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Goldschmiedin Susa Beck : Aus Atlantis

Handwerk an der Hand: Susa Beck trägt ihren Schmuck auch selbst, hier den Ring Orlando Giant. Bild: Jana Mai

Wellen, Wogen, Wasserwelten: Der Münchner Goldschmiedin Susa Beck gelingt es, mit ihrem außergewöhnlichen Schmuck auf phantastische Art und Weise das Meer einzufangen.

          Der Schmuck ist das Werk ihrer Hände. Das sieht man spätestens, wenn Susa Beck einen Rauchquarz unters Licht hält. Unzählige feine Risse durchziehen ihre Fingerkuppen. Die Finger, die den Stein ganz leicht mal hierhin, mal dorthin drehen, um genau zu sehen, welchen Weg das Licht durch ihn nimmt, gehören zu sehnigen, wenn auch zierlichen Arbeiterhänden.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Susa Beck schleift, fräst, hämmert, modelliert seit Jahren mit ihren Händen an allem herum, was die Erde an Edelmetallen hergibt. Von vielen Dingen in ihrem Leben könnte sie sich verabschieden, sagt die Goldschmiedin, nicht aber von ihrer Werkstatt, die sie brauche „wie eine Schildkröte ihren Panzer“. Als Handwerk im Wortsinne versteht sie ihren Beruf. Sie hat ihn erlernt, weil ihr Vater ihren eigentlichen Berufswunsch, Innenarchitektin, mit dem Satz bedacht hatte: „Dann stehst du anschließend im Möbelgeschäft.“ Goldschmiedin hingegen fand er gut – das könne man auch „immer nebenbei im Keller“ machen.

          Nicht im Keller, sondern in ihrem Atelier im Münchner Stadtteil Lehel entwirft Susa Beck Ringe, Colliers, Armbänder und Ohrschmuck. Für die Stücke kommen die Kunden aus dem In- und Ausland nach Terminabsprache zu ihr. Alles scheint bei diesem Schmuck in Bewegung zu sein, durch die Form oder das Licht, das die blitzenden Edelsteine zurückwerfen.

          Im Ring Glittering Waves sind auf Wellen aus achtzehnkarätigem Roségold verschwenderische 350 braune Brillanten zu glitzerndem Abendlicht gefasst. So ähnlich funkelt die Isar, die in der Nähe des Ateliers vorbeirauscht, bei Sonnenuntergang. Und die goldene Spirale des Anhängers Twister, gespickt mit Blautopasen, Brillanten und Tsavolithen, hält einen tropfenförmigen Ocean Jaspis und wirkt dabei wie ein kleiner Tornado über einem Mini-Pazifik.

          Künstlerische Handschrift: Ihr Schmuck, hier der Ring Schilf, scheint immer in Bewegung zu sein.

          Nichts Statisches, trotz seiner Größe, hat auch einer ihrer jüngsten Entwürfe, der Honey Comb. Maßgefertigte goldene Waben umhüllen, einem durchlässigen Futteral gleich, den Finger, mit mal fünf-, mal viereckigen Einbuchtungen, die oval oder rund auslaufen. Das Licht gleitet an den Waben entlang und bricht sich dann an Turmalinen, Saphiren und Rubinen, die an den Einbuchtungen leuchten wie Blumen an einem Hang.

          Präzision ist unabdingbar

          Wellen, Wogen, Waben. Susa Beck tüftelt lange an einer Rohform herum – die Zange in der Hand, Vergrößerungsbrille im Gesicht, das lange Haar hochgezwirbelt, den Rücken über das hölzerne Werkbrett gebeugt, das übersät ist mit Kerben und Schrammen. Neben ihr Fräsmaschine und Drahtrollen, Hammer und Kugelpunzen, mit denen man Formen ins Metall treibt. Ihre Werkstatt sieht auch aus wie eine Werkstatt, ein Grund vielleicht, warum viele Männer ihrer Kundinnen, wenn die Paare gemeinsam ins Atelier kommen, plötzlich eine andere Beziehung zu Schmuck entwickeln.

          Die Handmodelage ist ihr wichtig, zuweilen sind beim Ohrschmuck der rechte und der linke Ohrring nicht unbedingt identisch, was durchaus gewollt ist. Mit dem Computer könnte man die Form einfach spiegeln, doch dann „fehlt die Lebendigkeit“. Solche Programme findet sie „seelenlos“, sie braucht die Haptik. Geschmiedet wird mit Gold, Silber, Platin, bearbeitet werden Bronze und Rhodium, Muscheln, Kieselsteine, Blütenblätter.

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          Ihre Steine lässt Susa Beck in den Maßen einschleifen, die sie braucht. Sie kauft aber nur bei Steinhändlern, die sie persönlich kennt, darauf legt sie als Diamantgutachterin und ausgebildete Gemmologin Wert. So viele Steine auf dem Markt seien mittlerweile bearbeitet, die Schönheit werde künstlich verstärkt. „Das kann in manchen Fällen gelingen oder auch nicht – wie bei einer Schönheitsoperation.“ Schon im alten Ägypten habe man den Charakter der Steine intensiviert. „Doch manche der Techniken schießen über das Ziel hinaus.“ Entscheidend sei das Charisma eines Steins, nicht dessen Makellosigkeit.

