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Herrenmode : Eine kleine Revolution

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Auch Rick Owens interessiert sich mehr für die Zukunft als für die Vergangenheit. Seine Mode entsteht nicht aus rückwärtsgewandten Abverkaufsanalysen, sondern aus seiner ganz subjektiven Vision der Zukunft. So zeigt er diesmal keinen einzigen seiner Bestseller. Alles ist neu: Statt enger Lederjacken mit schrägen Reißverschlüssen gibt es ausgestellte Matrosen-Cabans aus Filz, statt fließender Jerseys jetzt Grobstrick mit schräg laufendem Zopfmuster, statt minimalistischer Einknopf-Gehröcke brachiale zweireihige Militärmäntel. Einige dieser Kleidungsstücke drapiert Owens so ungewöhnlich auf dem männlichen Körper, dass ihre aufgestellten Krägen die Penisse seiner Models rahmen. Warum? Das erklärt er später ungefähr so: Er tut es, weil er es kann. Und weil die meisten es eben nicht mehr können. Rick Owens ist einer der wenigen erfolgreichen Designer, die noch nicht zu einem Luxuskonzern gehören. Er ist sein eigener Herr. Er kann machen, was er will, und er macht, was er will. Nichts von seiner Mode ist trendy, und doch trifft es den Nerv der Zeit. Nichts entspricht dem gängigen Ideal, weder die sperrige Kleidung, noch das schräge Street-Casting, und schon gar nicht Michele Lamy, die die Gäste begrüßt, und Rick Owens selbst, der ihnen zum Abschied winkt - und doch ist all das schön und würdevoll.

Lächerlich ist das neue Cool

Auch Martin Margiela war einmal anders. Wie Rick Owens besaß er die Gabe, das Schöne im Hässlichen zu entdecken und den Wert des vermeintlich Wertlosen zu zeigen. Er hat sein Unternehmen verkauft und sich zurückgezogen. Wie einst Margiela, so finden auch seine namenlosen Nachfolger witzige Sachen auf dem Flohmarkt. Aber ohne das kluge Upcycling durch den Gründer kommt leider nur noch eine bad taste party dabei heraus: stampfende Musik, grüne Lasershow, Schlaghosen, Lurexpullover, Disco-Stiefeletten, ostige Kunstlederjacken. Unmodisches ironisch wiederzubeleben erfordert eben Intelligenz und gutes Timing. Beispiel Nadelstreifen: Der Gordon-Gekko-Look war immer eine Konstante in der Männermode. Bis man 2008 die Banken für die Finanzkrise verantwortlich machte. Da wollten dann selbst die Broker nicht mehr wie Broker aussehen. Heute kann man schon wieder darüber lachen: Als Klischee des Konservativen bildet der Streifen den Kontrast zu gewagten Schnitten und findet sich jetzt auf Bomberjacken und Cargo-Hosen (Juun.J), Jogginghosen (Hermès), Männerröcken (Givenchy), Capes (Kenzo).

Dass bei einem Mann im Jahr 2015 gekonnte Ironie souveräner wirkt als tierischer Ernst, haben auch die coolsten der Coolen erkannt: Wenn Rick Owens seine Männer in Grobstrick-Stramplern über den Laufsteg schickt, dann nicht, weil er verrückt geworden ist. Und wenn Boris Bidjan Saberi seine Models in große Spielhosen steckt, dann weiß er, was er tut. Wer wirklich cool ist, geht jetzt nicht mehr auf Nummer sicher, sondern auf Risiko. Wenn Cool das neue Lächerlich ist, dann ist Lächerlich das neue Cool.

Pharrell Williams bei der Grammy-Verleihung mit einem übergroßen buffalo hat; Julian Schnabel auf dem roten Teppich im Pyjama; Jamie Hince auf seiner Hochzeit in einem babyblauen Anzug. Ist das lächerlich? Uncool? Nein. Im Gegenteil: Das ist ultra-cool. Lächerlich ist nur, wer in der ständigen Angst lebt, etwas Uncooles zu tragen oder zu tun.

Zwei Männer bekommen dieselbe Aufgabe: „Setz einen Papierhut auf, und stell dich auf einen Stuhl.“ In ihrem Film „Männer“ stellte Doris Dörrie 1985 die Frage, wer von den beiden der wahre Mann ist: A) Der, der sich weigert. Oder: B) Der, der es einfach macht. Vor 30 Jahren war die Antwort noch „A“. Jetzt ist es, ganz klar, „B“.

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