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„Kleiderpolizei“ im Hochsommer : Liberté, Egalité, Décolleté

  • -Aktualisiert am

Zwei Frauen genießen das Sommerwetter an einem Pool – sehr freizügig. Bild: dpa

Es ist sehr heiß. Während die einen nur an Abkühlung denken, stören sich die anderen an freizügiger Sommerkleidung. In Frankreich wehren sich viele Frauen auf Twitter gegen diese Verurteilung.

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          Temperaturen von 40 Grad ist man vielleicht aus dem Griechenlandurlaub gewohnt, aber nicht aus Deutschland, obwohl der Rekorde brechende Hitzesommer im vergangenen Jahr eine ganz gute Einstimmung war. Wir erinnern uns: Die Ventilatoren waren allerorts ausverkauft, jegliche Kleidung am Körper fühlte sich abseits von klimatisierten Räumen an wie ein schwerer nasser Sack. Anzug tragende Männer legten letztes Jahr Beschwerde ein, weil sie im Gegensatz zu Frauen in Röcken – laut Dresscode – keine kürzeren Shorts bei den hohen Temperaturen tragen dürfen. Das veranlasste einige von ihnen kurzerhand zu einer Protestaktion, bei der sie Röcke und Kleider auf der Arbeit trugen. Dieses Jahr gibt es wieder einen neuen Sommer-Hashtag zum alten „Was-zieh-ich-an“-Problem.

          Eine Frau in Frankreich startete den Hashtag #JeKiffeMonDecollete, zu Deutsch „Ich liebe mein Dekolleté“, weil sie auf der Straße für ihr luftiges Kleid mit Ausschnitt beschimpft wurde – und postete dazu ein Bild ihres Dekolletés. Viele andere Frauen taten es ihr auf Twitter gleich und posteten noch ganz andere Variationen: Neben dem herkömmlichen Selfie findet sich auch mal ein Bild von zwei Spiegeleiern, die wie zwei Brüste auf einen Teller drapiert sind.

          Im öffentlichen Raum verhält es sich nämlich oft anders als in den geschlossenen Büroräumen, in denen Männer die langen Anzughosen tragen müssen und Frauen in Sommerkleidern klar im Vorteil sind.Trägt eine Frau einen kurzen Rock oder ein knappes Top auf der Straße, kommen Reaktionen oft automatisch: Von Beschimpfungen über Maßregelungen bis hin zu unangemessenen Anmachsprüchen – viele Frauen erleben all das. Das ist nicht immer so, passiert aber doch zu häufig, um bloßer Zufall zu sein. Das zeigt auch die große Beteiligung an dem Hashtag in Frankreich.

          Wenn Männer oben ohne Rad fahren oder Basketball spielen, ist das hingegen kein Problem. Schon klar, es ist heiß, aber Frauen stellen sich vielleicht zurecht die Frage: Warum darf ich das nicht – unabhängig davon, dass ich das vielleicht gar nicht will? Eine Erklärung hierfür ist, dass der Körper der Frau noch immer stärker sexualisiert wird als der des Mannes.

          Erst kürzlich machte die Soziologin Barbara Kuchler auf dem Evangelischen Kirchentag auf sich aufmerksam, weil sie die Ungerechtigkeiten bei Kleidungsfragen zwischen Männern und Frauen gern aufheben würde. Sie rief die Modeindustrie dazu auf, die Kleidung von Frauen und Männern anzugleichen: Es brauche entweder „Kartoffelsäcke für alle“ oder enge, körperbetonte Klamotten für alle Geschlechter. Doch mit knapper Kleidung hat die Wissenschaftlerin aus Bielefeld so ihre Probleme. Sie findet, dass Frauen sich nicht wundern müssen, wenn sie beim Tragen knapper Kleidung begrapscht werden, wofür ihr medial, aber auch vor Ort auf dem Kirchentag, viel Kritik entgegenschlug.

          Bleiben trotz hoher Temperaturen also nun nur noch die Kartoffelsäcke? Das Paradox zwischen Hitze und knapper Kleidung mag für so manchen nicht auflösbar sein – die Frauen auf Twitter zeigen trotzdem, was sie von einer Züchtigung ihrer Sommerkleidung halten. Noch ein Sommertipp aus der Redaktion: Einfach nett zueinander sein – und jeden das tragen lassen, was er oder sie will. Heiß ist es schließlich für jeden.

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