          Bei der Fassung hingegen ist Präzision unabdingbar. Dazu tragen auch hoch-qualifizierte Edelsteinfasser bei. Ihre Steine lässt Susa Beck in Deutschland fassen, daran will sie festhalten, auch gegen den Trend. Mit Hilfe eines Zeiss-Mikroskops mit fünfzigfacher Vergrößerung entstehen so an ihren Schmuckstücken Fassungen mit winzigsten Brillanten, die wie dahin-gestäubt sacht ins Gold eintauchen. „Es dauert, bis man die perfekten Partner gefunden hat, die die Handschrift verstehen und im Idealfall sogar kreativ erweitern.“

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          Ihre künstlerische Handschrift, das ist vor allem das Gebauschte und Gebogene ihres Schmucks. Es sei immer schon eine Art „innerer Tanz“ gewesen, der nach außen müsse, sagt Susa Beck.

          Fließend und verschlungen

          Ihrem Gestaltungsdrang wurden in der Ausbildung an der Goldschmiedeschule in Pforzheim zunächst Grenzen gesetzt. Dem Einerlei entkam sie nach dem Abschluss durch Wanderjahre bei Juwelieren in Namibia und einem Steinhändler in New York. Zurück in München, verkaufte sie tagsüber bei Cada modernen, großen Schmuck (es waren die Achtziger), der sich vom klassischen Perlenkette-und-Memoire-Ring-Repertoire wohltuend unterschied.

          Nachts schmiedete sie in der schallgedämpften Lederwerkstatt einer Freundin kleine und große Skulpturen aus Metall. Ab und an kam ein Bekannter dazu, um schottische Trommel zu üben. „Das war wie die ,Muppet Show': eine Schneiderin mit Nähmaschine, eine Goldschmiedin mit Hammer, ein Musiker mit Trommel und alle verdammt laut.“

          Tagsüber war sie oft so müde, dass sie mittags ins Solarium ging, um dort zu schlafen. Es sei ihre „glücklichste Zeit“ gewesen, als sie nach dem Job an der Maximilianstraße Kostümchen gegen Latzhose tauschte und in die Werkstatt ging. Schmuck habe sie damals gar nicht so sehr interessiert, eher das Bildhauerische. Eine ihrer Skulpturen von damals ist Zepter, ein handgroßes, goldenes Gebilde mit einem gedrehten Schneckenhaus. Als eine Kundin sie später fragte, wie man das trage, antwortete sie: „Gar nicht.“ Der Nutzen sollte nie im Vordergrund stehen. Irgendwann wurden ihre Skulpturen kleiner, passten als Ring an den Finger oder als Anhänger an eine Kette. Die ersten Schmuckstücke fertigte sie zunächst nur für sich, frei von Kundenwünschen. Dann machte sie sich mit einem Atelier selbständig. Von Fisch-Restaurants ließ sie sich Krebsscheren und Muschelschalen zum Experimentieren mitgeben – ihre Leidenschaft für das Meer gab von Beginn an das Fließende und Verschlungene vor.

          Ein Schatz vom Meeresgrund

          Wenn sie heute in ihrem Atelier die vielen schlichten schwarzen Kästen öffnet, in denen Ringe und Colliers verwahrt werden, ist das fast, als hebe man einen Schatz vom Meeresgrund: Überall funkelt und glitzert es, die See kommt einem in Form und Material entgegen. Bei den Kettenanhängern Shellies halten in Gold gegossene Wasserspritzer kleine, echte Muscheln fest, und auf dem Gold blitzen winzige Seepocken – lilafarbene Saphire, Amethyste und Turmaline. Daneben blinken kugelige, tintenblaue Saphir-Cabochons am Ring Seastar um einen Mondstein-Cabochon herum wie die Scheinwerfer eines Unterseeboots nach Jules Verne. Von ihm und seiner Rezeption durch Antoni Gaudí lässt sie sich beim Modellieren immer wieder leiten: Die bauchig gebogene Opulenz von Gaudís Casa Batlló in Barcelona findet sich in Ringen wie Genesis, Seaplant oder Splash wieder.

          Als bloßes Accessoire hat Susa Beck Schmuck nie gesehen, eher als „wearable art“. Sie wünscht sich, dass man in die Phantasie „hineinfällt“, wenn man ihre Stücke betrachtet. Die Namen, die sie ihrem Schmuck verleiht, Crescent Moon, Galadriel, Uroboros, Fünf Elemente Reloaded, zeigen, wohin die Reise geht.

          Dabei muss man gar nicht so weit gehen wie eine Kundin, die zu ihr kam, ihren Schmuck und die Meeres-Allegorien interessiert betrachtete und dann mit Nachdruck feststellte: „Sie wissen schon, dass Sie aus Atlantis sind!“ Susa Beck nahm es als Kompliment.

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