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Politisches Kleidungsstück : Im Namen der Hose

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Statue von Jeanne d’Arc in Paris: Klassenpolitik und Geschlechterpolitik wurden nicht durch die Blume, sondern durch die Hose artikuliert.

Unglücklicherweise verschleift das Deutsche den Unterschied, den die romanischen Sprachen machen: Zwischen culotte und pantalon liegen Welten. Nach diesen Hosen unterschieden sich die Parteien der Revolution. Die Revolutionäre aus Volk und drittem Stand trugen Beinkleider, wie sie die herrschenden Schichten vor der Revolution nie und nimmer angelegt hätten: diese eigenartigen Röhren, die man heute als Hosen kennt. Die hautenge Sexyness der culottes, noch für Flaubert ein Fetisch, wurde durch pantalons ersetzt, welche die Beine lose bedecken und nicht über oder unter dem Knie gebunden werden, sondern nach unten bis auf die Schuhe fallen.

Der Pantalone gab den pantalons ihren Namen

Philippe d'Orléans, ein prominenter Klassentravestit, ließ mit der culotte die Pracht des Ancien Régime hinter sich; er legte die langen röhrenartigen Beinkleider des dritten Standes an, die zum Signum des modernen Manns geworden sind und heute als die natürlichste Sache der Welt erscheinen. Ein Dandy, Beau Brummell, machte den pantalon in England zu Anfang des 19. Jahrhunderts salonfähig. Der Sybarit Edward VII. sorgte für den an sich harmlosen Hosenaufschlag. Fürst Metternich legte die culotte erst 1848 und vermutlich sehr schweren Herzens ab.

Die Sansculottes machten der feudalen männlichen Zurschaustellung den Garaus. Der Anblick der neuen Hosen war gewöhnungsbedürftig. Sie wurden nicht eben schmeichelhaft verspottet als Ofenrohre und Pasteur-Röhrchen. Der pantalon ist einer der wenigen Fälle in der Modegeschichte, in der eine Unterschichtenmode zur verbindlichen Mode für alle Schichten und zum Universalklassiker wurde: trickle up. Und es ist der wohl einzige Fall, bei dem ein Kleidungsstück in seinem Namen den Ausweis seiner schockierenden Lächerlichkeit mit sich herumschleppt.

Benannt sind die pantalons nach einer lächerlichen Figur der Commedia dell'arte, dem Pantalone, der seinen Namen roten Hosen verdankt, die bis auf den Fuß fallen. Heute würde man sagen, der Pantalone mache einen auf dicke Hose. Alt, geschäftstüchtig, geizig, aber immer hinter jungen Frauen her und von ihnen zum Narren gehalten, wird er von allen manipuliert, hält sich indessen nicht nur für unwiderstehlich, sondern für einen genialen Strippenzieher. Sexappeal verwechselt er mit dem prallen Geldbeutel, der gut sichtbar an seinem Hosenbund baumelt. Der Pantalone ist ein Hosenheld, der sich in seinem Eigeninteresse lächerlich macht. Er ist die Figur, die alle höfischen Werte ins Lächerlich-Bürgerliche verkehrt, das exakte Gegenteil des Cortegiano, des Hofmanns, wie er von Baldassare Castiglione beschrieben worden ist. Seine falsche Eleganz zeigt sich in Hosen, die es den Hosen der Aristokraten nachtun wollen - den Renaissance-Tricothosen, wie sie vorzüglich junge, schöne, langbeinige Männer trugen und die doch verschiedener nicht sein konnten. Denn Pantalones fielen glatt bis auf die Füße, wie es eine höfische Hose nie getan hätte. Der bürgerliche Geizhals und Lüstling ist eine eitle Modekatastrophe.

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