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Chefdesignerin von Hermès : Sie macht es passend

Sie war eben gut vorbereitet auf ihren Job. Es begann schon in ihrer Kindheit im unglamourösen Norden Frankreichs. „Als Jugendliche habe ich den Kleiderschrank meiner Mutter durchgewühlt und hatte ein fast schon fetischistisches Verhältnis zu Kleidungsstücken und ihrer Herstellung.“ Die Eltern waren besorgt, als die Tochter ihnen eröffnete, sie wolle Designerin werden. „Heute klingt dieser Berufswunsch normal. Aber vor 20 Jahren war das wirklich noch abenteuerlich.“

Die Deutschen waren die Coolsten an der Schule

Gleich nach dem Abitur ging sie in ein Kraftzentrum der Mode, an die Königliche Akademie in Antwerpen. Die Schule mit der so strengen Leiterin Linda Loppa und die Atmosphäre in der Stadt mit all den Designern von Dries van Noten bis Walter Van Beirendonck prägten sie. „In der Akademie ging es um Individualität. Denken Sie nur an Bernhard Willhelm, der zwei Klassen über mir war – er fasst in seiner Mode das Beste aus Deutschland zusammen.“ Und, Achtung, Überraschung: „Überhaupt waren die Deutschen die Coolsten an der Schule.“

So diskret wie weiblich, so pragmatisch wie phantasievoll: Entwürfe von Nadège Vanhee-Cybulski für Hermès für das kommende Frühjahr. Bilderstrecke

Dann ging sie ins andere Kraftzentrum, nach Paris, zu Martin Margiela, dem großen Unbekannten der Mode, der von 1997 bis 2003 als Vorgänger Gaultiers auch für Hermès designte. „Das war eine gute Schule. Er hatte einen tollen Blick für Silhouetten und für Styling.“ Was sie gelernt hat bei ihm und bei ihren folgenden Stellen bei Céline und The Row, der Marke der Olsen-Zwillinge? Sie überlegt lange. Ihre Antwort verrät, dass sie vor allem Demut gelernt hat: „Ich würde nicht sagen, dass ich immer einen guten Geschmack habe. So arrogant bin ich nicht. Mein Stil ist es, offen zu sein.“ Anders ausgedrückt: Sie arbeitet – auch das unterscheidet junge Designerinnen von alten Männern – gut und gerne im Team.

Bei mir geht es um Schönheit

In einem großen Haus wie Hermès ist Anschlussfähigkeit wichtig. Sie ist nur fürs Prêt-à-porter zuständig, also nur für die Damenbekleidung, die neben all den Taschen (und der Herrenmode) nur einen kleinen Umsatzanteil ausmacht, der gleichwohl wichtig ist fürs Markenimage. Für die Taschen zum Beispiel gibt es ein eigenes Team. „Man kann nicht gut in allem sein“, meint sie. „Man braucht Fachleute. Sie arbeiten an ersten Entwürfen, stellen sie mir vor, dann reden wir darüber. Und wenn ich sage, ich hätte gerne das und das, dann machen sie es einfach.“

Es scheint zu funktionieren. Als während des Gesprächs plötzlich ihr Chef Axel Dumas – Mitglied der Gründerfamilie und Geschäftsführer der Marke – in den Raum kommt, drückt er sie herzlich. „Klar bin ich zufrieden mit ihr“, sagt er. Und als er gegangen ist, meint sie: „Die Familie Dumas ist ziemlich einzigartig, weil sie so viel Respekt vor dem Design hat. Sie geben uns wirklich viel Zeit und Möglichkeiten, uns auszudrücken.“ Mit „uns“ meint sie auch Designerin Véronique Nichanian, die schon seit fast 30 Jahren die Herrenmode verantwortet, und Pierre Hardy, der seit 16 Jahren Schuhe und Schmuck entwirft.

Was sie damit wohl auch sagen will, aber natürlich nicht sagt: In anderen Konzernen dieser Größe geht es nicht mehr so menschlich zu. Überhaupt bleibt sie vage in manchen Aussagen. Auf die Frage, ob die vielen schwarzen Models in ihren Schauen auch ein politisches Statement seien, sagt sie: „Das wäre doch traurig: zu sagen, dass ein Casting politisch ist. Bei mir geht es um Schönheit.“ Und auf die Frage, ob das Marmormuster der Taschen ihre Idee war, meint sie: „Es war ein Austausch, ein dauerndes Gespräch mit den Fachleuten. Es ist nicht das Kind von irgendwem, sondern es geht um einen großen Schaffensprozess.“

Ihr Versuch, sich nicht festzulegen, wirkt sich im Design aus. Das ist nicht so klar zu definieren als Formexperiment wie bei Margiela oder als Verführungsspiel wie bei Gaultier. Sie vermeidet eben Rollenzuschreibungen, also Klischees. Nadège Vanhee-Cybulski passt sich sogar so gut ein, dass sie selbst gar nicht richtig berühmt wird. Neulich wurde sie in Japan von der Mitarbeiterin eines Hermès-Geschäfts zurechtgewiesen: „Bitte keine Fotos machen.“ Für sie war das ein gutes Zeichen: „Sie kannte mich nicht.“

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