https://www.faz.net/-hrx-9lwch

Modeikone im Interview : „Heute sehen alle gleich aus“

Ein Look ist nicht genug: Iris Apfel wohnt so eklektisch, wie sie sich kleidet. Bild: Foto Luis Monteiro

Die New Yorkerin Iris Apfel ist 97 Jahre alt und berühmt für ihren Look. Im Gespräch erzählt die Ikone von Aufträgen für das Weiße Haus, ihrem ältesten Kleidungsstück und der Brille als Modeaccessoire.

          Im Alter von 83 Jahren wurde Iris Apfel zur Stilikone. Das Metropolitan Museum of Art in New York widmete ihr damals, im Jahr 2005, eine Ausstellung mit dem Titel „Rara Avis“ – seltener Vogel. Damit begann für die Dame mit der markanten Brille, den vielen Armreifen, dem roten Lippenstift und den exzentrischen Kleidern ein neues Kapitel ihres Lebens.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es folgten ein Film über sie, viele Bücher, etliche Designer ließen sich von ihr inspirieren. Heute ist Apfel 97 Jahre alt und pflegt noch immer ihren eklektischen Stil. Mit ihrem Look ist sie nach Anna Wintour, der Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“, und deren Bob die wohl berühmteste New Yorker Modefrau.

          Gleichermaßen ist sie in einer Branche, in der Jugendlichkeit eigentlich eine der wichtigsten Währungen ist, eine seltene Stimme, der viele jüngere Menschen zuhören. Streng genommen ist sie seit 27 Jahren im Ruhestand. Aber was heißt das schon? Morgen erscheint ihr neues Buch auf Deutsch.

          Frau Apfel, wir erreichen Sie am Telefon, bei Ihnen ist es jetzt halb zwölf Uhr am Mittag. Darf ich fragen, was Sie gerade tragen?

          Einen weißen Bademantel. Ich bin zu Hause, da muss ich mich nicht zurechtmachen.

          Eines Ihrer Markenzeichen ist Ihre große Brille. Sie hatten schon etliche Gestelle, bevor Sie überhaupt eine Brille brauchten.

          Ich war schon als Kind der Meinung, dass Brillengestelle wichtig sind. Warum, weiß ich gar nicht, ich fand sie einfach immer dekorativ. Als ich älter wurde, habe ich sie dann als Modeaccessoire entdeckt.

          Die große runde Brille ist ihr Markenzeichen: Modeikone Iris Apfel

          Wie sind Sie zu Ihrem besonderen Stil gekommen?

          Ich habe das selbst erst vor einigen Jahren begriffen, aber meine Mutter hatte starken Einfluss auf mich. Sie war eine große Verfechterin von Accessoires, sie war der Meinung, dass Accessoires einem einzigen Outfit Hunderte von Veränderungsmöglichkeiten geben könnten, und sie hatte recht.

          Mit Mode hatten Sie von klein auf zu tun, Ihre Mutter hatte eine Boutique. Hat sie Ihnen etwas vererbt?

          Schmuck, Handtaschen, solche Sachen.

          Harold Koda, der damalige Leiter des Costume Institute am Metropolitan Museum, hatte 2005 erkannt, dass Ihr Stil museumsreif sein würde. War das der Punkt, an dem auch Sie gemerkt haben, dass Sie Menschen mit Ihrem Look faszinieren?

          In meiner Branche war ich gut bekannt, aber das war Raumausstattung, nicht die Mode. Auf der Straße kannte man mich nicht. Aber wenn jemand dann eine Ausstellung um einen herum organisiert, merkt man schon, dass die Menschen wohl interessiert daran sind, wer man ist und was man trägt.

          Was hat sich damit in Ihrem Leben verändert?

          Es hat mich zu einer öffentlichen Person gemacht, das war ich zuvor nicht. Mein Leben war privater, aber das bedeutet nicht, dass sich mein Freundeskreis verändert hätte; ich bin noch dieselbe Person wie früher, nur machen jetzt viele großes Aufhebens um mich.

          Mitten drin: Iris Apfel bei der Präsentation der Herbst-Kollektion 2016 von Swarovski in San Juan.

          Jahrzehnte zuvor, 1950, hatten Sie mit Ihrem Ehemann das Textilunternehmen Old World Weavers gegründet, das sich auf feine Stoffe spezialisierte. Über neun Amtszeiten hinweg belieferten Sie auch das Weiße Haus. Welcher Präsident, unter dem Sie gearbeitet haben, hatte guten Stil?

