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Mit diesem Foto dokumentierte Tra My Nguyen ihr Masterprojekt. Bild: Tra My Nguyen

Vorwürfe gegen Luxuskonzern : Hat Balenciaga den Entwurf einer Studentin kopiert?

  • -Aktualisiert am

Eine Studentin schickt ihr Portfolio in der Hoffnung auf ein Praktikum an den Luxuskonzern Balenciaga. Wenig später veröffentlicht der Konzern einen Post auf Instagram – das Bild ähnelt einem Entwurf der jungen Frau.

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          Als „Lösegeld für den Erfolg“ hat Coco Chanel Plagiate einst bezeichnet. Das ist wohl der positive Blick auf einen Kopiermechanismus, mit dem so viele nahezu identische Motive produziert werden, dass die Modeindustrie bisweilen als „copycat industry“ gilt. Normalerweise sind es Schöpfungen solventer Luxusmarken, die als Pausvorlage für billige Kopien benutzt werden. Diesmal aber scheint ein französischer Luxuskonzern gezielt bei Studentinnen und Studenten nach Inspiration gesucht zu haben – und zwar unautorisiert.

          So scheint es zumindest im Fall der Modedesign-Absolventin Tra My Nguyen zu sein. Für ihr Abschlussprojekt an der Berliner Universität der Künste hat sie Sonnenschutzkleidung über Motorrollern drapiert, eine Referenz an die Rollerfahrerinnen in ihrem Herkunftsland Vietnam. Als sie ihre Master-Präsentation im vergangenen Jahr vorstellte, war auch eine Mitarbeiterin des Pariser Modehauses Balenciaga dabei. Nguyen zufolge wurde sie vom Lehrpersonal als Recruiterin vorgestellt.

          „Sie hat Fotos von der Präsentation, aber auch von den Mood Boards und Arbeitsplätzen der Studierenden gemacht“, erzählt Nguyen am Telefon. Nach der Präsentation habe sich die Balenciaga-Mitarbeiterin per E-Mail bei ihr gemeldet und mit Aussicht auf einen Praktikumsplatz nach ihrem Portfolio gefragt, das auch die Motorroller-Serie zeigte. Von der Balenciaga-Mitarbeiterin, die laut Signatur und LinkedIn dem Bereich Creative Development Strategy angehört, hörte die damalige Studentin danach nichts mehr.

          „Für mich war das ein persönliches Thema“

          „Als ich dann vor einigen Tagen zufällig das Bild von Balenciaga bei Instagram entdeckt habe, war ich extrem aufgewühlt. Nicht nur die Kleidung und das Motorrad, sondern auch das ganze Setting sah nach meiner Abschlussarbeit aus. Ich war vor allem schockiert, weil es für mich ein persönliches Thema mit einer kulturellen, sozialen und politischen Dimension ist und Balenciaga das Foto einfach kommentarlos und vollkommen aus dem Kontext gerissen reproduziert hat“, sagt sie.

          Die Fotos und den E-Mail-Verkehr publizierte Nguyen anschließend auf ihrem Instagram-Profil als Beleg und hinterließ unter dem Beitrag von Balenciaga einen Kommentar, um auf die Situation aufmerksam zu machen und nach einer Stellungnahme zu fragen. Dieser wurde vom Unternehmen kommentarlos gelöscht, aber die Geschichte der UdK-Absolventin ging in den sozialen Netzwerken viral.

          Die Geschichte wurde von Diet Prada aufgegriffen, einem Instagram-Account, der Fehlverhalten in der Modeindustrie anprangert, und hat Balenciaga zumindest für kurze Zeit einen unrühmlichen Zusatz im englischen Wikipedia-Eintrag eingebracht: „Also known for stealing art work from Tra My Nguyen. The art work represented Vietnamese scooter culture and took years to come to fruition only to be stolen by „recruiters” poaching new ideas from students.”

          Ein Plagiatshinweis auf Wikipedia wurde inzwischen wieder entfernt.
          Ein Plagiatshinweis auf Wikipedia wurde inzwischen wieder entfernt. : Bild: Screenshot: Quynh Tran

          Weitere Vorwürfe gegen Balenciaga

          Dabei ist es nicht das erste Mal, dass Balenciaga und dessen Kreativdirektor Demna Gvasalia ein Plagiat vorgeworfen wird. 2018 wurde das Modehaus vom Hersteller des bekannten Duft-Bäumchens für Autos wegen eines identischen Schlüsselanhängers und von dem Souvenir-Unternehmen City Merchandise wegen eines Taschen-Replikats verklagt. Das bekannteste Balenciaga-Plagiat hingegen, die blaue Frakta-Tasche von Ikea, wurde vom Hersteller mit Humor gekontert. Mit der Umdeutung von Billigprodukten wie etwa dem DHL-T-Shirt für seine eigene Marke Vetements hat sich Gvasalia einen Namen gemacht, schon bevor er Kreativdirektor bei Balenciaga wurde.

          Auf eine Anfrage zu den Vorwürfen von Tra My Nguyen reagierte das Unternehmen bis Montagnachmittag nicht. Sollte sich herausstellen, dass Mitarbeiter großer Unternehmen bewusst bei Studierenden nach Ideen suchen und sie bisweilen auch kontextlos kopieren, dürfte das in Zukunft noch zu größeren Skandalen führen. Immerhin wurde sich hier bei einem jungen Menschen ohne Reichweite und Macht bedient, nicht bei einem Unternehmen mit Millionenumsatz. Dass so ein Fall ans Licht kommt, ist auch den sozialen Medien zu verdanken.

          Tra My Nguyens Arbeit jedenfalls bekommt gerade Aufmerksamkeit, wenn auch die Entlohnung ausbleibt. „Vielleicht müssen auch Unis daran mitarbeiten, das geistige Eigentum ihrer Studierenden zu schützen“, sagt sie. Nach dem Post sei sie von anderen Studenten und Absolventen angeschrieben worden, die ihr berichteten, sie seien ebenfalls mit der Aussicht auf ein Praktikum von großen Modemarken um ihr Portfolio gebeten worden.

          Für Nguyen geht es neben der Suche nach einem eigenen Projektraum als nächstes in eine Künstlerresidenz bei Dada Post. Sie sagt: „Ich war ohnehin skeptisch gegenüber der Industrie, und das ist ein guter Zeitpunkt, um meinen echten Interessen nachzugehen. Es gibt gerade einen Trend, Mode zu entkommerzialisieren. Ich will daran mitarbeiten, einen kritischen Blick auf die Mode zu schärfen.“

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