen auf den großen Schauen rund um den Globus auf.

          Die Geschichten der beiden Frauen sind Geschichten eines märchenhaften Aufstiegs. Winnie Harlow wuchs im Getto von Toronto auf, die anderen Kinder verspotteten sie als Zebra und Kuh. Madeline Stuart sagte eines Tages, dass sie Model werden möchte. Ihre Mutter nahm den Wunsch ernst, erlegte ihrer Tochter ein straffes Diät- und Fitnessprogramm vor, organisierte ein Foto-Shooting. Dann führte eines zum anderen.

          Die Dramaturgie des unverhofften Aufstiegs steckt auch in der Vita des Rollstuhlfahrers Tan Caglar, der auf der Modewoche seinen großen Auftritt hat. Er kam mit offenem Rücken zur Welt, seit zehn Jahren ist er weitgehend auf den Rollstuhl angewiesen. Er fiel in eine Depression, aus der ihm Rollstuhlbasketball einen Ausweg zeigte. Damit verdient er mittlerweile seinen Lebensunterhalt, dazu kommen Fernsehauftritte und Model-Jobs. Nun ist er der erste Rollstuhlfahrer auf der Berliner Modewoche, wie er nicht ohne Stolz sagt.

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