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Modedesign : Der große Trip

Der London-Paris-Mix: Louise Trotter Bild: Modelabel JOSEPH

In den vergangenen Tagen viel unterwegs gewesen? Louise Trotter, Designerin der Modemarke Joseph, kann davon ein Lied singen - und macht aus der Not eine Tugend.

          6 Min.

          Das alte Haus mit den dicken Holzbalken und den schmalen Treppen am Canal Saint-Martin, seit wenigen Monaten das Atelier der Modemarke Joseph, könnte kaum ein passenderer Stützpunkt für eine Designerin sein, die immer unterwegs ist. Der Gare du Nord ist so gut wie um die Ecke, von wo aus der Eurostar stündlich - manchmal halbstündlich - Richtung London und Brüssel fährt.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zugleich scheint das Leben hier am Quai de Jemmapes eine nette Abwechslung zum sonstigen Trubel zu sein. Es geht alles einen Gang langsamer zu, die Stadt mutet hier ein ganzes Stück kleiner an, als es für Pariser Verhältnisse eigentlich üblich ist. In den Bars und Restaurants in der Gegend fühlt man sich sofort wie zu Hause, was einer Designerin, die Paris viel zu selten genießen kann, ebenfalls entgegenkommen müsste.

          Ausgerechnet dieses Viertel steht aber auch für die Anschläge im November. Das „Le Petit Cambodge“, eines der Restaurants, in das die Terroristen an jenem Freitagabend einfach so hineinschossen, ist nur ein paar Meter entfernt vom Atelier in einer Nebenstraße.

          Somit erinnert in diesem Viertel um den Canal Saint-Martin nicht nur viel an die schrecklichen Anschläge im November, es reflektiert auch spätestens seitdem die Pariser Art, das Leben zu genießen, die von dort aus in die ganze Welt strahlt, egal ob es nun um das Glas Wein geht, auf das man sich abends noch trifft, oder die Art und Weise, wie man einen ausgezeichnet gut geschnittenen schwarzen Mantel schnell über die Schultern wirft, wenn man mit den Gedanken schon ganz woanders ist.

          Für eine Designerin wie Louise Trotter, die immer unterwegs ist und die auch für jene mobile Klientel entwirft, gäbe es wohl wirklich keinen passenderen Ort zum Arbeiten als dieses alte Haus mit den dicken Holzbalken. Da sie gerade mal in der Stadt ist, empfängt sie jetzt in ihrem schon sehr eingerichtet aussehenden Büro direkt unterm Dach. Auf dem Fußboden liegen Stoffmuster, der Schreibtisch ist voll gepackt. Sie könnte hier seit Jahren arbeiten. „Das Dach müssen wir noch machen“, sagt sie, zeigt nach oben und nimmt auf dem Sofa in der Ecke Platz.

          Immer unterwegs

          Trotter, Mitte 40, geboren und aufgewachsen in der nordenglischen Küstenstadt Sunderland, die sich in ihrem sehr angenehmen Dialekt, einer Art Singsang, verewigt hat, sammelte ihre berufliche Erfahrung bei der englischen Firma Whistles sowie bei Gap, Calvin Klein und Tommy Hilfiger in New York, bevor sie 2009 anfing, Joseph, das Londoner Trend-Label der neunziger Jahre, auf Vordermann zu bringen.

          Das Atelier ist mittlerweile nach Paris gezogen, der Firmensitz hingegen in London geblieben, was schon allein deshalb viel Reiserei für die Kreativdirektorin bedeuten würde. Nur wohnt Trotter zudem ebenfalls sowohl in London als auch in Paris mit ihrem Mann und den drei kleinen Kindern. Sie ist die Designerin, die immer unterwegs ist, über die Woche verteilt in jeder der beiden Städte ein paar Tage.

          „Reise immer mit meiner Tochter“

          Neben ihrer beruflichen Erfahrung dürfte deshalb auch ein erheblicher Teil ihres Privatlebens für die Arbeit prägend sein. „Ich bin ein ziemlich guter Eurostar-Kunde“, lacht sie. „Ich weiß, welche Plätze die besten sind.“ Fenster oder Gang? „Immer Fenster. Ich kenne auch sehr viele der Leute, die in den Zügen arbeiten.“

          Diese Leute kennen wiederum nicht nur sie, sondern auch ihre Familie. „Ich reise immer mit meiner jüngsten Tochter.“ Gaia, noch nicht ganz zwei Jahre alt, pendelt mit ihrer Mutter regelmäßig zwischen London und Paris, sie hat Nannys in beiden Städten und klar, das Personal von Eurostar. „Diese Leute sehen, wie meine Kinder aufwachsen. Wenn sie mal nicht dabei sind, fragen sie gleich, wie es ihnen geht. Aber insgeheim müssen sie doch denken: Oh Gott, da kommt wieder diese verrückte Familie.“

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