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Haute Couture Paris : Traumverlorener Feminismus

Mit Rundungen und lustigen Federbüschen: Karl Lagerfeld ließ sich für das Kleid seiner derzeitigen Muse Lily-Rose Melody Depp von einer Figur des Bildhauers Giacometti inspirieren. Bild: AFP

Die Couture in Paris weckt romantische Gefühle – um die Kleider besser zu vermarkten. Auf einer Schau wäre sogar etwas für die neue First Lady Melania Trump dabei.

          Die überraschendste Neuigkeit der Pariser Couture-Woche kommt aus New York. Als die Fachleute am Montag „Women’s Wear Daily“ lesen, springen ihnen auf dem Cover und auf vier weiteren Seiten im Innenteil ganzseitige Anzeigen der neuen Linie „Calvin Klein By Appointment“ entgegen. Statt über die Couture-Premiere der Dior-Designerin Maria Grazia Chiuri am Montagnachmittag wird also erstmal über die Pläne von Raf Simons für die New Yorker Marke geredet.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Anzeigen sind gleich in mehrfacher Hinsicht genial und böse. Denn der Coup kommt überraschend. Erst am Sonntag wurde die alltagstaugliche Couture-Linie des vor allem für seine Unterwäsche bekannten Labels in einer Guerrilla-Marketingaktion angekündigt. Raf Simons, der Vorgänger von Maria Grazia Chiuri bei Dior, stiehlt ihr nun die Schau – vor seiner Premiere für Calvin Klein in New York am 10. Februar. Seht her, will der belgische Designer damit sagen: Ich bin zwar nicht mehr in Paris, aber ich bestimme auch von New York aus die Agenda.

          Dominanzgebaren der Konzerne

          Die Strategie ist in Paris bekannt. Bernard Arnault, der Chef von LVMH, dem größten Luxuskonzern der Welt, verkündet auch gerne Neuigkeiten an Tagen, an denen eine Modenschau des konkurrierenden Kering-Konzerns stattfindet. In diesem Fall geht es ebenfalls um Dominanzgebaren: Der amerikanische Calvin-Klein-Eigner PVH will beweisen, dass er in der gleichen Liga wie Bernard Arnault und Kering-Chef François-Henri Pinault spielt – oder zumindest spielen möchte.

          Maria Grazia Chiuri lässt sich auf der ersten Top-Schau der Woche nichts anmerken. Die italienische Designerin, die bei Valentino groß wurde und Valentino mit ihrem Designpartner Pierpaolo Piccioli größer machte – sie schließt an beide an, den Abendkleid-Zauberer Valentino und den Nachkriegs-Couturier Christian Dior, dessen präfeministisch floralen Merksatz sie zitiert: „Nach den Frauen sind die Blumen die göttlichsten Geschöpfe.“ Die erste Dior-Couture-Schau einer Frau macht da weiter, wo Raf Simons aufgehört hatte. Auch er liebte spektakuläre Blumenarrangements. Maria Grazia Chiuri lässt die Gäste durch ein Labyrinth von Hecken gehen, bevor sie in das mit Grün ausgekleidete Zelt im Garten des Musée Rodin kommen. Auch der Laufsteg ist ein Irrgarten, also eine Allegorie für den schwierigen Weg in dieses mythenbeladene Modehaus: „Ich habe noch viel zu lernen hier“, sagt sie nach Schau. „Man weiß nicht in wenigen Monaten alles über Dior. Es gibt hier noch so viel zu entdecken. Schritt für Schritt versuche ich diese Marke zu erfassen.“

          Der gewundene Laufsteg ist auch gut für dramatische Chiffoneffekte in den Kurven, für den rechten Schwung elfenhafter Organzakleider und opulenter Plissees. Die Prinzessinnen-Parade wirkt mit den mächtigen Krinolinen und den Plisseebergen wie aus einer anderen Zeit – nämlich aus den fünfziger Jahren, der großen Zeit Monsieurs. Gefeiert wird am Abend auch noch ein Maskenball. Gut und schön. Aber ist das nicht alles von – gestern? „Nein“, ruft Bianca Jagger, die noch ganz beseelt ist von der Schau. „Das war das Design einer Frau. Dies ist das Zeitalter der Frauen. Am Wochenende hat man es an den Protesten gesehen. Und nun, zwei Tage später, diese Kollektion: Das passt. Maria Grazia ist eine wunderbare Symbolfigur für diese Marke und für Frauen insgesamt.“

          Maria Grazia Chiuri nennt ihre Kleider „zugleich traumverloren und tragbar“. Vielleicht spricht aus alledem zu viel Demut gegenüber der Historie. Vielleicht glaubte sie aber nach ihrem geradezu feministischen Dior-Auftakt im Oktober, nun ein bisschen romantischer werden zu dürfen. Immerhin liefen an den Frauen in der ersten Reihe mit den Prêt-à-porter-T-Shirts („We should all be feminists“) auch Klassiker wie die Bar-Jacke und weite schwarze Hosen in leicht interpretierter Form vorbei.

          Prinzessinen-Schau bei Dior

          „Wir brauchen heute Träume und Überraschungen“, sagt Dior-Geschäftsführer Sidney Toledano zu der Kollektion. Die Marketingfloskel hat ihren Sinn nicht nur als Antidot zur stürmischen politischen und wirtschaftlichen Lage. Auch die Preise der Couture – kaum ein Kleid gibt es für unter 20000 Euro – verlangen nach überstarken optischen Reizen und einem emotionalen Überbau. „Früher kamen Couture-Kundinnen nur aus Europa oder Amerika. Heute ist es globalisiert“, sagt Toledano über den Aufschwung der Maßschneiderei. Das heißt auch, dass man mit allgemeinverständlicher opulenter Formensprache das Verlangen wecken muss. Die Kundinnen werden zwar auch alle älter, aber nicht weniger. Denn nun kommen eben die Reichen aus Weltgegenden wie Russland, China oder Südamerika hinzu, wo die starke sozioökonomische Spreizung für eine verlässliche Couture-Klientel bürgt.

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