https://www.faz.net/-hrx-9m2jf

Goldschmiedin Susa Beck : Aus Atlantis

Bei der Fassung hingegen ist Präzision unabdingbar. Dazu tragen auch hoch-qualifizierte Edelsteinfasser bei. Ihre Steine lässt Susa Beck in Deutschland fassen, daran will sie festhalten, auch gegen den Trend. Mit Hilfe eines Zeiss-Mikroskops mit fünfzigfacher Vergrößerung entstehen so an ihren Schmuckstücken Fassungen mit winzigsten Brillanten, die wie dahin-gestäubt sacht ins Gold eintauchen. „Es dauert, bis man die perfekten Partner gefunden hat, die die Handschrift verstehen und im Idealfall sogar kreativ erweitern.“

FAZ.NET komplett

Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

Mehr erfahren

Ihre künstlerische Handschrift, das ist vor allem das Gebauschte und Gebogene ihres Schmucks. Es sei immer schon eine Art „innerer Tanz“ gewesen, der nach außen müsse, sagt Susa Beck.

Fließend und verschlungen

Ihrem Gestaltungsdrang wurden in der Ausbildung an der Goldschmiedeschule in Pforzheim zunächst Grenzen gesetzt. Dem Einerlei entkam sie nach dem Abschluss durch Wanderjahre bei Juwelieren in Namibia und einem Steinhändler in New York. Zurück in München, verkaufte sie tagsüber bei Cada modernen, großen Schmuck (es waren die Achtziger), der sich vom klassischen Perlenkette-und-Memoire-Ring-Repertoire wohltuend unterschied.

Nachts schmiedete sie in der schallgedämpften Lederwerkstatt einer Freundin kleine und große Skulpturen aus Metall. Ab und an kam ein Bekannter dazu, um schottische Trommel zu üben. „Das war wie die ,Muppet Show': eine Schneiderin mit Nähmaschine, eine Goldschmiedin mit Hammer, ein Musiker mit Trommel und alle verdammt laut.“

Tagsüber war sie oft so müde, dass sie mittags ins Solarium ging, um dort zu schlafen. Es sei ihre „glücklichste Zeit“ gewesen, als sie nach dem Job an der Maximilianstraße Kostümchen gegen Latzhose tauschte und in die Werkstatt ging. Schmuck habe sie damals gar nicht so sehr interessiert, eher das Bildhauerische. Eine ihrer Skulpturen von damals ist Zepter, ein handgroßes, goldenes Gebilde mit einem gedrehten Schneckenhaus. Als eine Kundin sie später fragte, wie man das trage, antwortete sie: „Gar nicht.“ Der Nutzen sollte nie im Vordergrund stehen. Irgendwann wurden ihre Skulpturen kleiner, passten als Ring an den Finger oder als Anhänger an eine Kette. Die ersten Schmuckstücke fertigte sie zunächst nur für sich, frei von Kundenwünschen. Dann machte sie sich mit einem Atelier selbständig. Von Fisch-Restaurants ließ sie sich Krebsscheren und Muschelschalen zum Experimentieren mitgeben – ihre Leidenschaft für das Meer gab von Beginn an das Fließende und Verschlungene vor.

Ein Schatz vom Meeresgrund

Wenn sie heute in ihrem Atelier die vielen schlichten schwarzen Kästen öffnet, in denen Ringe und Colliers verwahrt werden, ist das fast, als hebe man einen Schatz vom Meeresgrund: Überall funkelt und glitzert es, die See kommt einem in Form und Material entgegen. Bei den Kettenanhängern Shellies halten in Gold gegossene Wasserspritzer kleine, echte Muscheln fest, und auf dem Gold blitzen winzige Seepocken – lilafarbene Saphire, Amethyste und Turmaline. Daneben blinken kugelige, tintenblaue Saphir-Cabochons am Ring Seastar um einen Mondstein-Cabochon herum wie die Scheinwerfer eines Unterseeboots nach Jules Verne. Von ihm und seiner Rezeption durch Antoni Gaudí lässt sie sich beim Modellieren immer wieder leiten: Die bauchig gebogene Opulenz von Gaudís Casa Batlló in Barcelona findet sich in Ringen wie Genesis, Seaplant oder Splash wieder.

Als bloßes Accessoire hat Susa Beck Schmuck nie gesehen, eher als „wearable art“. Sie wünscht sich, dass man in die Phantasie „hineinfällt“, wenn man ihre Stücke betrachtet. Die Namen, die sie ihrem Schmuck verleiht, Crescent Moon, Galadriel, Uroboros, Fünf Elemente Reloaded, zeigen, wohin die Reise geht.

Dabei muss man gar nicht so weit gehen wie eine Kundin, die zu ihr kam, ihren Schmuck und die Meeres-Allegorien interessiert betrachtete und dann mit Nachdruck feststellte: „Sie wissen schon, dass Sie aus Atlantis sind!“ Susa Beck nahm es als Kompliment.

Weitere Themen

... in dem der Schulbrief endlich da ist

Der Moment ... : ... in dem der Schulbrief endlich da ist

Was für ein Schulzirkus. Und doch macht man ihn mit als Eltern, wenn man will, dass sein Kind auf das gewünschte Gymnasium kommt. In der Kolumne „Der Moment“ durchlebt die Autorin die Zitterpartie noch einmal.

Adiletten, Crocs, Flip-Flops – oder doch Birkenstock? Video-Seite öffnen

Bequeme Schuhe : Adiletten, Crocs, Flip-Flops – oder doch Birkenstock?

Bequemlichkeit ist beim Look ein zunehmend wichtiges Gebot, und im Sommer zeichnet sich das nirgendwo deutlicher ab als am Schuh. Aber Gummisohle ist nicht gleich Bast-Schlupfschuh. Eine Typologie der Trägerinnen und Träger.

Gut drauf Video-Seite öffnen

Mopedfahrer in Hanoi : Gut drauf

Bälle, Blumen, Eier, Wasserflaschen oder Fische: In Hanoi wird einfach alles auf Rollern transportiert. Unser Fotograf hat ein paar der Mopedfahrer in der Nacht aufgehalten und im Bild eingefangen.

Topmeldungen

Istanbul nach den Wahlen : Erdogans Propaganda hat nicht geholfen

Die Niederlage bei der Wahl in Istanbul ist nicht nur für den Präsidenten ein Schlag, sondern auch für die ihm ergebene Presse. Rund um die Uhr sorgte sie für Aufruhr, jetzt fürchtet sie um ihre Pfründe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.