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Politisches Kleidungsstück : Im Namen der Hose

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Handwerkerinnen führten den Kampf um die Hose in Paris an

Die Revolution hatte zwar alle ständischen Kleiderordnungen aufgehoben, so dass jeder anziehen durfte, was er wollte. Bis auf die eine Ausnahme: Frauen standen unter Hosenverbot. Die nachrevolutionäre Gesetzgebung trennte nicht die Klassen oder Stände so wie pantalon und culotte, aber Frauen und Männer dafür strenger als das Alte Testament, das immerhin beide Geschlechter gleichberechtigt unter Travestieverbot gestellt hatte. Hosen zu tragen war nach der Revolution ein männliches Privileg. Das Gesetz vom 17. November 1800 legte fest, wer die Hosen anhatte. Um Hosen zu tragen, brauchten Frauen handfeste Gründe - ein Pferd am Zügel zum Beispiel - und dazu noch die Erlaubnis der Polizei.

Marlene Dietrich im Smoking, Greta Garbo und Katharine Hepburn verhalfen der Hose zu stets zwiespältigem, aber umso unwiderstehlicherem Glamour.

Unternehmerinnen und Handwerkerinnen führten den Kampf um die Hose in Paris an. In Hosen konnten sie eine Druckerei leiten, in Hosen verdienten sie in Handwerksbetrieben doppelt so viel wie ihre Geschlechtsgenossinnen in Röcken. Aber die Polizei erlaubte Frauen die Hosen kurioserweise auch, wenn sie von Natur aus so männlich wirkten, dass sie in Frauenkleidern wie Transvestiten gewirkt hätten. Auch Schauspielerinnen und Schriftstellerinnen wie Rosa Bonheur und George Sand waren berühmte Hosenträgerinnen. Freie Frauen, Frauen, die selbst ihr Geld verdienten, nicht in die patriarchalische Ordnung eingebunden waren, sondern erotisch selbstbestimmt auftraten, trugen Hosen.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die femme travestie zwar noch irgendwie aufregend und anrüchig, mauvais genre, aber doch unaufhaltsam dabei, zum Normalfall zu werden. Das gesetzliche Hosenverbot für Frauen wurde in Frankreich seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht angewandt, aber erst 2013, als sich kaum jemand mehr daran erinnerte, tatsächlich aufgehoben.

Endgültig triumphierte die Hose mit dem Smoking von Yves Saint Laurent

So kam es, dass der Modeschöpfer Paul Poiret schon um die Jahrhundertwende den Versuch unternahm, die sogenannte Haremshose in die Haute Couture einzuführen. Diese erste Damenhose wurde ein Riesenflop. Noch führten Damen im Hosenrock überall in Europa zu Volksaufläufen. Chanel, schon vor dem Ersten Weltkrieg in weiten Matrosenleinenhosen unterwegs, war da erfolgreicher. Marlene Dietrich im Smoking, Greta Garbo und Katharine Hepburn verhalfen der Hose zu stets zwiespältigem, aber umso unwiderstehlicherem Glamour.

Endgültig triumphierte die Hose mit dem Smoking von Yves Saint Laurent 1966. Pierre Bergé soll gesagt haben, Chanel habe die Frauen befreit, an die Macht gebracht aber habe sie Yves Saint Laurent. Erst Ende der sechziger Jahre wurde es Frauen allmählich möglich, mit Hose ins Ritz zum Diner, mit Hose bei Harrods zum Shoppen zu gehen. Heute tragen Frauen an der Macht oft - und vielleicht zu oft - Hosenanzüge. Mittlerweile entzündet sich die Frage, wer die Hosen anhat, nicht mehr an der Hose, sondern am Rock. Darum hat man in Frankreich nun den "Journée de la jupe" ausgerufen. Männer und Frauen gehen an diesem Tag im Rock zur Arbeit und in die Schule. Warum nicht?

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