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Modemesse Pitti Uomo : Neue Ideen für die Luxusmode von morgen

Mitternacht über dem Palazzo Gondi in Florenz

Besonders eine Nachricht hat die italienische Modebranche in den vergangenen Wochen aufgeschreckt: Gian Giacomo Ferraris, der Versace als Geschäftsführer zu kräftigem Wachstum verholfen und auf einen Börsengang vorbereitet hat, wurde sang- und klanglos abgesetzt. Auf seinem Stuhl sitzt seit diesem Monat Jonathan Akeroyd, der von der viel kleineren Marke Alexander McQueen kommt. Dass man in immer neuen Konstellationen von Geschäftsführern und Designern sein Glück sucht, ist nicht neu: Nach Gucci und Bottega Veneta im vergangenen Jahr wechseln nun auch die Lederwarenhäuser Ferragamo und Furla ihre Spitze aus. Aber dass ein so erfolgreiches Team wie Gian Giacomo Ferraris und Donatella Versace, die der Marke 2015 einen Umsatzsprung um 17,5 Prozent auf 645 Millionen Euro einbrachten, aufgelöst wird – das bringt viele Manager ins Grübeln.

Nur einen nicht: Brunello Cucinelli. Der Kaschmir-Milliardär aus Umbrien will von den Schwierigkeiten Italiens gar nichts hören. „Wir haben jetzt eine ganz neue Generation in der Politik, alle um die 40 Jahre alt. Sogar meine Investoren sagen mir, dass sie mit der Regierung zufrieden sind.“ Der Unternehmer sieht sogar positive Folgen der wirtschaftlichen Dauerkrise in seinem Land: „Der Konsumismus ist tot. Die Leute wollen nicht mehr verbrauchen, sondern gebrauchen.“ Und was sagt er seinen Investoren, falls er mal nicht mehr wachsen sollte? „Es kommt doch auf die Menschheit an. Konsumismus ist der Gegensatz zur Zivilisation.“ Cucinelli, der seinen Umsatz im vergangenen Jahr auf 414 Millionen Euro steigerte und auch in diesem Jahr zweistellig wachsen will, meint: „Übergroßes Wachstum hat keinen Sinn.“

„Als Land der Manufakturen exklusive Produkte herstellen“

Den Unterschied zu Marken, bei denen es schlechter läuft, erkennt er im „Made in Italy“. Denn: „Im Ausland produzieren zu lassen ist kein Luxus. Als Land der Manufakturen müssen wir exklusive Produkte von bester Qualität herstellen.“ Was er mit diesem Beharren auf der Tradition ausstrahlt, erlebte er jüngst in seinem abgelegenen Dorf Solomeo, das er zu einem Vorzeigeort umgebaut hat: An einem Sonntag kamen zwei Busse mit Asiaten, die zur Verwunderung der Bewohner alles fotografierten.

Italienische Marken wie Dolce & Gabbana antworten ähnlich auf die Frage nach der Zukunft – und bauen erfolgreich die „Alta Sartoria“ aus, die teure Maßfertigung für Männer. Philippe Brenninkmeijer, einst als Spross der Textildynastie bei C&A und neuerdings CEO der Londoner Marke Huntsman, bestätigt den Luxus-trend: „Wir sehen ein Wachstum, das ich nicht für möglich gehalten habe.“ Die Kunden an der Savile Row wollten sich abgrenzen, sagt er, und legten viel Wert auf Handarbeit und Details.

Karl Lagerfeld betrachtet auf der Herrenmodemesse in Florenz seine im Palazzo Pitti ausgestellten Bilder.

Die Faszination fürs Handwerk teilen zahlreiche deutsche und französische Marken, die in Italien fertigen lassen. So ist der Krawattenmacher Sascha Blick vom Niederrhein begeistert von den alten Holzwebstühlen, auf denen er seine Stoffe herstellen lässt. Claudio Marenzi, Chef der italienischen Marke Herno, arbeitet sogar mit Maschinenbauern zusammen, um die Produktion seiner Mode zu verbessern. Wie Cucinelli lässt auch er sich nicht durch politische Nachrichten schrecken.

Die Schwierigkeiten der Branche grundsätzlich angehen

Allein in diesem Jahr wird Herno drei Geschäfte in Russland eröffnen. Marenzi sagt: „Es wird sich auszahlen, denn dieses Land kommt zurück.“ Innovationen findet man beim Pitti an jedem zweiten Stand – von den Jacken aus Thermo-Stretch bei Herno über die Rollkoffer mit Aufladefunktion fürs Handy von Piquadro und die Jacken aus künstlichen Daunen von Closed bis zu den Sonnenbrillen mit Seidenmuster des Frankfurter Accessoire-Designers Jörg Broska.

Die Schwierigkeiten der Branche werden auch grundsätzlich angegangen. So berät Norbert Tillmann, der einst die Modemesse Premium mit aufbaute, nun Modefirmen dabei, die Vertriebswege zu verkürzen und nicht so viel Ware am Ende der Saison abschreiben zu müssen. Schneller und effizienter werden viele Marken werden müssen, um mit Zara, H&M und Primark konkurrieren zu können, die von der Beschaffung über die Herstellung bis zum Verkauf alles in der Hand haben. Es scheint also nur zwei Lösungen zu geben für die italienische Modekrise: schneller und besser zu werden.

Sieht so die Herrenmode von morgen aus? Zwei Männer bei der Modemesse in Florenz

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