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Londoner Modewoche : Goldknöpfe für die Blütezeit

Kulturen-Mischmasch: Mary Katrantzou Bild: AFP

Die Zeiten, da London als Modestadt Außenseiterstatus hatte, sind vorbei. Die jungen Designer aus der britischen Hauptstadt sind die neuen Stars der Mode – und ihre Schauen die Highlights im Modewochenzirkus.

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          Wenn jemand weiß, wie Mode mit Stolz und Würde aussieht, dann ist es Nabil Nayal. Der junge Designer unterhält in London sein Label – und schreibt zugleich an der Universität Manchester eine Doktorarbeit zum Thema Mode im Elisabethanischen Zeitalter. Es waren Shakespeares Jahrzehnte, als das britische Königreich wirklich immer größer wurde, und sich der Stolz einer Nation unter Elisabeth I. bis in die Kleider vorarbeitete. Man sieht es nicht nur in Geschichtsbüchern, sondern auch hier, in einer angemieteten Wohnung in South Kensington, die Nayal für die Präsentation seiner elisabethanischen Mode nutzt. Man erkennt das Thema der Doktorarbeit: Die Hemden haben plissierte Stehkragen und Ärmel wie Flügel; an den Hosen haften Schleppen; die Stickereien sind Hexerei-Dessins – „damals ein großes Thema“, sagt Nayal. Es könnten Kostüme sein, würde Nayal nicht mit so leichter Hand arbeiten, dass daraus Mode wird, die so konzeptuell wie kommerziell ist.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Blütezeit-Mode, sie ist nicht nur hier ein Thema. Man begegnet ihr nicht bloß mit einem Blick auf Nayals Hemdblusenkleider, die auch Frauen überzeugen dürften, die lieber Hosen statt Röcke tragen. Aus Großbritannien schwappen zur Zeit nicht die besten Nachrichten herüber, denkt man an die Diskussion um die Willkommenskultur oder die Wahl des Hardliners Jeremy Corbyn an die Labour-Spitze. Modisch erlebt London aber gerade eine echte Blütezeit, die an die Zustände im Königreich unter Elisabeth I. erinnert. Nirgends sonst können sich junge Designer so entfalten wie hier – und ihre Arbeiten trotzdem überall auf der Welt verkaufen. Natürlich blüht die Londoner Mode nicht erst seit dieser Saison, aber jetzt ist die Stimmung besonders gut – mit mehr Schauen-Highlights pro Fashion-Week-Tag als in New York, Mailand oder Paris.

          Das Interesse ist so groß, dass junge Designer schon wenige Jahre nach Gründung erste eigene Stores eröffnen – an einer der teuersten Straßen von London, der Mount Street. Hier steht Simone Rocha, geboren 1986, Gründung 2010, nun am Sonntagabend im Souterrain ihres brandneuen Shops. Anderthalb Jahre sei sie auf der Suche nach passenden Räumen gewesen, sagt sie. Ihre Nachbarn sind Christopher Kane (Gründung 2006), Erdem (2005) und Roksanda (2005). Aber wenn die Frühjahrs-Kollektion, die Simone Rocha präsentiert, hier eintrifft, dann sind das dennoch keine gefälligen Verkaufs-Teile, sondern Stücke mit so viel Charakter, dass sie dem Laden ein Gesicht geben: Kleider aus gehäkelten Gummibändern, Kleider mit bedrohlich großen Schleifen, zuckersüße Seidenkleider, auf denen sich mal schwarze Macramé-Seile hart absetzen, mal die typischen Rocha-Rüschen schlängeln.

          London als Schlüssel-Modestadt neben Paris?

          Wer sich Bilder ihrer früheren Kollektionen anschaut, erkennt, wie Rocha dort hingekommen ist – und wie sie selbst über den kurzen Zeitraum von fünf Jahren immer besser wurde. Denn ob die jungen Designer nun Fünf- oder Zehnjähriges feiern, das haben sie gemeinsam: In London scheinen sie hinreichend gefördert zu werden und gefordert zu sein, so dass sie nicht auf der Stelle treten. In Zukunft könnte sich das Tempo sogar noch erhöhen, denn eine ihrer wichtigsten Stimmen, Natalie Massenet, hat sich bei Net-a-Porter ausgeklinkt und wird mehr Zeit haben, um sich als Vorsitzende des British Fashion Councils modepolitisch einzumischen. Schon einmal hat sie das scheinbar Unvorstellbare geschafft, als sie mit Net-a-Porter Menschen trainierte, Spaß am Einkauf von Luxusmode im Internet zu haben. Da kann es nur ihre nächste Mission sein, London neben Paris als Schlüssel-Modestadt zu etablieren.

          Die Zeiten, da London Außenseiterstatus hatte, sind jedenfalls vorbei. Vor fünf Jahren mögen die Shooting-Stars der Mode die amerikanisch-asiatischen Designer in New York gewesen sein. Heute sind die Stars aus London und heißen: Roksanda, deren aktuelle Kollektion weniger mit colourblocking als mit Volumen spricht; oder Christopher Kane, dessen Extreme mit der Schau im 35. Stockwerk auf Augenhöhe sind, die Cut-Outs sind Löcher, die Fransen dicke Kämme, die Drucke eine Übung in Sprühfärberei, die Haargummis Kabelbinder, die Neontöne auf Spitze blendend grell; oder Erdem, der in den bestickten Blumenkleidern mit Riesen-Volants die Kostbarkeit schon eingewebt hat, ihre künftigen Besitzerinnen wissen nur noch nichts davon.

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