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Hip Hop : Die globale Konsumidee

  • -Aktualisiert am

Sonnenbrille, Jesus-Piece und Hoodie: Wir zeigen Ihnen, was den Hip Hopper ausmacht. Bild: Gottfried Müller

Hip-Hop und Mode, das sitzt. Sneaker in den Achtzigern waren die Vorläufer. Heute zitiert sogar Obama den Style von Jay-Z.

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          Steve Stoute liebt Hip-Hop, und er liebt Werbung. Aus diesem Faible hat er ein florierendes Unternehmen gemacht. Er berät zum Beispiel Jay-Z, den erfolgreichsten Rapper der Welt, in Sachen Marketing. Für eine Vortragsreihe interviewte Stoute den Hip-Hop-Star und Produzenten Pharrell Williams. Das ist dieser androgyn wirkende Schlaks, den man im Sommer permanent hören konnte, weil er die Stimme von „Get Lucky“ war, dem Superhit von Daft Punk. „Wie kam das noch mal zustande“, fragte Stoute, „diese Sonnenbrillen-Kollektion von Louis Vuitton?“ Und Williams erzählt, wie er „irgendein hohes Tier“ von Vuitton bei einer Modenschau getroffen habe. „Er sagte, er finde meine Brille cool, und ich erklärte ihm, ja, die erinnert mich an Notorious B.I.G. Und an Tony Montana aus ‚Scarface’.“ Stoute: „Verstehe ich das richtig: Louis Vuitton hat sich von einem Gangsta-Rapper und einem Koksdealer dazu inspirieren lassen, ins Brillengeschäft einzusteigen?“ Williams: „Yes, Sir.“

          Die Geschichte illustriert, was Hip-Hop heute ist: nicht mehr Jungs, die baggy pants und Baseball-Kappen tragen und per Mikro ihre Reime abfeuern, sondern eine Kulturform, ein Wirtschaftszweig, ein Stück amerikanischer Folklore und eine globale Konsumidee. Die größten Stars des Genres haben sich vom ursprünglichen Erscheinungsbild, das am Sport orientiert war, weitgehend gelöst: Jay-Z tritt in Videos neuerdings im Smoking auf, Kanye West erscheint auf der Bühne in Damenblusen und skinny jeans. West ist überhaupt der größte fashion victim der Szene: Nach einem Praktikum bei Fendi hatte er ein Job-Angebot bei Versace, das er aber ausschlagen musste, weil er schon bei Louis Vuitton unter Vertrag war. Mittlerweile hat er eine eigene Damen-Kollektion lanciert. Außerdem mistet er vor laufender Kamera den Kleiderschrank seiner Freundin Kim Kardashian aus.

          Modegeschichte des Hip-Hop

          Turnschuhe trägt er aber weiterhin, es gibt sogar ein Nike-Modell von Kanye West. Das ist historisch vollkommen stimmig, weil der Sneaker wirklich an der Basis und am Anfang der Hip-Hop-Mode steht. Die zentrale Szene fand 1986 bei einem Konzert der Rapgruppe Run DMC in Philadelphia statt: Die Band forderte beim Song „I Love my Adidas“ ihre Fans auf, die Sneakers in die Luft zu halten. Der Manager der Gruppe schickte einen Videomitschnitt des Auftritts an die Leute in Herzogenaurach, und die waren so begeistert, dass sie sofort eine Run-DMC-Edition auflegten.

          Anfang der Neunziger ging die Fußarbeit weiter. Rapper entdeckten die Marke Timberland, vor allem den yellow boot, einen wasserdichten sandfarbenen Stiefel. Die robusten Schuhe, ohne Schnürsenkel getragen, passten perfekt zur Kollektion von Karl Kani, einem schwarzen Modemacher, der seinen Stil selbstbewusst ghetto chic nennt. Zur gleichen Zeit brannten in Los Angeles die Elendsviertel, Aufstände gegen eine rassistische Polizei, die von der Justiz gedeckt wurde. In dieser Zeit radikalisierten sich die berüchtigten Gangs der Westküste. Auch sie trugen zur Modegeschichte des Hip-Hop bei. Tattoos sind Pflicht, die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Lager wird außerdem mit farbigen Hals tüchern signalisiert. Blaue für die Bloods, rote für Cribs.

          Es zählt das Label, das drauf klebt.

          Der Rapper Snoop Dog war bei den Cribs. Bis in die nuller Jahre trat er in den blauen Stammesfarben auf. Dann wurde ihm die Gangster-Folklore peinlich. Es wirkt seltsam, wenn man den Tag mit Managern und Dienstboten verbringt, aber so tut, als sei man in einer Wellblechhütte in L.A. zu Hause. Doch die von Gewalt und Ausgrenzung geprägte Geschichte der Afroamerikaner bleibt in die Stile eingenäht wie ein Innenfutter, das immer wieder aufblitzt.

          Selbst die ironischen Inszenierungen eines Dapper Dan belegen das. Der New Yorker Schneider fabrizierte Anfang der Achtziger Leder parkas mit fuchspelzbesetzten Riesenkapuzen und bedruckte sie mit Chanel-Logos. Die besten Kunden waren Dealer, die in geheimen Innentaschen ihren Stoff versteckten. Irgendwann merkten die Modefirmen, was der Mann da treibt in Harlem, und verklagten ihn. Dapper Dan musste die Produktion einstellen, aber die Welt war um ein Modekonzept reicher. Nicht das Kleidungsstück zählt, sondern das Label, das draufklebt. Das fett platzierte Markenlogo wurde stilprägend.

          Futuristische Steppjacken und Synthetik-Hosen

          Exklusive Kleidung zu tragen, das ist für die Aufsteiger aus den Ghettos eine Machtdemonstration. Und bevor es ins Ironische gewendet wurde, steckte in dem Markenbohei sogar eine soziale Utopie. Nagelneue Adidas-Sneakers, ein leuchtendes Kangol-Hütchen oder die blitzende Gürtelschnalle von Gucci – so ein Outfit sagte: Ich bin nicht von dieser Welt, nicht aus diesem schmutzstarrenden Elendsort, durch den Weiße nicht mal mit dem Auto fahren. Zur Hochzeit der Reagan-Administration kam deshalb Ski-Bekleidung in Mode. Man trug Steppjacken und Synthetik-Hosen, weil sie futuristisch wirkten. „Die Zukunft war ein Versprechen für diese Großstadt-Kids, eine kommende Zeit der Klarheit und Kontrolle, während die Vergangenheit von Unterdrückung geprägt war“, schreibt die Fotografin Martha Cooper in ihrem exzellenten Fotobuch „Hip Hop Files“.

          Mittlerweile hat Amerika einen schwarzen Präsidenten, sogar in zweiter Amtszeit, und die einstigen Dealer von der Ecke sind Unternehmer mit luxuriösen Eckbüros. Obama liebt Hip-Hop, sicher auch, weil man damit junge Wählergruppen erreichen kann. Ob er Adidas-Sneakers im Schrank hat, ist nicht verbürgt. Aber sein Gespür für das Inszenatorische am eigenen Auftritt, also für Mode, ist enorm. Bei einer Wahlveranstaltung sprach er davon, wie man mit Anfeindungen des poli tischen Gegners umgeht, und ahmte eine berühmte Geste von Jay-Z nach: Er fächelte sich einen imaginären Fussel von der Schulter. Klarheit und Kontrolle: So weit gehen Hip-Hop und seine Moden.

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