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Immer schulterfrei : Das Bustierkleid als Arbeitsuniform

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„Wenn ich das Kleid vergessen kann, kann ich mich auf der Bühne ganz auf die Musik konzentrieren“ sagt Anne-Sophie Mutter über ihre „Arbeitsuniform“. Bild: dpa

Die Geigerin Anne-Sophie Mutter ist eine Stilikone der Klassikwelt. Auf der Bühne trägt sie Bustierkleider großer Namen – einzig Dior steht auf ihrer schwarzen Liste.

          Für eine Frau, die von sich sagt, sie bringe keine große Leidenschaft für Mode auf, ist Anne-Sophie Mutter erstaunlich elegant. Ihre Roben, meist in starken Farben, immer schulterfrei, haben die Geigerin zu einer Stilikone der Klassikwelt werden lassen. An diesem Sommertag in Los Angeles aber trägt sie – eine Strickjacke.

          Auch mit der Vorstellung, sie gehe nur in Dior auf die Bühne, räumt sie auf. „Seit dem Vorfall mit John Galliano verzichte ich auf Dior“, sagt Mutter. Im Februar 2011 ließ sich der damalige Chefdesigner bei Dior im Rausch zu antisemitischen und rassistischen Tiraden hinreißen. Einige Tage später setzte ihn das Modehaus vor die Tür. Für Mutter, bis 2006 mit dem vor den Nazis geflüchteten deutsch-amerikanischen Komponisten André Previn verheiratet, war das zu viel. „Galliano hat ein Tabu gebrochen. Da kann man natürlich nicht einfach weitermachen.“

          Die Sechsundfünfzigjährige, die in Wehr in Baden-Württemberg aufwuchs, hatte Paris durch ihren Förderer Herbert von Karajan entdeckt. „Ich war 18 oder 19 Jahre alt. Als wir damals durch Paris tigerten, stießen wir auf Chanel. Die hatten gerade einen Ausverkauf, wunderschöne Roben, die die Models über die Saison getragen hatten. Die mussten für mich natürlich einen Meter gekürzt werden.“

          „Das Kleid muss zum Instrument passen“

          Die perfekte Arbeitsuniform ist ein Bustierkleid – weil die Geige dann nicht auf dem Stoff herumrutscht. „Wenn ich das Kleid vergessen kann, kann ich mich auf der Bühne ganz auf die Musik konzentrieren.“ Auf Chanel folgte Givenchy, auf Givenchy Dior. Der damalige Dior-Chefdesigner Marc Bohan nahm sich ihrer Wünsche besonders an. Die wichtigste Vorgabe? „Das Kleid muss zum Instrument passen.“ Sie spielt die Stradivari Lord Dunn-Raven aus dem Jahr 1710. „Pastellfarben funktionieren da nicht so gut, starke Farben wie Rot und Grün, die Edelsteintöne, schon.“ Auch nach Bohans Abschied von Dior 1989 blieb sie dem Haus treu – bis zu Gallianos Tiraden.

          „Mode interessiert mich aber eher am Rande“, versichert sie. Dennoch setzt sie Trends bei anderen Künstlern der Klassikbranche. So überrascht die Pianistin Yuja Wang die Zuschauer bei Auftritten in Hollywood Bowl oder Carnegie Hall immer wieder mit knappen Outfits. „Sie hat einen tollen Körper. Wenn ich so jung wäre wie sie und so einen Body hätte, würde ich mich vielleicht auch so anziehen“, sagt Mutter. „Sie gehört zu einer anderen Generation mit einem anderen Selbstbewusstseins. Warum soll eine superattraktive Frau ihren durchtrainierten Körper nicht auf der Bühne zeigen?“

          „Andere Maßstäbe für Männer“

          Dass sich viele Kritiker – wie nach einem Konzert von Yuja Wang in Los Angeles – auf ihre Minikleider beschränken, schreibt die Geigerin mangelnder Gleichstellung zu. „Wenn ein Mann auftritt, wird mit anderem Maßstab gemessen. Ich weiß nicht, ob man bei Jean-Yves Thibaudet über seine extravaganten Schuhe, Hemden oder Gürtelschnallen schreibt“, sagt sie über den Pianisten, der sich von Vivienne Westwood einkleiden lässt. Mutter trägt seit 2011 wechselnde Designer. Vor ihrem ersten Auftritt in der Elbphilharmonie ließ sie sich in einer roten Robe mit schwarzen Volant des Briten Nicholas Oakwell fotografieren.

          Bei ihrem Open-Air-Auftritt auf dem Königsplatz in München, wo sie am 14.September Kompositionen des Oscar-Preisträgers John Williams aus Filmen wie „Star Wars“ und „Schindlers Liste“ spielt, wird voraussichtlich recycelt. „Bei ,Across the Stars‘ trage ich wohl wieder ein Bustierkleid von Viktor & Rolf, das ich schon ein paar Mal anhatte“, sagt Anne-Sophie Mutter. „Es ist weiß. Und passt wunderbar zur Geige.“ (ceh.)

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