          Man arbeitet nicht mit dem Präsidenten oder der First Lady, sondern mit einer Kunst-Kommission. Bei den historischen Restaurationen im Erdgeschoss, die wir in erster Linie getätigt haben, ging es darum, alles Menschenmögliche dafür zu tun, um etwas in den Urzustand zurückzuführen, selbst wenn dieser potthässlich war. Es ist ein wunderschönes Haus mit wunderschönen Stücken, das Haus gehört den Menschen, es reflektiert nicht den Geschmack des Präsidenten oder seiner Frau.

          Gott sei Dank ist das nicht so, es wäre ein einziger Mischmasch, weil jeder einen anderen Stil hat. In der Wohnung in der oberen Etage ist das aber etwas anderes, da kann sich jeder einrichten, wie er mag. Da waren wir auch häufiger tätig, für viele verschiedene Präsidenten und deren Frauen: Lady Bird Johnson, Pat Nixon, sie war die Interessierteste von allen First Ladies, ihr war es wirklich wichtig, das Haus zu verschönern.

          Was hat sich im vergangenen halben Jahrhundert Ihrer Meinung nach grundlegend an der Mode verändert?

          Es gibt keine Kreativität mehr, jeder kopiert den anderen, alle sehen gleich aus. Individualität scheint heute ein schmutziges Wort zu sein. Es gibt so viele Auswahlmöglichkeiten, und trotzdem sehen alle aus, als würden sie in Uniform stecken. Hier tragen im Winter alle Frauen schwarze Stiefel, schwarze Strumpfhosen, schwarze Pullover und schwarze Daunenjacken. Dabei ist Farbe so wichtig, damit sieht man auch besser aus.

          Vielleicht ist Anpassung mittlerweile wichtiger als Abgrenzung. Wie war das bei Ihnen?

          Ich habe mir überhaupt nichts aus Abgrenzung gemacht. Ich habe mich einfach so gekleidet, wie ich Lust hatte. Mode ist für alle ein Ausdrucksmittel, und wenn Sie in derselben schwarzen Uniform wie alle anderen rumlaufen, sagen Sie der Welt: Ich bin wie alle anderen.

          Was ist das älteste Kleidungsstück in Ihrem Kleiderschrank?

          Ich habe noch ein Kleid, das ich anlässlich meines ersten Dates mit meinem Ehemann Carl getragen habe. Das war vor 71 Jahren. Es ist ein Nachmittagskleid von dem Designer Norman Norell, schwarz, sehr simpel, toll geschnitten, wunderschönes Material. Und es passt mir noch immer.

          „Accidental Icon – Stil ist keine Frage des Alters“ von Iris Apfel, Midas Collection, 176 Seiten, 25 Euro.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Never out of style Video-Seite öffnen

          Rueda-Schwestern : Never out of style

          Sie machen Mode, sie verkaufen Mode, sie tragen Mode: Die Rueda-Schwestern aus New York sind immer up to date. Die Fotografin Elise Jacob hat die ungewöhnlichen Damen lange begleitet.

          So schmeckt die Zukunft! Video-Seite öffnen

          Die Küche Westafrikas : So schmeckt die Zukunft!

          Mit einem Stück Kochbanane ein komplettes Menü revolutionieren? Beflügelt durch Migration und Vernetzung entdeckt die Welt die Aromen Westafrikas. In London inspiriert das Restaurant „Ikoyi“ mit Spitzenküche aus der Region.

          Topmeldungen

          Nach Mays Ankündigung : Brexit-Opfer

          Das Brexit-Thema wurde May wie zuvor schon Cameron zum politischen Verhängnis – und es ist eine Last, die auch die kommende Regierung nicht einfach abschütteln kann. Die EU allerdings auch nicht.
          Erst der Anfang: Dem „Spiegel“ stehen grundlegende Neuerungen bevor.

          Bericht zu „Spiegel“-Skandal : „Ein verheerendes Bild“

          Fünf Monate nach dem Bekanntwerden seines Fälschungsskandals hat der „Spiegel“ den Abschlussbericht seiner internen Untersuchung vorgelegt. Er offenbart eine Verkettung missachteter Warnungen.
          Kam 1996 auf den Markt: das Schmerzmittel Oxycontin

          Amerikanische Opioid-Tragödie : McKinsey berät Purdue nicht länger

          Die amerikanische Opioidkrise hat schon Tausende Amerikaner das Leben gekostet. Im Zentrum der Tragödie steht das Pharmaunternehmen Purdue. McKinsey hat nun die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen eingestellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.