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Haute Couture in Paris : Früher war alles schöner

Wie ein Spaziergang an der Seine: Chanel lässt seine Models im Grand Palais an Buchhändlern und am Institut de France vorbeidefilieren. Bild: AFP

Die Haute Couture baut auf Tradition und besinnt sich wieder auf ihre Herkunft. Nach Jahrzehnten der Misere blüht die Schneiderkunst wieder auf – und war nie so retro wie heute.

          Der Bouquiniste muss sich mit einem Buch Luft zufächeln. Wegen Vittoria, Tami, Meghan, He und Adrienne, die an ihm vorbeiziehen? Oder wegen der knallenden Sonne? So oder so: Den langen Morgen im Grand Palais wird er nie vergessen. Denn die Szene stand dem Händler, der normalerweise an seinem Stand am Fluss Bücher und Postkarten verkauft, in keinem Buch geschrieben.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Eine Couture-Schau als nachgestellter Spaziergang an der Seine – das ist vielfach bezeichnend. Erstens: Es gibt sie noch, die Bouquinistes, die Buchhändler mit ihren grünen Buden. Wobei der Erfinder dieser Schauen-Szene nicht mehr hingeht. „Als Schüler habe ich bei den Bouquinistes noch was gefunden“, sagt Chanel-Chefdesigner und Buch-Liebhaber Karl Lagerfeld nach der Schau. „Aber jetzt gibt’s da nur noch Sachen für Touristen.“ Das Angebot müsste er kennen: Wenn er aus seiner Privatwohnung hinabblickt, kann er sie unten am Quai sehen.

          Zweitens: Paris-Szenen eignen sich gut als instagramfähiger Hintergrund für Modenschauen; auf den Stühlen der Buchhändler lassen sich vor und nach den beiden Chanel-Defilees viele Gäste abbilden. Drittens, das ist die modische Pointe: Die Haute Couture besinnt sich auf ihre Herkunft, also auf die Stadt, in der bis vor einem halben Jahrhundert die maßgeschneiderte und handgefertigte Mode dominierte – bevor das seriengefertigte Prêt-à-porter der schönsten angewandten Kunst die Schau stahl.

          Die Marken suchen den öffentlichen Raum

          Nach Jahrzehnten der Misere blüht die Couture wieder. Neue Märkte wie China, der Mittlere Osten und Südamerika kommen hinzu, immer mehr Reiche auf der Welt können sich 20.000-Euro-Kleider leisten, das Statusdenken nimmt durch die wachsende Ungleichverteilung noch zu, und der demonstrative Konsum ist besonders in neuen Märkten ausgeprägt – einen schön schlichten Damen-Smoking wie bei Yves Saint Laurent hat man in der Couture lange nicht mehr gesehen.

          Bilderstrecke

          Der Chanel-Vorstandsvorsitzende Bruno Pavlovsky führt den Aufschwung auch auf erfolgreiche jüngere Frauen in den Vereinigten Staaten zurück, die sich vom eigenen Geld selbst etwas Besonderes gönnen. Die erste Reihe bei Chanel im Grand Palais ergänzt das Bild allerdings um Chinesinnen und Russinnen, deren Gönner in der zweiten Reihe sitzen. Gleich mehrere Frauen haben ihren Hund dabei, der dem Defilee gelangweilt im Chanel-Körbchen beiwohnt.

          Die Schauen im Glaspalast sind übrigens nur noch einige Saisons lang möglich. Vom Januar 2021 an wird Chanel die spektakulären Inszenierungen mit einem anderen Wahrzeichen von Paris verknüpfen; dann sollen sie in einem eigens errichteten Riesenzelt auf den Marsfeldern am Eiffelturm stattfinden.

          Überhaupt suchen die Marken den öffentlichen Raum: Schiaparelli in der Oper, Dior im Musée Rodin, Armani Privé in der italienischen Botschaft, Givenchy im Park der Archives Nationales: So bekommen sie die gewissermaßen offiziöse Beglaubigung ihrer privatwirtschaftlichen Interessen, und die Mode wird als Kulturgut inszeniert.

          Dior treibt den Traditionssinn am weitesten

          Nicht nur den Mythos der Mode-Hauptstadt nutzt die Couture – sondern auch den eigenen. Wohl noch nie war man so sehr auf die eigene Herkunft fixiert, gut zu sehen an den vielen Déjà-vu-Entwürfen von Givenchy. Was für eine Größe der neuen Designerin Clare Waight Keller, dass sie sich so klein macht! Statt sich selbst in den Vordergrund zu rücken, lässt sie den am 10. März verstorbenen Hubert de Givenchy wieder auferstehen. Man glaubt doch wirklich, in dem Model mit dem langen Cape-Kleid Audrey Hepburn in „Funny Face“ zu erkennen.

          So öffentlich, wie nie: Die neue Kollektion der Marke Givenchy wird im Park der Archives Nationales präsentiert.

          Am weitesten treibt Dior den Traditionssinn. Wie in der großen Ausstellung über den vor sechs Jahrzehnten verstorbenen Modemacher, so stehen nun die Puppen in den hohen Regalen. Die Models paradieren in Glockenröcken, die aussehen wie aus der guten alten Zeit. Nichts mehr von wegen „We are all feminists“! Designerin Maria Grazia Chiuri geht ins Archiv und reiht sich in die Geschichte ein. Souverän selbstreflexiv: Die Mode wird wie im Museums-Ambiente präsentiert, noch dazu im Garten des wirklichen Rodin-Museums, und gleichzeitig weist man darauf hin, dass die große Ausstellung „Couturier du Rêve“ vom Januar 2019 an erweitert als „Designer of Dreams“ im Victoria & Albert Museum in London zu sehen sein wird.

          In der Mode ist es mindestens so leichtfertig wie im Fußball, einen zeitgeschichtlichen oder politischen Hintergrund hineinzugeheimnissen. Es bietet sich natürlich an, die Rückbesinnung auf die Urväter als Reflex auf unsichere Zeiten zu verstehen. Aber es wäre wohl wirklich nur ein Reflex, denn es gab Zeiten, die unsicherer waren und dennoch mit futuristischen Visionen beantwortet wurden. Eher scheint die Liebe zum Gestern mit der markenstrategischen Überlegung zusammenzuhängen, neue Märkte überhaupt erst einmal mit dem eigenen Erbe vertraut zu machen. Denn in der ersten Reihe sitzen nicht mehr nur die alten Damen aus Paris, die das alles kennen – sondern auch Mädchen und Jungen, die von ihren Müttern einen Crashkurs in Sachen Luxus bekommen.

          Andererseits: Selbst avantgardistische Designer setzen sich mit ihrer Geschichte auseinander. Und dabei denkt Demna Gvasalia von Vetements nicht in erster Linie an Markenführung. Nach seiner Schau unter dem Périphérique-Straßenring sitzt Modekritikerin Lisa Armstrong vom „Daily Telegraph“ einigermaßen erschüttert in der Métro-Linie 7. „Obendrüber war eine Obdachlosensiedlung“, sagt sie. „Das muss Demna doch gewusst haben.“ Mag sein. Aber Zynismus kann man dem Designer nicht unterstellen. Mit den teils brutal, teils pervers, teils robust wirkenden Entwürfen setzt er sich mit seiner georgischen Jugend auseinander. Dass es sich gut verkauft, ändert nichts an der biographischen Wucht.

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